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Kunst der WocheDer Bois d’Arc und die Tränenfänger

Von der Osage Orange bis zur abgewaschenen Tinte: Zwei Berliner Ausstellungen verbinden Kolonialgeschichte, indigenes Wissen und persische Literatur.

I m Botanischen Garten sind im Herbst auffällig große, bis zu einem Kilo schwere Früchte zu bestaunen, die wie runzelige Orangen aussehen. Sie gehören zu einem außergewöhnlichen Baum, der Anstoß zu einem seit 2009 andauernden, multiperspektivischen Langzeitprojekt der Künstlerin Antje Majewski gab.

Osagedorn, Bodark oder Milchorangenbaum genannt, stammt Maclura pomifera aus dem Mittleren Westen und Süden der USA. Deshalb stößt man über den Baum mit seinem ungewöhnlich harten Holz und seinen vielen Dornen zwangsläufig auf die Geschichte von der Eroberung des nordamerikanischen Kontinents, der Kolonisierung und Zerstörung der indigenen Kulturen wie der Natur, aber auch auf die Rettungsversuche. Arbeiten von Antje Majewski und Jen Tiger, Angehörige der Osage Nation, die nach einer Recherchereise durch die Region 2022 entstanden, sind jetzt im Gutshaus Steglitz zu sehen.

Jen Tiger übersetzt ihre Funde zu den inzwischen berühmt-berüchtigten Umerziehungsmaßnahmen der Siedler in hyperästhetische, raffinierte Text-Bild-Montagen mit den Schülerlisten und Curricula der Mission School at Harmony, alten Familienfotos und Porträts in Öl. Auf diese nachdenklich-stillen Bilder folgt als Kontrapunkt Antje Majewskis malerische Installation des Bodark-Baums (nach dem französischen „bois d’arc“, denn die Osage stellten aus dem Holz ihre Jagdbögen her).

Die Milchorange gegen den Klimawandel

Ein Großformat des mit Dornen und Früchten beladenen Baums ist raumfüllend von kleineren Gemälden der Frucht umstellt. Sofort denkt man an die von diesem Baum gebildete Dornenhecke von der der Forstmann Mark Bays in einem Video der Künstlerin spricht, in dem sie sich auch mit dem Osage-Ältesten und Bogenbauer Raymond Lasley unterhält. In den Gesprächen geht es um die schändliche Geschichte der Siedlerbewegung, um die Jagdkultur der Osage, wie um die Geschichte der seit den 1920er Jahren entstehenden Forstwirtschaft in den Staaten Oklahoma, Kansas, Missouri und Arkansa. Im Kampf gegen die Umweltzerstörung und den Klimawandel nimmt die Milchorange, die Hitze und Trockenheit gut verträgt, eine zentrale Stellung ein. Wir sollten uns unbedingt mit ihr bekannt machen.

Die Auseinandersetzung mit der klassischen persischen Literatur steht im Zentrum künstlerischen Arbeit von Masha Aleph. Jowhar bedeutet sowohl Essenz als auch Schreibtinte und ist der Titel ihrer zentralen Installation im Haus am Kleistpark. Lange, mit Tinte beschriftete Papierbahnen hängen von der Decke und Metallgestell hält mit Tinte gefüllten Gläschen, sogenannte Tränenfänger. Teils ist die Schrift kaum mehr sichtbar, abgewaschen, wie die Filmarbeit Reanimation (2026) zeigt. Die so gelöste Tinte sammelt die Künstlerin in den Gläsern. Zärtliche Care-Arbeit an Schrift und Literatur, denn wie sie Ibn Arabi zitiert: „Ich bin die Summe aller Worte, die zu mir gesprochen wurden.“

Die Ausstellungen:

Antje Majewski & Jen Tiger, Osage Orange, Galerie Gutshaus Steglitz, Schloßstr. 48, Mo-So 10-18 Uhr, bis 18. Oktober

Mahsa Aleph: What is washed returns as language, Haus am Kleistpark, Grunewaldstr. 6/7, Di-So 11-18 Uhr, bis 20. September

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Brigitte Werneburg

Brigitte Werneburg

war Filmredakteurin, Ressortleiterin der Kultur und zuletzt lange Jahre Kunstredakteurin der taz. Seit 2022 als freie Journalistin und Autorin tätig. Themen Kunst, Film, Design, Architektur, Mode, Kulturpolitik.
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