Krankenhauspersonal und die vierte Welle: Die Ignoranz der Politik
Schon vor Monaten baten Intensivmediziner*innen eindringlich darum, das Land möge sich auf die nächste Welle vorbereiten. Wieder wurden sie alleingelassen.

N ach fast zwei Jahren Pandemie bin ich überzeugt: In der Politik herrscht eine große Ignoranz, im schlechtesten Falle sogar eine Verachtung für die Menschen, die in der Gesundheitsversorgung arbeiten. Anders kann ich mir die Situation, in der wir stecken, nicht erklären.
Schon lange vor der Pandemie waren die Arbeitsbedingungen für Pflegende und Ärzt*innen in Krankenhäusern miserabel. Der Heilberuf ist ein wunderbarer Beruf. Er ist aber auch ein belastender Beruf. Lange Arbeitszeiten, kein Überstundenabbau, keine Zeit für Pausen oder gar ein Mittagessen, viel zu viele Patient*innen, die von einer Gesundheitskraft allein versorgt werden müssen.
Die Arbeit in Kliniken bringt seelische, familiäre, gesundheitliche Herausforderungen, Belastungen, die manche Behandelnde abstumpfen, kalt und unfreundlich werden lassen, weil der Druck zu hoch, die Belastung zu groß ist. All das war, wie gesagt, lange vor der Pandemie der Fall.
Schon 2017 hatte der Pfleger Alexander Jorde Angela Merkel fast angefleht, endlich etwas an den Arbeitsbedingungen in der Pflege zu verbessern. Seit Monaten bitten Intensivmediziner*innen eindringlich darum, das Land möge sich auf die nächste Coronawelle vorbereiten. Schon Mitte August warnten sie, dass der frühe Anstieg bei den stationären Covid-19-Behandlungen ihnen Sorge bereite. Reaktion aus der Politik: null. Mitte Oktober erklärten die Mediziner*innen, dass 5.000 Intensivbetten weniger bereitstünden als vor einem Jahr und „eine dauerhaft nicht vertretbare Situation mit Blick auf die uns anvertrauten Patienten“ bestehe. In den letzten Monaten gab es Demonstrationen von Pflegekräften, Kündigungen (auf einer Station der Uniklinik Marburg warfen 15 von 16 Pflegenden auf einmal hin), Appelle. Umsonst.
Noch Anfang November twitterte FDP-Generalsekretär Volker Wissing: „Unser Gesundheitssystem ist stabil, die Gesundheitsversorgung der Bürger gesichert“. Als Ärzt*innen schon seit Monaten vor dem kommenden Notstand warnten, Pflegende ausgebrannt hinwarfen. Da ist sie: die Verachtung. Denn worum die Politik sich nicht kümmert, müssen die Menschen im Gesundheitssystem auffangen.
Und wir, als Gesellschaft, vergessen all das wieder, wenn die Neuinfektionen runtergehen, wenn wir keine Bilder überfüllter Intensivstationen sehen. Das ist ein Stück weit gut, dass wir unseren Geist abschalten können. Aber es kann nicht sein, dass die Menschen, die unser Gesundheitssystem aufrechterhalten, die sich um unsere Kranken kümmern, allein kämpfen müssen. Gegen eine Politik, die sich nicht mal in dieser Extremsituation vor sie stellt.
Inzwischen müssen Ärzt*innen entscheiden, welche Patient*innen sie versorgen können, welche sie weiterschicken müssen. Pfleger*innen müssen zum vierten Mal die letzten Reserven aufbrauchen. All das wäre vermeidbar gewesen. Die Politik braucht Druck. Nicht nur während der Pandemie.
40.000 mal Danke!
40.000 Menschen beteiligen sich bei taz zahl ich – weil unabhängiger, kritischer Journalismus in diesen Zeiten gebraucht wird. Weil es die taz braucht. Dafür möchten wir uns herzlich bedanken! Ihre Solidarität sorgt dafür, dass taz.de für alle frei zugänglich bleibt. Denn wir verstehen Journalismus nicht nur als Ware, sondern als öffentliches Gut. Was uns besonders macht? Sie, unsere Leser*innen. Sie wissen: Zahlen muss niemand, aber guter Journalismus hat seinen Preis. Und immer mehr machen mit und entscheiden sich für eine freiwillige Unterstützung der taz! Dieser Schub trägt uns gemeinsam in die Zukunft. Wir suchen auch weiterhin Unterstützung: suchen wir auch weiterhin Ihre Unterstützung. Setzen auch Sie jetzt ein Zeichen für kritischen Journalismus – schon mit 5 Euro im Monat! Jetzt unterstützen
meistkommentiert
Erste Reaktionen auf München
Was sich jetzt gehören würde
Auto rast in Demonstration in München
Fast 30 Verletzte – Söder und Faeser sprechen von Anschlag
Bildung im Wahlkampf
Streitet endlich über Bildungspolitik!
Privatflugzeug von CDU-Kanzlerkandidat
Wie Merz durch die Bundesrepublik flog
+++ Nachrichten im Ukraine-Krieg +++
Trump will mit Putin in Saudi-Arabien über Ukraine reden
Politikvertrauen bei Muslim*innen
Dramatischer Vertrauensverlust