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Alles ein BildDurchfahrene Leben in Pastell

Die Haut spannt und überall knirscht es, Menschen wirken wie in einem 3D-Programm multipliziert. Am ersten Maiwochenende schmiegen sich die Paralleluniversen aneinander.

Ratlose Füchse von Malte Urbschat im Kunstverein am Rosa-Luxemburg-Platz Foto: Frank Hauschildt

E s knirscht im Neuköllner O Tannenbaum: Körper knirschen weich, als sich die Menschentraube durch die Tür in die schlauchige Kneipe schiebt, der kalte Rauch in den Wandritzen und der lauwarme Schawarma in der Hand eines Studenten knirschen drinnen sogar mächtig gewaltig in der Nase und natürlich knirschts auch erstmal im Ohr bei der Anmoderation: Hallo, wir sind Kollektiv Knirschen.

Die Literaturkollegin J. ist daran beteiligt, es ist die erste Veranstaltung einer Reihe, die nun regelmäßig stattfinden soll: Literatur und Musik an Orten der Nacht. Nun ist es noch nicht so richtig Nacht, von der Herrmannstraße suppt das Nachmittagslicht durchs Fenster, während Andrej Schulz, ein sympathischer Naturschützer oder Computernerd oder Germanist eine lange Geschichte über Bärengehege mit Live-Stream-Kameras, über Krieg, über Arbeit, über das Menschsein und das Alleinsein vorliest.

Fell wächst in die Ohrmuscheln und dann wird der Autor der Bär. Während das passiert, passiert es dann doch wiederum nicht oder nicht richtig oder nur kurz. Ich verliere den Text und bestelle noch ein Bier. Mit glitzernden Augen beobachte ich J. Mittlerweile liest Ken Keseys Übersetzerin aus ihrer deutschen Version seines „Seemannslieds“. Später spielt ein Junge mit Topfhaarschnitt neurotisch-gute Altmänner-Songs auf einer Gitarre und nennt sich Abrißbirne: „Sometimes when I look at you, I'd like to press delete.“ Härter wird’s nicht heute Abend, die Stahlkugel ist aus Plüsch und tatsächlich einfach auch niemand hier, den man löschen wollen könnte.

Aquariumfisch mit Computer

Zwei Tage später erwache ich in einem Paralleluniversum. Weiche neue Blätter malen blaue Schatten an die Zimmerdecke. Es ist heiß, alle milchigen Töne von draußen gedämpft. Der Mai hat mich in einen Aquariumfisch verwandelt. Einen Aquariumfisch mit Computer. Erst am frühen Abend verlasse ich die Wohnung, steuere mich und mein Fahrrad in Richtung Mitte.

In Kreuzberg fordert man Straßen aus Zucker, findet aber lediglich feingesplittertes Glas auf dem Asphalt. Die Menschenmassen, die mir vom Mariannenplatz entgegenströmen sind die gleichen fünf Menschen, in einem 3D-Programm multipliziert: gepanzerte Polizisten, Spaghetti-Haare-bauchfrei-Jeans-Mädchen, Baggy-Pants-Base-Cap-Vape-Boys, Postautonome-Radkuriere und Kristen-Stewart-VoKuHiLa-Fans. Zwischen zwei Demoblöcken hindurch schlüpfe ich in die Dresdener Straße, zwei Blöcke weiter beginnt der nächste Kosmos. Die Schlange am KitKatClub wartet brav bis hinter auf die Köpernicker, in praller Antizipation der kontrollierten Entgleisung spannt sich die Haut mittlerer Angestellter in Nylon-, Leder-, Latexlücken, geredet wird wenig.

Die leere Frankfurter Allee dehnt sich unter dem hellrosa Horizont und auch vor der Volksbühne treiben sich nur wenige Grüppchen in der Dämmerung des begonnenen Gallery Weekends herum. In der Galerie Schlechtriem hat der Goldzahnglitzermaler Bernhard Martin fünfundzwanzig wahnwitzige Meter Leinwand installiert. In pastelligen Ölfarben findet sich hier feinaufgetragen das eben durchfahrene Leben: die spannende Haut und fliegende Gurken, DNA-Helixe, Faultiere, Hände Demonstrierender, Fische gefangen im verwaschenen Wahnsinn aus Münzen, Zigaretten, Abnehmspritzen. Eine Meise dirigiert die Menschenmassen, im Hintergrund die zerschmetterte Badezimmertür aus „Shining“. Ich will raus aus dem Bild. In Ungarn sollen die kleinen Vögel dabei beobachtet worden sein Zwergfledermäuse im Winterschlaf gefressen zu haben.

Zurück am Platz blicken im Kunstverein drei Füchse von Malte Urbschat ratlos durch die Scheibe. Ein paar der 3D-Polizisten erscheinen im Bildausschnitt, leise knirschen ihre Panzer. „Sometimes when I look at you, I'd like to press delete.“

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Hilka Dirks
Redakteurin Kultur
Redakteurin für Berlinkultur & Theater. Freie Autorin und Grafikerin. Studierte Erziehungswissenschaften, Philosophie, visuelle Kommunikation (B.A.) und Grafikdesign (M.A.) in Berlin. Promoviert an der UdK Berlin. Organisiert unregelmäßig Veranstaltungen im Bereich Kunst und Literatur und schreibt gerne Essays für den Deutschlandfunk.
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