Krieg in Nahost: Israels Bodenoffensive im Gazastreifen wächst
Der israelische Verteidigungsminister erklärt, „große Gebiete“ in Gaza erobern zu wollen. Die Gegenden, in die die Menschen noch fliehen können, schrumpfen.
Dem Ausbau der Bodenoffensive ging die umfassendste Evakuierungsanordnung seit dem Ende der temporären Waffenruhe Mitte März voraus. Darin hatte die israelische Armee am Dienstag weite Teile im Süden des Gebietes zu Kampfgebieten erklärt. Auch im Norden wurden jüngst weitere Gebiete zur Evakuierung aufgerufen.
Von den insgesamt mindestens zehn Aufrufen zur Flucht in den letzten zwei Wochen seit dem Ende der Waffenruhe sind bereits große Teile des Gazastreifens betroffen. Eine dauerhafte Rückkehr in die betroffenen Gebiete sei aufgrund der Zerstörung kaum möglich, berichtet eine Quelle aus Gaza, auch wenn einige nochmal zurückkämen, um Hab und Gut einzusammeln. Die Zonen, in die die Menschen flüchten sollen, werden also immer kleiner und voller.
Auch die Luftangriffe halten an: In der Nacht auf Mittwoch und am Tag selbst flog das Militär mehrere Luftangriffe, dabei starben mindestens zwanzig Menschen, darunter eine schwangere Frau, wie Nachrichtenagenturen unter Berufung auf medizinische Kreise berichteten.
Ihab Suliman, Universitätsprofessor aus Nordgaza
„Druck auf die Hamas erhöhen“
Die Offensive und die Aufforderungen zur Evakuierung haben eine neue Massenflucht aus den betroffenen Gebieten ausgelöst. Die Bevölkerung ist erschöpft: „Leben und Tod ist für uns eines geworden“, sagte der ehemalige Universitätsprofessor Ihab Suliman der Nachrichtenagentur AP bei seiner Flucht aus dem ebenfalls zur Kampfzone erklärten Dschabalija im Norden Gazas.
Ziel der Offensive sei laut Verteidigungsminister Israel Katz unter anderem die „Eroberung großer Gebiete, die zu den Pufferzonen Israels hinzugefügt werden“ sollen. Die Ausweitung der Operation solle außerdem den „Druck auf die Hamas erhöhen, die Geiseln freizulassen“, so Katz.
Das Vorgehen stößt jedoch bei humanitären Organisationen auf heftige Kritik. Auch bei den Familien der Geiseln in Israel sorgt die Offensive für Entsetzen: „Haben Sie entschieden, Geiseln für die Einnahme von Land zu opfern?“, heißt es in einem Schreiben des Forums der Geiselangehörigen.
Statt die Entführten durch ein Abkommen und ein Ende des Krieges zurückzuholen, sende die Regierung „mehr Soldaten nach Gaza, um an denselben Orten zu kämpfen, an denen sie schon mehrfach gekämpft haben“, erklärt die Gruppe.
Bäckereien bleiben geschlossen, weil kein Mehl mehr da ist
Anfang März hatte Israel den Küstenstreifen völlig abgeriegelt. Laut Hilfsorganisationen neigen sich nun die Nahrungsvorräte der mehr als zwei Millionen Bewohner dem Ende zu. Das Welternährungsprogramm (WFP) wies ungewohnt deutlich Angaben der israelischen COGAT-Behörde, es gebe in Gaza noch ausreichend Lebensmittel, als „lächerlich“ zurück. „Wir sind am Ende unserer Vorräte angelangt, die über den humanitären Weg geliefert wurden.“ So blieben nun die Bäckereien im Gazastreifen geschlossen, weil es kein bezahlbares Mehl mehr gibt. Das WFP erklärte: Man schließe Bäckereien „nicht zum Spaß“.
Am Dienstagabend landete derweil ein Flugzeug mit neunzehn deutschen Staatsbürgern und engen Angehörigen aus Gaza in Leipzig – Israel bezeichnete diese als „freiwillige Ausreisen“. Die Organisation Medico erklärte: In Anbetracht der Umstände sei es „zynisch, von Freiwilligkeit zu sprechen“. Eine Ausreise ist, wenn überhaupt, nur über ein langwieriges Verfahren möglich.
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