Kritik an RTL zum Dschungelkönig: Die Antiheldenreise
Im Dschungelcamp polierte RTL Gil Ofarims Image durch fehlende Einordnung seiner Aussagen. Seine Krönung zum Dschungelkönig ist ein Abo-Kündigungsgrund.
D ie 7,99 Euro im Monat für mein RTL-Plus-Abo waren für mich immer gut investiertes Geld. Denn: Nichts gucke ich lieber als Reality-Fernsehen. Und auf keine Show freue ich mich dabei so sehr wie auf das Dschungelcamp, der größten Unterhaltungsshow im deutschen Fernsehen. 17 Tage Eskapismus am Stück.
Doch dieses Jahr war anders. RTL schickte den Musiker Gil Ofarim auf eine Heldenreise, die schließlich in seiner Krönung zum Dschungelkönig endete. Warum, habe ich nicht verstanden. Schließlich war Ofarim, nachdem er sich 2021 fälschlicherweise als Opfer antisemitischer Äußerungen des Leipziger Hotelmitarbeiters Markus W. dargestellt hatte, nicht gerade beliebt.
Und auch im Dschungel tat er nicht viel dafür, um das zu ändern: Nicht nur, dass Ofarim vor einem Millionenpublikum die Unwahrheit sagte, er inszenierte sich 17 Tage lang als passives Opfer seiner eigenen Handlungen. Eigentlich das perfekte Futter für eine Show wie das Dschungelcamp. Aber egal, was Ofarim sagte: Die Produktion schwieg.
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Er sei damals vor Gericht freigesprochen worden, erzählte Ofarim etwa Simone Ballack am Lagerfeuer. Dass das Verfahren aber eigentlich eingestellt wurde und das auch nur aufgrund seines Schuldeingeständnisses, blieb tagelang unerwähnt. Im Wiedersehen am vergangenen Montag hieß es dann dazu, man wolle sich nicht in der Juristerei verlieren.
Ofarim wollte sich nicht äußern
Ansonsten wollte sich Ofarim im Camp nicht zu seinem Fall äußern. Grund sei die Verschwiegenheitserklärung, die er angeblich unterschrieben haben soll. Doch schon nach wenigen Tagen klärte der Anwalt des Hotelmitarbeiters Markus W. auf: Ofarim sei nicht der Verschwiegenheit verpflichtet. Er dürfe lediglich nicht mehr die nachweislich falsche Behauptung äußern, er sei damals wegen seiner Davidstern-Kette nicht ins Hotel gelassen worden. RTL konfrontierte Ofarim nicht mit diesem Widerspruch. Selbst als dieser im Wiedersehen weiterhin an seiner Aussage festhielt.
Und dann war da noch das Bild, das Ofarim von sich selbst inszenieren konnte. Das von dem leidenden Typen – die Moderation nannte ihn „devot“ –, der ja vielleicht doch gar nicht so schuldig ist, wie alle denken. Er hätte auch ein schlechtes Bild von sich, wenn er nur das wisse, was die Öffentlichkeit weiß. Er habe die Schuld auf sich nehmen müssen, sonst hätte er seine Kinder verloren. Immer wieder spielte Ofarim mit dem Raum zwischen den Zeilen, der suggerieren konnte: So wie ihr denkt, war das damals alles gar nicht. Dass sein Fall sowohl juristisch als auch journalistisch bestens aufgearbeitet wurde, erzählte dem Dschungelcamp-Publikum niemand.
Für diese Einordnung sei keine Zeit, erklärte Moderatorin Angela Finger-Erben in „Die Stunde danach“, dem Nachbesprechungsformat der Folge. Schließlich sei der Dschungel eine Unterhaltungssendung. Ein absurdes Argument. Ich habe in den letzten zweieinhalb Wochen ungefähr 51 Stunden damit verbracht, die Show und ihre Nachbesprechung zu verfolgen. Mehr als genug Zeit, wie ich finde.
Dass Ofarim die Tatsachen während seiner Zeit im Dschungel immer wieder suggestiv verdrehte und keinerlei Verantwortung für sein Handeln übernahm, ist das eine. Viel gravierender war der Umgang der Produktion damit. Denn diese stilisierte ihn mit ihrer parteiischen Moderation und der fehlenden Einordnung zum gebrochenen Mann.
Fall scheint neu aufgerollt
Wirft man einen Blick in die Kommentarspalten der Dschungelcamp-Social-Media-Kanäle, sind diese voll mit Ofarim-Fans, die ihn für seine Art im Camp loben. Die meinen, es sei doch jetzt genug. Und es gibt diejenigen, die in den Google-Bewertungen des Westin Hotels in Leipzig seine Schuld anzweifeln. Der Fall Ofarim scheint auf einmal wieder neu aufgerollt. Ob und wenn ja, was da in den kommenden Wochen noch auf Markus W. zukommt, ist unklar.
Beängstigend finde ich, wie reproduzierbar diese Situation ist. Die Leute lieben eine gute Heldenreise. Noch nie zuvor gab es so viele Anrufe, um abzustimmen, wer das Dschungelcamp gewinnen soll, wurde im Finale verkündet. Die Heldenreise von Gil Ofarim wurde am Ende mit seinem Sieg belohnt. Dass RTL diese ohne jegliche Reue gewährt, war mir vorher nicht bewusst.
Bis zum Schluss hoffte ich, dass das Framing rund um Ofarim nur ein gutes Schauspiel war. Dass die Show noch kurz vor Ende verkündet, wie sie das Publikum auf seine Seite gezogen haben, um der Gesellschaft den Spiegel vorzuhalten. Mit seiner Krönung zum Dschungelkönig schaltete ich aus. Und kündigte mein RTL-Plus-Abo.
Anmerkung der Redaktion: Wir hatten ursprünglich geschrieben, dass sich Gil Ofarim „letztes Jahr“ fälschlicherweise als Opfer antisemitischer Äußerungen des Leipziger Hotelmitarbeiters Markus W. dargestellt hatte. Wir haben das zu „2024“ korrigiert.
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