KI und CO₂-Steuer: Mit künstlicher Intelligenz in eine nachhaltige Wirtschaft
KI verdrängt Arbeit und beschleunigt den Ressourcenverbrauch. Eine Energiesteuer könnte Renten sichern und die klimafreundliche Ökonomie vorantreiben.
D ie Debatte über künstliche Intelligenz wird geführt, als würde die Entwicklung allein durch die Technologie festgelegt werden. Selten wird gefragt, welche Möglichkeiten wir haben, um diese Entwicklung sinnvoll zu steuern. Denn die KI-Revolution trifft auf eine Gesellschaft, die bereits jetzt die planetaren Grenzen überschritten hat. Eine Gesellschaft, deren Sozialsystem über den Faktor Arbeit finanziert wird, was ihn aus ökonomischer Sicht überflüssig und zum Ballast gemacht hat, und der deswegen wegrationalisiert wird.
Je erfolgreicher Arbeitskräfte durch Software und Robotik ersetzt werden, desto stärker gerät das Sozialsystem unter Druck. Die demografische Krise verschärft dies: Immer weniger Erwerbstätige sollen für immer mehr Rentnerinnen und Rentner aufkommen. Zwei Drittel aller Steuern und Abgaben in Deutschland werden vom Faktor Arbeit getragen. Der Faktor Energie trägt weniger als fünf Prozent zum Steueraufkommen bei.
Gleichzeitig fehlt ein Instrument zur Reduzierung des viel zu hohen Ressourcenverbrauchs. Das war schon früher ein Konstruktionsfehler. Im Zeitalter der KI-Revolution rückt die Frage nach einer Alternative zu diesem Finanzmodell endlich ins Zentrum der Diskussion. Die bisherigen Antworten blenden wesentliche Fragen aus. Mehr Kapitaldeckung bindet die Alterssicherung noch stärker an ein System, das auf weiteres Wachstum setzt.
Die taz ist eine unabhängige, linke und meinungsstarke Tageszeitung. In unseren Kommentaren, Essays und Debattentexten streiten wir seit der Gründung der taz im Jahr 1979. Oft können und wollen wir uns nicht auf eine Meinung einigen. Deshalb finden sich hier teils komplett gegenläufige Positionen – allesamt Teil des sehr breiten linken Meinungsspektrums.
Ökologische und soziale Kriterien sind meist sekundär. Arbeitnehmer geraten so in eine absurde Lage. Beispiel USA: Eine Senkung der Unternehmenssteuern, die vornehmlich den Reichen zugutekam, wurde auch von Geringverdienern begrüßt, da deren Altersvorsorge essenziell vom Aktienmarkt abhängt.
Verlagerung der Abgabenlast
Das bedingungslose Grundeinkommen (BGE) scheint eine Lösung zu sein: Wenn Maschinen immer mehr Arbeit übernehmen, könnte ein Grundeinkommen für alle eingeführt werden, das aus Steuern auf steigende Produktivitätsgewinne finanziert wird. Doch das ist nur die halbe Wahrheit. Ein tragfähiges BGE bräuchte eine hohe und dauerhaft verlässliche Steuerbasis. Unternehmen könnten in Länder mit weniger Steuerlasten ausweichen. Vermutlich würden wir dann bei einem geringen Mindesteinkommen landen.
Und die Frage der planetaren Grenzen würde weiterhin ungelöst im Raum stehen. Das Modell der dark factories, Produktionsstätten, in denen die Fertigung so weit automatisiert ist, dass sie ohne Licht, Heizung oder Klimaanlagen betrieben werden können, macht es möglich: hochautomatisierte Fabriken, die rund um die Uhr mit minimalem Personaleinsatz arbeiten und sich bevorzugt dort ansiedeln, wo Energie billig, stabil und in großen Mengen verfügbar ist. Dark factories weisen auf den blinden Fleck des grünen Wachstums.
Auch wenn sie mit erneuerbarem Strom laufen, heben sie die planetaren Grenzen nicht auf. Sie mögen zwar den Bedarf an Beleuchtungs- und Heizenergie reduzieren. Sie ändern aber nichts an dem für Rechenleistung, Robotik, Netze und Speicher notwendigen Ressourcenverbrauch. Ausgeblendet wird auch, dass sich die milliardenschweren Investitionen nur bei einer Erhöhung des Produktionsausstoßes rechnen. Was wiederum nur Sinn ergibt, wenn die Aufnahmefähigkeit des globalen Marktes steigt.
Eine schrittweise Verlagerung der Abgabenlast von der Arbeit auf den Energieverbrauch hätte eine doppelte Wirkung. Sie würde erstens die Rentenfinanzierung zu einem großen Teil von der menschlichen Erwerbsarbeit entkoppeln. Und wir hätten zweitens endlich den dringend gesuchten Hebel zur Reduzierung des Ressourcenverbrauchs. Sämtliche Prozesse der Ressourcennutzung sind mit einem massiven Verbrauch von Energie verbunden – von der Erschließung über die Verarbeitung bis zum Recycling.
Langlebigkeit statt Wegwerfartikel
Nicht zufällig werden die Branchen der Grund- oder Rohstoffindustrie als „energieintensive Branchen“ bezeichnet. Ressourcenintensive Massenproduktion und Wegwerfartikel würden teurer. Langlebigkeit, Reparierbarkeit und modulare Bauweise würden betriebswirtschaftlich sinnvoll. KI würde damit nicht verhindert, aber in eine andere Richtung gelenkt: vom Brandbeschleuniger eines blinden Wirtschaftswachstums zu einem hocheffizienten Diener in Richtung einer nachhaltigen Wirtschaft.
Wobei die Einnahmen aus der Energiesteuer an Wirtschaft und Verbraucher möglichst vollständig zurückgegeben werden sollten, um wirksame Steuersätze politikfähig zu machen. An die Wirtschaft über eine Absenkung von Sozialabgaben. An die Verbraucher über ein Energiegeld pro Kopf der Bevölkerung. Würden hohe Energiekosten nicht zur Abwanderung führen oder zu einer Flut von Billigimporten auf den europäischen Markt?
schreibt seit mehr als 30 Jahren über Marktinstrumente für Klima, Umwelt und Arbeit. Im Oktober ist sein Buch erschienen: „Den Tanker umsteuern. Wie eine Umverteilung der Abgabenlast den Weg in eine nachhaltige Gesellschaft freimacht,“ oekom-Verlag. Weitere Beiträge auf www.tanker.blog.
Wer den Energieverbrauch verteuert, muss unseren Markt gegen Unterbietung absichern. Nötig wäre ein Energiezoll analog zum Klimazoll. Ein solcher Schutzmechanismus wäre die Voraussetzung dafür, dass ein nachhaltiger Kurs politisch durchgehalten werden kann. Eine nachhaltige Wirtschaft würde zudem den europäischen Markt stärken. Europa wäre groß genug, als Absatzmarkt wie als Rohstofflieferant. Der Kampf um knappe Rohstoffe könnte so im Ansatz entschärft werden.
Die zentrale Frage bei der Nutzung von KI lautet: Wir müssen entscheiden, wie wir leben wollen und welche Aufgaben die KI dabei übernehmen soll. Geht es um eine blinde Beschleunigung oder um eine gezielte Steuerung im Ansatz? Eine solche Entwicklung könnte zu einer wirtschafts- und sozialverträglichen Entschleunigung führen, den Ressourcenverbrauch senken, den Druck auf Lieferketten und Rohstoffkonkurrenz mindern und so langfristig auch die Voraussetzungen für eine friedlichere Weltordnung verbessern.
Genau hier finden wir übrigens die eigentliche Messlatte für Europa. Die zentrale Aufgabe ist die Entwicklung eines nachhaltigen Wirtschaftsmodells, welches von Schwellen- und Entwicklungsländern, die bisher unserem wachstumsorientierten Modell folgen, übernommen werden könnte. Es ginge dann nicht um eine chaotische Rücknahme der Globalisierung, sondern um ihre nachhaltige wie sozial verträgliche Neuordnung.
Gemeinsam für freie Presse
Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen
meistkommentiert