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Koloniale und NS-belastete StraßennamenErinnerungspolitischer Straßenkampf

Im Hamburger Bezirk Harburg blockieren CDU, AfD, FDP und fraktionslose SPDler die Umbenennung von Straßennamen – obwohl Studien Verstrickungen belegen.

Wie geht eine Stadtgesellschaft mit einem Erbe um, das auf Zwangsarbeit und kolonialer Ausbeutung gründet? Während in anderen Hamburger Bezirken koloniale Kontinuitäten und NS-Verstrickungen differenziert aufgearbeitet werden, hat die Bezirksversammlung Harburg kurz vor der Sommerpause ein anderes Signal gesendet: Mit den Stimmen von CDU, AfD, FDP und fraktionslosen SPD-Abgeordneten wurde Anfang Juni die Umbenennung des Albert-Schäfer-Wegs und der Gaiserstraße blockiert. Beantragt hatten die Umbenennung die Grünen, die Linke und die SPD.

In der Bezirksversammlung Harburg gibt es fraktionslose SPD-Abgeordnete, weil im Mai 2025 fünf Mitglieder aufgrund von parteiinternen Zerwürfnissen, wiederholtem Fernbleiben bei Abstimmungen und Vorwürfen der Kooperation mit der AfD aus der Fraktion ausgeschlossen wurden.

Die CDU feiert die Blockade der Umbenennung als Erfolg gegen „ideologisch begründete Anträge“. Dabei war die Grundlage für den Beschluss das Ergebnis jahrelanger wissenschaftlicher Arbeit. Auf Initiative der Linksfraktion aus dem Jahr 2021 wurde eine Untersuchung angestoßen, deren Ergebnis der Abschlussbericht „Koloniales Harburg“ der His­to­ri­ke­r:in­nen Annika Bärwald und Yves Schmitz ist. Erst vor einigen Wochen stellten sie den Bericht im Harburger Kulturausschuss vor.

Die Stadt Hamburg hat zudem eine wissenschaftliche Expertenkommission eingesetzt, um Straßennamen auf ihre Verstrickungen in die Zeit des Nationalsozialismus und den Kolonialismus zu untersuchen. Ziel der Kommission ist es, eine kritische Auseinandersetzung mit der lokalen Erinnerungskultur anzustoßen.

Aktiv in Zwangsarbeit und „Arisierung“ involviert

Für den Bezirk Harburg empfahl das Gremium die Umbenennung des Albert-Schäfer-Wegs. Der Antrag zur Umbenennung der Gaiserstraße gründet zudem auf der aktuellen Harburger Studie.

Die Forschung zeigt, dass Albert Schäfer, ehemaliger Vorstandsvorsitzender der Phoenix-Werke, nicht nur ein Profiteur des nationalsozialistischen Systems war. Historische Unterlagen belegen den Einsatz von Zwangs­ar­bei­te­r:in­nen im Betrieb.

Zudem wird Schäfer eine aktive Rolle bei der „Arisierung“ zugeschrieben, insbesondere im Fall seines ehemaligen jüdischen Geschäftspartners Max Goldschmidt, der aus dem Unternehmen gedrängt wurde. Der Antrag zur Umbenennung des Albert-Schäfer-Weges sah vor, die Straße in Max-Goldschmidt-Weg umzubenennen und den historischen Hintergrund mit einer Informationstafel deutlich zu machen.

Die Phoenix-Werke waren über Jahrzehnte das industrielle Herz Harburgs. Sie prägten nicht nur die wirtschaftliche Identität des Stadtteils, sondern auch dessen städtebauliche und soziale Struktur maßgeblich. Als einer der größten Arbeitgeber der Region bestimmte das Unternehmen das tägliche Leben Zehntausender Menschen.

Grüne und Linke kritisieren Relativierung von Verbrechen

Die Gaiserstraße ist nach dem Harburger Kaufmann Gottlieb Leonhard Gaiser benannt. Er wird in lokalen historischen Darstellungen wie Festschriften und Firmenchroniken oft als Wohltäter rezipiert. Die Expertenkommission verweist jedoch auf seine zentrale Rolle in der kolonialen Wirtschaft Westafrikas. Nach Angaben der Kommission beruhte der geschäftliche Erfolg Gaisers auf Systemen, die lokale Pro­du­zen­t:in­nen in wirtschaftliche Abhängigkeit gebracht und die Souveränität afrikanischer Gesellschaften untergraben haben.

Enja Knipper, kulturpolitische Sprecherin der Grünen, kritisiert die Ablehnung der Umbenennung scharf. „Wer die Empfehlungen einer unabhängigen wissenschaftlichen Kommission als ‚rein ideologisch‘ bezeichnet, relativiert koloniale und nationalsozialistische Verbrechen und verhöhnt historisch fundierte Erinnerungskultur“, sagt Knipper. Die Ehrung von Nazi-Profiteuren und kolonialen Ausbeutern sei höchst ideologisch, „ein Klammern an den Status Quo“.

Wer im Angesicht dieser wissenschaftlichen Fakten von einem ‚Erfolg für Harburg‘ spricht, betreibt bewusste koloniale Amnesie

Heiko Langanke, ständiger Vertreter der Linksfraktion im Kulturausschuss

Die eigentliche Frage sei aber nicht, ob eine Umbenennung unbequem ist, sondern „ob Harburg weiterhin Menschen ehren will, die sich durch Zwangsarbeit, Verfolgung, ‚Arisierung‘ und Kolonialverbrechen bereichert haben“, teilt die grüne Fraktion weiter mit.

Auch die Linksfraktion kritisiert die Blockade der Umbenennungen scharf. „Es ist ein geschichtspolitischer Offenbarungseid, wenn die CDU die dringend notwendige Umbenennung der Gaiserstraße als ‚Ideologie‘ abtut“, sagt Heiko Langanke, ständiger Vertreter der Fraktion im Kulturausschuss. „Wer im Angesicht dieser wissenschaftlichen Fakten von einem ‚Erfolg für Harburg‘ spricht, betreibt bewusste koloniale Amnesie.“

Das Abstimmungsverhalten einer Mehrheit rechts von der SPD mache deutlich, dass wissenschaftliche Erkenntnisse parteipolitischen Befindlichkeiten geopfert worden seien, so Langanke.

Auch Simon Dhemija, der ebenfalls für die Linke im Kulturausschuss sitzt, kritisiert die Entscheidung deutlich. „Dass die CDU nun blockiert und sich stolz mit der Verhinderung fortschrittlicher Erinnerungskultur schmückt, ist bitter für den Bezirk“, sagt er. „Doch wir lassen uns nicht entmutigen. Der Bericht ist da und die Fakten liegen auf dem Tisch.“

Der Kulturausschuss werde auch nach der Sommerpause ein zentraler Ort bleiben, „an dem wir gemeinsam mit Schulen, Geschichtswerkstätten und der Zivilgesellschaft für eine sichtbare und ehrliche Aufarbeitung kämpfen werden“. Die Debatte über Harburgs koloniales Erbe sei nicht beendet, „sie fängt jetzt erst an“, verspricht Dhemija.

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