Klimafreundliches Heizen: Basis für Fernwärme ist oft schon da
Die Voraussetzungen für einen Fernwärme-Anschluss sind meist gut – und sie werden bis 2045 noch besser. Das zeigt eine neue Studie.
Fast jede zweite Wohnung in Deutschland könnte bis 2045 einen Anschluss für Fernwärme erhalten. Das ist die Botschaft des am Mittwoch vorgestellten „Fernwärmeatlas“ des Beratungsunternehmens Prognos. Für ihn wurden erstmals Daten für alle 401 Kreise und kreisfreien Städte in Deutschland ausgewertet.
Danach sind in beinahe der Hälfte der Kommunen die Voraussetzungen für den Ausbau der Fernwärme und die Dekarbonisierung der Wärmeerzeugung gut oder sehr gut. Prognos hat den Wärmeatlas gemeinsam mit dem Handelsblatt und dem Newsletterdienst „Background“ des Tagesspiegels veröffentlicht.
Bei Fernwärme wird in Kraftwerken, durch Abwärme etwa von Industrieanlagen oder mithilfe erneuerbarer Quellen Wasser erhitzt oder Wasserdampf erzeugt und über Rohre in Gebäude geleitet. Hausbesitzer:innen benötigen also keine eigene Heizung, müssen aber in der Regel hohe Anschlussgebühren zahlen. Die Anbieter haben zurzeit noch ein Monopol, sodass Kund:innen ihnen bei hohen Preisen ausgeliefert sind. Verbraucherschützer:innen und die Monopolkommission der Bundesregierung drängen deshalb auf eine kundenfreundlichere Marktgestaltung.
Ein großer Vorteil der Fernwärme: Durch die zentrale Erzeugung ist die Umstellung auf klimafreundliche Wärme einfacher als der Austausch vieler einzelner Heizungen etwa gegen Wärmepumpen. Deutschland will bis 2045 klimaneutral sein. Bis dahin müssen die Heizungen klimafreundlich Wärme erzeugen.
Fernwärme aus erneuerbaren Quellen
„Das Potenzial für Fernwärme in Deutschland ist groß“, sagt Studienleiterin Noha Saad. Allerdings seien die Voraussetzungen nicht überall gleich gut. Würden alle für die Fernwärme geeigneten Gebiete erschlossen, könnten 48 Prozent der Gebäude damit versorgt werden. Das entspräche einer Steigerung von jetzt 6,4 Millionen angeschlossenen Wohnungen auf 20 Millionen. In Berlin, Hamburg, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen sind die Voraussetzungen für den Ausbau besonders gut.
In 55 kreisfreien Städte könnte der Anteil der Fernwärme auf mehr als 75 Prozent steigen, wenn die Potenziale vollständig erschlossen würden. Als positive Beispiele nennen die Studienautor:innen Flensburg, Kiel, Wolfsburg, Mannheim und Rostock. Dort hat die Fernwärme bereits heute einen Anteil von mehr als 50 Prozent.
In 7 Prozent der Kreise, vor allem in kleineren Kommunen, ist der Ausbau der Fernwärme jedoch schwierig. „Diese Kreise und Gemeinden stehen vor der Grundsatzentscheidung, ob sie in die Fernwärme einsteigen wollen“, sagt Nils Thamling, Leiter Wärme-Team von Prognos.
Der Studie zufolge kann vielerorts Fernwärme zu großen Teilen aus lokal vorhandenen erneuerbaren Quellen gewonnen werden. Dazu gehören Geothermie, Gewässerwärme, industrielle Abwärme, Kläranlagen oder Solarthermie. In zehn Bundesländern könnte mehr als 50 Prozent der Fernwärme daher stammen, in Hamburg und Bremen sogar 100 Prozent. Industrielle und gewerbliche Abwärme nutzen könnten zum Beispiel Duisburg, Gelsenkirchen, Karlsruhe oder Ludwigshafen.
Die taz gehört zu 100 Prozent ihren Leser:innen und ist damit nicht nur konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung für taz zahl ich. Unser nächstes Ziel: 50.000 – wir brauchen nur noch 180 Freiwillige, dann haben wir es geschafft! Setzen Sie jetzt ein Zeichen für die taz und machen Sie mit. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen
meistkommentiert