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Neumitgliedertreffen von SPD und LinkenKäsebrezeln und Weltrevolution

Die Linke erlebt einen Mitgliederboom, aber auch in die SPD treten neue ein. Wie werden sie von ihren Parteien begrüßt, was bewegt sie zum Engagement?

Die Lage, in der sich die Linke und die SPD in Berlin gerade befinden, könnte kaum unterschiedlicher sein: Die eine regiert mit, die andere nicht. Die eine bricht Mitgliederrekorde, die andere hat ihren Rang als mitgliederstärkste Partei Berlins verloren. Doch in beide Parteien treten weiterhin neue Mitglieder ein. Wie empfangen die zwei Parteien in so unterschiedlichen Situationen neue Mitglieder?

Punkt 18 Uhr stehe ich vor dem Kurt-Schumacher-Haus in Wedding. Hinter einer Glastür stehen fein säuberlich aufgereiht Snacks und Getränke auf einem Tisch. In wenigen Minuten beginnt hier das Neumitgliedertreffen der Berliner SPD. Ein freundlich lächelnder Mann mit Bart öffnet mir die Tür. Ich bekomme einen Jutebeutel mit dem Konterfei von Steffen Krach gereicht, dem Spitzenkandidaten für die Abgeordnetenhauswahl im September. Darin Flyer mit noch mehr Krach-Konterfeis.

In einem weitläufigen Raum mit dunkelgrauem Teppichboden sind Stehtische in SPD-rot mit kleinen Schildchen darauf verteilt. Für jeden Bezirk ein Tisch, manche teilen sich einen. An dem Stehtisch meines Bezirks wartet ein Mann im Hemd, Kevin-Kühnert-groß. Lächelnd erklärt er mir, wann und wo die nächste Mitgliederversammlung in meinem Bezirk stattfindet.

Mit einem 20- oder 30-Jährigen würde ich wirklich nicht tauschen wollen

Älteres SPD-Neumitglied

Um uns herum füllt sich der Raum langsam, ein Social-Media-Team wuselt durch die Reihen. Eine Jura-Studentin im ersten Semester stößt zu uns. Sie wirkt etwas unentschlossen. Den Jusos möchte sie sich jedenfalls nicht anschließen, die seien zu radikal, ihr Vorsitzender Philipp Türmer zu alt und Forderungen wie das bedingungslose Grundeinkommen Unsinn.

Ein älterer Herr hört lange zu, isst eine Käsebrezel. Die könne er sehr empfehlen. Warum er in die SPD eingetreten ist? In seinem Alter habe er auf Politik eigentlich keinen Heißhunger mehr, aber irgendeine Beschäftigung habe er mit Beginn der Rente nun mal gebraucht. Er zählt dann doch einige Probleme auf: die Autobahnen, die Gleise, die Wohnungsnot. Eigentlich könne ihm das alles aber egal sein, das betreffe ihn gar nicht mehr. Mit einem 20- oder 30-jährigen „würde ich wirklich nicht tauschen wollen“, sagt er.

Irgendwas muss man doch machen

Viele nennen den Rechtsruck und die zunehmenden Angriffe auf die Demokratie als Grund. Irgendwas müsse man in der aktuellen Situation doch machen, meint eine quirlige Frau mittleren Alters. Ob die SPD-Mitgliedschaft dafür der richtige Weg ist, damit hadert sie aber noch. Ihr Sohn solle besser nichts davon erfahren. Der wähle die Linke. Doch die sei für sie immer noch zu sehr SED.

Überhaupt die Linke. Dass die Linke mit ihrem voll auf Mieten und andere klassische SPD-Themen zugeschnittenen Wahlkampf der SPD das Rathaus streitig machen könnte, das ahnen auch schon die Neumitglieder. Zu populistisch seien die, hört man immer wieder. Manche stören sich an der prominenten Rolle, die der Nahostkonflikt in der Partei eingenommen hat.

Mittlerweile haben sich gut 60 Menschen im Erdgeschoss des Schumacher-Hauses versammelt. Es herrscht leichter Männerüberschuss, der Altersdurchschnitt liegt zwischen 40 und 50. Ein Querschnitt durch die Gesellschaft ist es nicht, aber eine akzeptable Annäherung.

Landesvorsitzende Bettina König, die sich selbst in der Vergangenheit als „sehr linke Frau“ beschrieben hat, begrüßt mit breitem Lächeln die Neulinge. Wer sich ohnmächtig fühle und etwas zum Positiven bewegen möchte, der sei hier genau richtig. Sie wechselt routiniert in den Wahlkampfmodus: Wegners Tennisdebakel, die vereisten Straßen. Berlin werde „wirklich schlecht regiert“. Dass die SPD Teil der Regierung ist, erwähnt sie nicht.

Tom Cruise trifft Alexander Marcus

Jetzt wäre eigentlich die Zeit für Spitzenkandidat Steffen Krach gekommen. Da der aber noch im Stau steht, bekommen die Neumitglieder die Chance zu erzählen, warum sie in die SPD eingetreten sind. Niemand traut sich so recht, dann ergreift doch noch ein junger Mann mit dunklem Haar das Mikrofon. Der Bildungsbereich sei ihm wichtig, Stichwort KI. Auch bei der BVG könne man was machen und die Silvesterparty gehöre wieder nach Berlin. Ansonsten möchte sich niemand mehr vorstellen, wir gehen wieder in den „Unter-uns-Austausch“.

Der Gesprächspegel wird wieder lauter, viele unterhalten sich angeregt. Ein leichter Schweißgeruch liegt in der Luft. Dann kommt Steffen Krach. Dunkelblauer Anzug, das Gesicht Tom Cruise mit einem Hauch Alexander Marcus. In die SPD ist er eingetreten, weil ihn Ende der neunziger Jahre die BAföG-Reform der rot-grünen Regierung überzeugte. Überhaupt gebe es viele Gründe, Mitglied in der SPD zu sein. Und – so schlägt Krach den Bogen – deshalb gehe es darum, bis zur Wahl wieder mitgliederstärkste Partei in Berlin zu werden.

Umso mehr werden jetzt die Neuankömmlinge gebraucht. Jeder verteilte Flyer, jede beklopfte Haustür zählt. Krach möchte keine lange Rede über das Wahlprogramm halten, nennt dann aber doch ein paar Themen. Beim Wohnraum habe man in den letzten Jahren nicht immer alles richtig gemacht, aber jetzt ein gutes Konzept gefunden. Schade nur, dass es noch nicht während der letzten zwanzig Jahre Regierungsbeteiligung geklappt hat.

Anschließend läuft Krach durch den Raum, schüttelt Hände. Kleine Trauben bilden sich um ihn, das Social-Media-Team filmt mit. Der ältere Herr, dem eigentlich alles egal sein könnte, steht neben ihm und öffnet eine Tüte Gummibärchen.

Ein Gregor, aber kein Gysi

Rund 24 Stunden später hängen die Neuankömmlinge im Karl-Liebknecht-Haus, der Parteizentrale der Linken am Rosa-Luxemburg-Platz, ihre Jacken auf. Vorbei an Wasser, Tee und Snackboxen geht es in einen größeren Saal. Über 100 Neumitglieder zwängen sich in enge Stuhlreihen. Neben dem Eingang bildet sich vor einer Anwesenheitsliste eine Schlange, es läuft leise Musik. Klingt nach Phil Collins. Trotz der vielen Menschen herrscht schüchterne, fast andächtige Stille. Das Publikum ist jung. Als später jemand nach den unter 35-Jährigen fragt, gehen gut drei Viertel der Hände hoch.

Begrüßt werden wir von Gregor. Er spricht mit sanfter Stimme, so, als würde er die neuen Kinder einer Kitagruppe begrüßen. Ein bisschen müde wirkt er. Die vielen Neumitgliederversammlungen scheinen ihm in den Knochen zu stecken. Kurz darauf ergreift Landeschefin Kerstin Wolter das Wort und kommt gleich auf die mittlerweile 17.200 Mitglieder zu sprechen: Die Linke hat jetzt mehr Neumitglieder in ihren Reihen, als sie noch vor zwei Jahren insgesamt hatte, auch wenn der Boom zuletzt ins Stocken gerate ist.

Wolter nennt das vorsichtig eine „interessante Situation“. Als wir im Anschluss Fragen stellen dürfen, gehen aus dem eben noch so ruhigen Publikum sofort mehrere Hände hoch. WBS-Subventionierung, Mietendeckel für kommunale Wohnungen und so weiter. Die Neuen sind vorbereitet.

Wir werden für eine Vorstellungsrunde in kleine Gruppen eingeteilt. Ich lande in einer Gruppe mit drei anderen. Warum sie in die Linke eingetreten sind? „CDU, ne?“ sagt ein Mittdreißiger, die Cap tief ins Gesicht gezogen, Blickkontakt vermeidend. Was der Friedrich Merz von sich gebe, sei schlimm, sagt er, „immer nur nach unten treten“, und fügt dann noch ein vielsagendes „BlackRock“ hinzu.

„Die einzig vernünftige Partei“

„Die Weltlage“ antwortet ein anderer. So viel passiere gerade. Da habe er den Entschluss gefasst „in die einzige vernünftige Partei“ einzutreten. Nur mit der Haltung der Partei im Ukrainekrieg habe er gehadert, da stimme er eher der „pragmatischeren“ Haltung der Grünen zu. Die anderen beiden möchten über das Thema Ukraine lieber nicht reden, eine „schwierige Lage“ sei das, man hätte es gar nicht erst so weit kommen lassen sollen.

Dann unternimmt Gregor mit uns einen Ausflug in die Parteiorganisation, Gremien, Ausschüsse, AGs. Kurz darauf erscheint die Fraktionsvorsitzende eines Berliner Bezirks und wird von ihm befragt („Welchen Baustein liefert Kommunalpolitik für die Weltrevolution?“). Sie wirkt etwas gehetzt, kommt von einem Termin und muss gleich zum nächsten. Das Thema ist aber ein Selbstläufer: Das Publikum stellt nicht nur die Fragen („Warum ist die Fahrradinfrastruktur auch in früher links regierten Bezirken miserabel?“) sondern gibt auch gleich die Antworten („Die Partei ist jetzt eine ganz andere“).

Nach zwei intensiven Stunden findet die Veranstaltung ihr Ende. Kleine Grüppchen bilden sich um Vertreter der Bezirksverbände, die den Neuen die nächsten Schritte erklären. Aus meinem Bezirk ist niemand da. Vor einem Tisch mit Stickern wie „Queer Space Communism“ oder „1312 Straßenbande“ unterhalte ich mich mit einer jungen Frau, aus deren Bezirk auch kein Vertreter gekommen ist. Gut aufgehoben fühlt sie sich hier – nur ihre Mutter, die würde durchdrehen, wenn sie wüsste, dass sie der Linken beigetreten ist. Die sei nämlich eine richtige „SPD-Maus“.

Gegen 20 Uhr stehe ich wieder draußen vor dem Karl-Liebknecht-Haus. Ich frage mich, was die beiden Parteien wohl aus ihren neuen Mitgliedern bis zur Landtagswahl machen. Oder machen die Neuen etwas aus ihnen?

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