Kommentar Reaktionen auf Anschläge : Infame Scharfmacherei
Die Anschläge von Paris werden von konservativer Seite instrumentalisiert, um Angst vor Flüchtlingen zu schüren – ein gefährliches Fahrwasser.
D ie Zurückhaltung währte nur kurz. In Paris waren die Leichen noch nicht gezählt, da leisteten die Scharfmacher schon ganze Arbeit. Seehofer und Söder, die AfD, Publizisten von Welt, FAZ und Cicero: Unisono verknüpfen sie die Anschläge von Paris mit der deutschen Flüchtlingspolitik. Und der dringenden Forderung: Jetzt muss Schluss sein mit Merkels Willkommenskultur. Sprich: Grenzen dicht.
Das ist infam.
Um Missverständnissen vorzubeugen: Natürlich müssen Geflüchtete, die nach Deutschland kommen, registriert und überprüft werden. Auch ist es eine furchtbare Vorstellung, dass ein islamistischer Terrorist als Flüchtling in die EU ein- und nach Paris weitergereist seien könnte.
Dass dies in mindestens einem Fall so zutraf, ist derzeit allerdings noch nicht bewiesen. Und ist es nicht ebenso gefährlich, dass Belgier an den Anschlägen beteiligt sein könnten, wie jetzt ermittelt wird? Sollte man deshalb die Grenzen für Belgier dichtmachen?
Terror ist ein Fluchtgrund
Die Menschen, die aus Syrien zu uns kommen, wollen keinen Terror, sie flüchten vor ihm. Sie sind Opfer, nicht Täter. Wer Paris als Beleg dafür nimmt, dass die Grenzen geschlossen werden müssen, spielt aber mit der Vorstellung, dass in jedem Flüchtling ein Terrorist stecken könnte. Das ist ein gefährliches Fahrwasser.
Immer lauter werden die Stimmen, die vor den Flüchtlingen warnen. Wahlweise, weil es angeblich zu viele oder zu viele junge Männer sind oder sie ohnehin nicht zu uns passen.
Wer jetzt noch aus den Flüchtlingen potenzielle Terroristen macht, der zündelt. Als ob nicht jetzt schon immer mehr Menschen zur rechtspopulistischen AfD und Pegida überlaufen und fast täglich Flüchtlingsheime angegriffen werden.
Ein – wenn auch nachgelagertes – Ziel des Islamischen Staates ist es, die westlichen Gesellschaften zu spalten. Dabei sollten wir nicht mitmachen. Seehofer und Co. aber tun genau das. Viel spricht dafür, dass ihr Diskurs die kommende Zeit bestimmen wird.
Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen
meistkommentiert