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Krieger des Lichts

Russlands Armee greift die ukrainische Energieversorgung an und treibt die Menschen mitten im Winter in Kälte und Dunkelheit. Eine Begegnung mit Männern, die unter Lebensgefahr Leitungen flicken

Reparaturen im Dorf Vyshchetarasivka nach einem Angriff von Russlands Soldaten

Aus Kyjiw, Krywyj Rih, Marhanez, Saporischschja und Vyshchetarasivka Daniel Schulz (Text) und Khrystyna Lizohub (Fotos)

Sie tragen den Mann mit dem gelben Helm auf Händen. Sie haben ihn gefragt, ob er wirklich einer von denen ist, die dafür sorgen, dass es nach den Angriffen aus Russland wieder Licht gibt. Weil er mit diesem gelben Helm zum Konzert gekommen ist und in einer grauen Arbeitsjacke. Er hat Ja gesagt. Sie haben ihn hochgehoben. Und auf der Bühne spielt die Band sein Lied:

Das Kraftwerk arbeitet –

der Ingenieur schläft.

Er träumt, dass das Leben

nur ein ­kurzer Augenblick ist.

Die Zeit vergeht unaufhörlich

wie ein Blitz.

Die Donnerschläge des Gewitters

sind nur Erinnerungen an uns.

„Energetik“, der Titel lässt sich auf Deutsch etwas sperrig mit „Energie­ingenieur“ übersetzen. Es ist der einzige Song an diesem Abend, bei dem fast alle im Publikum tanzen, zärtlich, langsam; wer rempelt entschuldigt sich. Die Gruppe DK Energetik spielt monotonen Postpunk. Sie fasst die dunklen Gedanken in Worte, die viele Ukrai­ne­r:in­nen weder sich selbst noch ihren engsten Freun­d:in­nen eingestehen: die Angst, von der russischen Armee umgebracht zu werden, und dass das dem Rest der Welt egal wäre. So sagen es Fans im Saal. Die meisten hier sind jung. 20 Jahre alt, 25, dazwischen auch welche in ihren 30ern und 40ern. Sie lachen, trinken an der Bar, sind gelöst. Es ist der 20. Dezember in Kyjiw, draußen vor dem Club haben diese Ukrai­ne­r:in­nen zu Hunderten in langen Schlangen in der Kälte gefroren. In der Wärme hier drinnen feiern sie einen Mann, der ihnen den Strom wieder anstellt.

Im vierten Winter des Kriegs versucht Russland mit Drohnen und Raketen erneut alles zu zerstören, was Menschen in der Ukraine Licht, Wärme und Wasser gibt, alles, was Strom erzeugt und leitet. Moskaus Soldaten attackieren Kraftwerke, Transformatoren und Überlandleitungen. Vor dem Konzert von DK Energetik im Dezember hat es solche Angriffe auf Kyjiw bereits gegeben, in vielen Häusern fließt der Strom nur stundenweise, Menschen bleiben in Fahrstühlen stecken, Pumpen fallen aus und lassen die obersten Stockwerke der Wohnblöcke ohne warmes Wasser.

Es wird noch schlimmer kommen.

In der Nacht vom 8. auf den 9. Januar schlägt Russland so hart zu, dass über 400.000 Haushalte keinen Strom mehr haben. So sagt es Vitali Klitschko, der Bürgermeister der Hauptstadt, in ukrainischen Medien, und er sagt auch, dass die Hälfte der Wohngebäude ohne Heizung sind. Nachts sinken die Temperaturen auf minus 20 Grad. Die Versorgung mit Wasser ist stellenweise unterbrochen. Die Lage ist so ernst, dass Klitschko die Ein­woh­ne­r:in­nen von Kyjiw bittet, die Stadt, wenn möglich, zu verlassen.

Ist es da ein Wunder, dass Elektriker und Kraftwerksingenieure eine ähnliche Wandlung erleben wie schon die Lok­füh­re­r:in­nen und Schaff­ner:in­nen der Ukrainischen Eisenbahnen? Vor dem Krieg waren sie oft übersehene Ar­bei­ter:in­nen, über die man sich ärgerte, weil etwas nicht schnell genug ging. Spätestens seit diesem Winter sind sie für viele Ukrai­ne­r:in­nen so etwas wie Held:innen.

Aber wie arbeiten sie in diesem Krieg? Kommt etwas von der Verehrung in ihrem Alltag an? Wie sieht es im Osten und Südosten des Lands aus, weit weg von der Hauptstadt?

17. Dezember 2025, drei Tage vor dem Konzert von DK Energetik. Es ist zehn Uhr morgens und zwei Grad über null. Die feuchte Winterkälte betäubt die Finger und findet die Haut auch unter mehreren Pullovern. Niemand trägt die beiden Elektriker ­Oleksandr ­Zalushnyi, 39 Jahre alt, und Vitalii ­Fisun, 54, auf Händen über die löchrigen Straßen und rutschigen Feldwege von Vyshchetarasivka, einem Dorf am Fluss Dnipro, 550 Kilometer südöstlich von Kyjiw. Das wäre auch schwieriger als bei ihrem schmalen Kollegen in der Hauptstadt. Die zwei Männer sind massiv und stabil. Kinne, Nasen und Lippen wie aus Granit gebrochen, ihre Stimmen klingen wie das Rollen von Steinen. Zwei wie Golem, wenn da nicht die Wärme in den Augen wäre. Witze machen sie auch. „Ich liebe Kabel, ich komme einfach nicht von ihnen los“, sagt Oleksandr Zalushnyi auf die Frage, warum er diesen Job macht. Vorher hat er in einer Kabelfabrik in der nahen Großstadt Saporischschja gearbeitet.

Statt gelber Helme tragen die beiden schwarze. Die sollen Gewehrkugeln und Granatsplitter abhalten. Sie tragen auch kugelsichere Westen. Die russische Armee hält das andere Ufer des Dnipro seit 2022 besetzt. Etwa zehn Kilometer Luftlinie sind es bis dahin. Von dort schickt Moskaus Militär seine Kamikazedrohnen über das Wasser – billige Flugmaschinen aus dem Onlineversand oder Marke Eigenbau, bestückt mit den Sprengköpfen alter sowjetischer Panzerabwehrwaffen. Sie explodieren beim Aufprall. Einige Häuser in Vyshchetarasivka haben seit einem Angriff von drüben keinen Strom mehr oder zu wenig, als dass eine Waschmaschine liefe oder eine Elektroheizung. Die beiden Elektriker suchen nach der Ursache. „Aber das Dorf wurde so oft getroffen, es ist schwer zu sagen, was der Grund ist“, sagt Vitalii Fisun.

Er zeigt auf einen Transformator, einen grauen Kasten aus Metall, der den Hochspannungsstrom der großen Überlandleitungen in für Haushaltsgeräte, Telefone und Lampen verträgliche Stärken umwandelt und an die Häuser des Dorfes weiterleitet. Sollte er jedenfalls. Der neben ihm funktioniert schon seit einem Jahr nicht mehr, sein Gehäuse ist verbeult, die Türen weg, im Inneren gähnen Löcher, wo eigentlich elektronische Bauteile sitzen sollten. Das Netz, das sie hier zum Schutz vor Kamikazedrohnen gespannt haben, hängt in Fetzen. Flecken und Spritzer in Rauchschwarz künden noch immer von Explosionen.

So, wie der Transformator aussieht, sieht auch Vyshchetarasivka aus: zerbrochene Steine, geborstene Balken. Die Bewohner:innen, die nicht geflohen sind, holen sich ihr Trinkwasser mit Kanistern und Plastikflaschen von einem per Lkw herbeigeschafften Tank ab.

Vitalii Fisun will nach oben, hoch auf den Strommast neben dem Transformator, ein paar der Kabel dort sind intakt, andere halb zerfleddert, eins hängt zerfetzt herunter, liegt auf dem Feldweg. Vielleicht ist da das Problem für den Stromabfall? Er schnallt sich Steigeisen an die Schuhe und ein Klettergeschirr um den Körper. Während er sich Meter für Meter in die Höhe hievt, fällt der Schlamm in Fladen von seinen Schuhen.

Ein dumpfer Knall, der gar nicht so weit weg klingt. „Drohne“, sagt Oleksandr Zalushnyi ruhig. Während sein Partner oben arbeitet, dreht er die zerrissene Leitung wieder zusammen, umwickelt sie mit Kabelresten, die hier auf den Wegen, in den Büschen liegen. Was nicht völlig zerstört ist, nimmt er mit. Das kann noch als Ersatzteil dienen. Immer wieder schaut er in den Himmel. Nichts als graue Wolken. Es ist schwer, davor Drohnen zu erkennen. Ständig explodiert etwas. Mal vergehen zehn Minuten von einem Knall zum anderen, mal zwei, mal eine halbe Stunde.

Wenn die Drohnen nicht explodieren, dann hört man sie fliegen. Brummen, sirren, tuckern, mal lauter, mal leiser, je nach Typ und Größe. Hier lauern nicht nur die kleinen Kamikazedrohnen am Himmel, sondern auch solche, die Granaten fallen lassen; und die ­Shaheds, langsame, ursprünglich vom Iran konstruierte und von Russland verbesserte fliegende Benzintanks, die bei Kollision Häuser und Menschen verbrennen. Es ist schwer zu bestimmen, wie nah Geräusche hier tatsächlich sind und aus welcher Richtung sie kommen.

Auch ohne auf einen Mast zu klettern, sieht man von hier Europas größtes Atomkraftwerk. Hinter dem Wasser des Dnipro recken sich die Türme des AKWs Enerhodar in den Himmel, knapp 20 Kilometer entfernt. Ukrainische Medien haben recherchiert, dass Russland dort Drohnenpiloten unterrichtet. Die ukrainische Armee versucht, das Kraftwerk nicht zu beschießen. Alle kennen die Geschichte der Katastrophe von Tschernobyl.

Die Menschen im Dorf und die ukrainischen Sol­da­t:in­nen in der nahe gelegenen Stadt Marhanez sagen, das mit der russischen Flugschule habe zwei Seiten: Einerseits steuerten die unerfahrenen Soldaten ihre Drohnen noch nicht so sicher und tödlich, andererseits sei auch viel weniger vorhersehbar, auf wen sie ihre Waffen losschicken. Vitalii Fisun und Oleksandr Zalushnyi hat es 2024 fast erwischt. Das ausgebrannte Wrack ihres Autos steht noch im Nachbardorf. Sie sind damals rechtzeitig rausgesprungen, bevor die Drohne einschlug.

Zalushnyi verlässt sich nicht nur auf seine Augen und Ohren. An seinem Gürtel hängt ein schwarzes Kästchen, das der Hersteller unter dem Namen Zukorok verkauft. Zukor heißt Zucker auf Ukrainisch, Zukerka bedeutet Süßigkeit. Es soll piepen, wenn sich Drohnen nähern. Auch viele ukrainische Soldaten besitzen so ein Gerät.

Fühlen sich die zwei denn wie Soldaten? Sie antworten auf Fragen wie diese erst drei Stunden, nachdem Vitalii Fisun auf seinen Mast und wieder heruntergestiegen ist, erst, nachdem sie beide das entscheidende kaputte Kabel gefunden und geflickt haben. Für ein Gespräch haben sie kaum Zeit, ohnehin wäre es zu gefährlich, zu lange an einem Ort zu bleiben, wegen der Drohnen. Außerdem wollen sie weiter. Schließlich sind da noch andere Dörfer ohne Strom.

„Wir riskieren unser Leben, wir verstecken uns vor Drohnen, alleine heute drei Mal“, sagt Fisun. „Wir sind wie Soldaten, nur ohne Waffen.“ Er war mal Soldat bei der Roten Armee. Als Ostdeutschland noch die DDR war, hat er dort Offiziere herumgefahren. Bei Stendal war das. Der Job hier ist gefährlicher, aber er macht ihn weiter. Warum? „Wir lieben die Extreme“, sagt Zalushnyi, und sie lachen. Und Fisun sagt, dass er seinen Job seit 33 Jahren macht. „In meinem Alter ist es schwer, etwas Neues zu finden.“

Wir riskieren unser Leben, wir verstecken uns vor Drohnen, alleine heute drei Mal. Wir sind wie Soldaten nur ohne Waffen

Vitalii Fisun, Elektriker

Beide sind bei DTEK angestellt, dem größten privaten Energieunternehmen der Ukraine, Eigentum von ­Rinat Akhmetov, dem reichsten Mann des Lands. 20.000 Hrywnja verdienen Elektriker bei DTEK, derzeit sind das etwa 400 Euro, ein Durchschnittsgehalt. Fisun und Zalushnyi bekommen Zulagen, weil sie in einem besonders gefährlichen Gebiet arbeiten.

Bevor sie weiterfahren, zeigt Vitalii Fisun noch das Bild von ihm und dem Präsidenten. Auf dem Handyfoto stehen er und Wolodymyr Selenskyj sich gegenüber. Der Politiker überreicht dem Elektriker einen Orden. Am 22. Dezember 2024 war das, dem Tag der Energieindustrie, eine Hinterlassenschaft der Sowjetunion, die in vielen Ländern fortbesteht. Es wird nicht recht klar, ob Fisun ein Anhänger Selenskyjs ist, aber sein Stolz auf diesen Orden ist deutlich zu sehen.

Die Männer steigen ins Auto, wollen ins nächste Dorf. Zu diesem Zeitpunkt stehen hier, genau wie in Kyjiw, die schlimmsten Angriffe des Winters erst noch bevor. Am 7. Januar attackiert Russland die Städte Dnipro und Saporischschja sowie die Regionen ringsherum mit Drohnen und Raketen und schneidet rund 800.000 Menschen von der Stromversorgung ab.

18. Dezember, Krywyj Rih, eine lang gezogene Industriestadt, in der es immer nach Chemie riecht, der Präsident wurde hier geboren. Krywyj Rih liegt ebenso in der Region Dnipropetrovsk wie das Dorf Vyshchetarasivka, mit dem Auto fährt man von dort länger als drei Stunden bis hierher. Eigentlich wären es nur zwei, aber die kürzere Strecke über Nikopol ist zu gefährlich, dort gehen russische Soldaten auf „Human Safari“. So nennen es die Ukrainer:innen, wenn die Besatzer mit Drohnen Menschen jagen.

In der Charkiwer Straße, nahe am Stadtzentrum, tackert ein Mann Platten aus hellem Holz vor die durchlöcherte Front seiner Wohnung im ersten Stock eines Mehrfamilienhauses. Russland hat gestern Abend Shahed-Drohnen geschickt. Die Luftabwehr hat die meisten abgeschossen, aber die Trümmer sind in die Straße gestürzt, haben Häuser beschädigt und Elektroleitungen zerrissen. Ein Teil eines schwarzen Drohnenflügels liegt noch in einem Vorgarten. Er ist leicht für seine Größe und fühlt sich an wie Rauhfasertapete. Einem Strommast hat es die steinerne Haut weggefetzt, Metallstreben sind zu sehen.

Es ist eine Minute vor vier Uhr am Nachmittag, und Oleksandr Pasytnichenko, 36, Elektriker der Notfallbrigade für Oberleitungen, gibt einer jungen Anwohnerin – rosa Jacke, rosa Lippenstift, Handyhülle in Perlmutt – ein Versprechen: „Bis sieben Uhr habt ihr wieder Licht.“ Zu acht sind er und seine Kollegen hier, und sie sind mit schwerem Gerät angerückt. Ein Lkw mit einem Kranaufleger steht in der Straße, auf der Ladefläche liegt ein neuer Strommast, dahinter parkt ein Traktor mit einem Bohrer und ein weiterer Lkw mit Kran. An dessen Ende ist eine Plattform, damit müssen die Elektriker hoch zu dem beschädigten Mast und die Leitungen abtrennen, damit er ausgetauscht werden kann.

Bevor sie überhaupt anfangen können, sorgt ein Ingenieur dafür, dass die riesige Hochspannungsleitung ausgeschaltet wird, die sich über dem beschädigten Strommast die Straße entlangzieht und die die vielen Fabriken der Stadt versorgt. So nah am Starkstrom zu arbeiten, wäre lebensgefährlich. Auch hier vergisst man nicht, dass es neben den Gefahren des Kriegs auch noch die eines normalen Elektrikerlebens gibt. Um 20 nach vier wird es dunkel, die Männer arbeiten im Licht von Scheinwerfern und Taschenlampen. Die Tonlage ist die einer gut geführten Baustelle: rau, freundlich beleidigend, nicht herabsetzend.

16.30 Uhr. Noch zweieinhalb Stunden Zeit für Oleksandr Pasytnichenko und die anderen Arbeiter, sein Versprechen zu erfüllen. Sie fahren einen der Männer mit der Plattform nach oben, er dreht die Kabel per Hand vom beschädigten Mast ab. Unten graben sie das Ding mit Schaufeln aus. Um 16.45 Uhr zieht der andere Kran den kaputten Pfahl aus der Erde, drei Minuten später ist er draußen. Ein Mann, der aussieht wie die wettergegerbte Version von George Clooney, verbreitert mit dem Bohrtraktor das Loch in der Erde, es riecht nach Staub und Würmern. „Oleg, ein wenig zurück!“, ruft Oleksandr Pa­syt­nichenko. Um vier Minuten vor fünf legt der Kran den kaputten Mast auf die Straße, um 17.06 Uhr steht der neue in seinem Loch. Ein Arbeiter schiebt ihn mit einem Dreizack in die richtige Position, Pasytnichenko dirigiert ihn. Um 17.13 Uhr schütten die Arbeiter das Loch um den neuen Pfahl zu, einer fährt nach oben und macht die Kabel wieder fest. Um 18.05 Uhr schalten sie die große Hochspannungsleitung wieder an, und um 18.20 Uhr leuchten die Lichter in der Charkiwer Straße wieder. Oleksandr Pasytnichenko hat sein Versprechen gehalten.

Zwischendurch hat noch seine Frau angerufen. „My love“, leuchtete es in Englisch auf seinem Handydisplay auf. Sie ist in der 39. Woche schwanger.

Vitalii Fisun und Oleksandr Zalushnyi suchen die Ursache für den Stromausfall

Wie seine Kollegen in Vychshetarasivka arbeitet Pasytnichenko von sieben Uhr morgens bis sieben Uhr abends. Aber er macht – wie alle – oft Überstunden. Am Tag vorher war er um ein Uhr nachts zu Hause, heute könnte es vielleicht neun Uhr werden. 30 Leute sind sie in der Notfallbrigade und verantwortlich für die Oberleitungen einer ganzen Großstadt. Manche Kollegen hätten den Job gewechselt, sagt er, mindestens einer hat die Ukraine verlassen. Er hat sein Gesicht mit einer Balaklava, einer Art Sturmhaube, gegen die Kälte abgeschirmt. Aber man sieht die Augenringe und ein Müdigkeitsgrau, das sich nicht abwaschen lässt, in seinem Gesicht.

Er möge seinen Job, sagt Oleksandr Pasytnichenko. Aber „ehrlich gesagt, würde ich gern irgendwo hingehen, raus aus der Ukraine oder einfach nur in den Wald, dahin, wo es ruhig ist“. Seine Stadt wurde nicht nur gestern angegriffen. Russland schickt ständig Drohnen, die Nächte sind laut, nicht nur das Arbeiten ist mühsam, das Schlafen ist es auch.

Wenigstens muss er, anders als seine Kollegen in Vychshetarasivka, keine kugelsichere Weste tragen, die Rückenschmerzen bleiben ihm erspart. Aber wie sein dortiger Namensvetter und wie Vitalii Fisun ist er vom Dienst in der Armee befreit. Er sagt, DTEK kümmere sich um die Sicherheit seiner Ar­bei­ter:in­nen. Wenn sie zu einer Reparatur ausrücken, bekommen sie ein Dokument mit einem QR-Code. Scannen sie den mit ihrem Handy, werden ihnen die nächstgelegenen Bunker angezeigt. Dort steht auch eine Liste mit den Gefahren, die sie vor Ort erwarten, offene Leitungen etwa oder wütende An­woh­ner:in­nen.

Die gibt es auch. Nicht für alle Ukrai­ne­r:in­nen sind Oleksandr Pasytnichenko und seine Kollegen Held:innen, manche beschimpfen sie auch. Es sind Gerüchte im Umlauf, der Präsident stehle Strom und verkaufe ihn ins Ausland. Belege dafür gibt es nicht. Aber im November wurde ein Korruptionsskandal bekannt, in dessen Zentrum ein Energiekonzern steht: Energo­atom. Beim Bau von Schutzanlagen für die Energieinfrastruktur sollen bis zu 86 Millionen Euro an Schmiergeldern geflossen sein, zwei Minister sind deswegen zurückgetreten. Zwei Verdächtige, darunter ein enger Vertrauter Selenskyjs, sind ins Ausland geflohen.

„Das kümmert mich nicht“, sagt Olek­sandr Pasytnichenko. Er kenne nicht einmal die Namen der Beteiligten. Ihm seien die ebenso egal wie alles, was US-Präsident Donald Trump, jemand aus Russland oder der EU zur Zukunft der Ukraine sage. „Nur Gerede, bei diesen Friedensgesprächen wird doch nicht wirklich über Frieden gesprochen.“ Eine Haltung, die er mit seinen Kollegen in Vychshetarasivka teilt. Er fürchtet, dass Russland das Energiesystem weiter zerstören wird. Er weiß, dass er und seine Kollegen auch in den kommenden Wochen und Monaten zerfetzte Stromkabel flicken müssen. Eigentlich will er lieber nach Hause zu seiner schwangeren Frau.

Aber die Menschen brauchen Strom. Also wird er sich auch morgen früh wieder darum kümmern, dass das Licht nicht zu lange aus bleibt.

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