Kritik an Berichterstattung über Krisen: Was wirklich vergessen wird
„Keiner spricht über …“ wird sich oft empört bei Krisen, über die aber doch berichtet wird. Das macht gute Arbeit und wirklich Übersehenes unsichtbar.
E ine bekannte deutsche Redensart lautet: „Aus den Augen, aus dem Sinn“. Damit ist gemeint, dass Abwesendes leicht vergessen wird. Und so verhält es sich mit „vergessenen Krisen“. Hand aufs Herz, wie oft haben Sie in den vergangenen Tagen und Wochen an die Hungersnot im Kongo, die Brotkrise in Ägypten, an die Flut in Pakistan, an den Krieg im Jemen, an die Situation der Menschen in Syrien, die tödliche Korruption im Libanon, an die Dürre in Sambia, die Proteste gegen die Regierung auf Haiti, Terroranschläge im Irak oder die Fluchtbewegungen in den zentralamerikanischen Ländern Guatemala oder Honduras gedacht?
Wenn Sie sich nun bei einer dieser Krisen gut informiert fühlen, arbeiten Sie entweder bei einer entsprechenden Hilfsorganisation, sind Expert*in für die jeweilige Region oder Sie suchen sich gezielt die entsprechenden Informationen heraus. In jeder noch so gut kuratierten Zeitung oder anderen entsprechenden Nachrichtenangeboten kommen diese Länder selten vor. Und die Liste der „vergessenen Konflikte“ ist leider sehr, sehr lang.
Oft wird auf Sozialen Medien die Formulierung „keiner spricht über …“ bemüht. Auch im Zusammenhang mit Krisen, die dauerpräsent sind. Im Zusammenhang mit dem Angriffskrieg auf die Ukraine oder die aktuellen Proteste im Iran fiel schon der Satz: Niemand spricht darüber. Empört wurde gefragt: Warum sagt niemand etwas dazu?
Achtung: Aumerksamkeitsökonomie
Dabei ist die Ansicht, dass diese Krisen vergessen seien, zum Glück falsch. Im Kontext des Aufstands gegen das klerikalfaschistische Mullah-Regime im Iran und der Selbstverteidigung der Ukrainer*innen gegen Putins Angriffskrieg wird mit solchen Suggestivfragen die Arbeit von vielen Journalist*innen und Aktivist*innen unsichtbar gemacht, die eben dafür sorgen, dass ein breites Publikum hinschaut.
Natürlich müssen wir uns als Menschen mit der Aufmerksamkeitsökonomie auseinandersetzen. Für eine Mehrheit geht es vielleicht noch um die Spendenbereitschaft, die bei allen am Anfang aufgelisteten Krisen sehr niedrig ist. Bei politischen Entscheider*innen geht es allerdings darum, welche Handels-, Sicherheits- und Außenpolitik sie verfolgen. Wenn ihnen über die Ökonomie der Aufmerksamkeit suggeriert wird, dass ein Konflikt wenig Interesse erzeugt, kümmern sie sich auch wenig bis gar nicht darum.
Dazu kommt noch, dass mit der lapidaren Behauptung, die Ukraine oder der Iran seien vergessen, die wahren „vergessenen Krisen“ weiter in Vergessenheit geraten. Wenn vermeintlich niemand über die Situation in der Ukraine redet (die auf allen großen News-Seiten regelmäßig weit oben steht), müsste die Situation der Frauen in Afghanistan supervergessen sein?
Das nächste Mal, bevor man also behauptet, dass niemand über ein bestimmtes Thema spricht, lohnt es sich, wenigstens die Suchleiste kurz zu bemühen.
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