Jugendhilfe nach Gewalttat von Stade: Mehr Schutz, aber keine hundertprozentige Sicherheit
Kein blinder Aktionismus: Nach dem Mord an sechs Sozialarbeiter*innen feilt man im Jugendamt der Region Hannover an neuen Schutzkonzepten.
Foto: Kai Moorschlatt/dpa
Diese entsetzliche Tat, sagt Sozialdezernentin Anne Spiegel gleich am Anfang, hat dafür gesorgt, dass es im Jugendamt der Region Hannover eine Zeit vor und eine Zeit nach Stade gibt. Sieben Wochen ist es her, dass ein Vater mit einer Waffe zu einem Hilfeplangespräch in das Mutter-Kind-Heim in Stade kam und sechs Sozialarbeiter*innen erschoss.
Drei von ihnen kamen aus der Region Hannover. Aus der Institution, die für die Inobhutnahme der kleinen Tochter des mutmaßlichen Täters verantwortlich war, weil der Verdacht bestand, dass das Baby durch Schütteln schwer verletzt worden war. Der Verdächtige beging später in der Untersuchungshaft Suizid.
Und nun sitzt die zuständige Sozialdezernentin Anne Spiegel neben dem Leiter des Fachbereichs Jugend, Roland Levin, auf einer Pressekonferenz und versucht zu erklären, welche Konsequenzen man aus diesem schrecklichen Geschehen ziehen will. Das ist keine leichte Aufgabe. Der Katalog, der viele kleine Einzelmaßnahmen enthält, ist lang. Man sei sich einig gewesen, jetzt nicht in blinden Aktionismus verfallen zu wollen, sagt Spiegel. Alle Maßnahmen seien in einem partizipativen Prozess von und mit den betroffenen Mitarbeitern entwickelt worden.
Es gibt aber nicht nur eine Zeit vor und nach Stade, sondern auch einen Wissensstand vor und nach Stade. Das ist etwas, was die beiden auch noch einmal deutlich machen müssen. Denn natürlich drehen sich viele Fragen immer noch darum, was da eigentlich schiefgelaufen ist und ob man diese entsetzliche Eskalation wirklich nicht hat kommen sehen können.
Keine Zweifel an der Gefährdungseinschätzung
An der Gefährdungseinschätzung der Kollegen habe man, auch nach gründlicher Überprüfung, nichts auszusetzen, betont Levin. Es lagen schlicht keine Hinweise auf eine so massive Gewalttätigkeit vor: Die Anzeige der behandelnden Ärzte, die den Vater als bedrohlich empfunden hatten, bezog sich „nur“ auf verbale Ausraster – mit denen habe man es in der Jugendhilfe aber praktisch täglich zu tun. Der Vater habe sich zunächst auch kooperativ gezeigt.
All die Dinge, die später ans Licht kamen – etwa von einer kriminellen Vorgeschichte in der Türkei, über die verschiedene Medien berichtet hatten –, waren damals weder beim Jugendamt noch bei der Polizei bekannt. Es gab also schlicht keine Veranlassung, den Termin unter Polizeischutz stattfinden zu lassen.
Denn diese Möglichkeit, die Polizei oder den hauseigenen Sicherheitsdienst hinzuziehen, habe es auch vor den Ereignissen von Stade schon gegeben. Und ja, davon werde auch regelmäßig Gebrauch gemacht, versichert Levin auf Nachfrage. Mit steigender Tendenz in den vergangenen zwei bis drei Jahren, weil sich ganz offensichtlich etwas Grundsätzliches verschoben habe in der Gesellschaft – was sich ja leicht auch an der wachsenden Zahl der Übergriffe auf Rettungskräfte oder andere Bereiche ablesen lasse.
Der Krisenstab, den die Region unmittelbar nach der Tat eingerichtet hatte, tagt mittlerweile nur noch wöchentlich. Am Anfang habe man oft mehrmals täglich zusammengesessen, schildert Spiegel. Aber da ging es ja auch überhaupt erst einmal darum, den Schock zu verarbeiten und die Angehörigen zu betreuen, psychologische und traumatherapeutische Unterstützung zu organisieren.
Neues Sicherheitskonzept aus vielen Einzelmaßnahmen
Auch die Zusammenarbeit mit der Polizei habe sich noch einmal deutlich intensiviert, die allerdings auch vorher schon sehr vertrauensvoll gewesen sei. Mit einem ganzen Bündel an Maßnahmen will man nun noch nachlegen. Dazu gehören räumliche Veränderungen – es soll für schwierige Gespräche einen Extra-Raum in der Nähe des Sicherheitsdienstes geben. Öffentliche und nicht-öffentliche Bereiche der Verwaltung sollten besser voneinander getrennt werden, Eingangsbereiche – auch in den Außenstellen – mit Gegensprechanlagen und Kameras gesichert werden.
Es soll eine verbesserte Ausstattung der Mitarbeitenden geben: Dazu gehören mehr Diensthandys und Dienstautos, ein verbesserter Schutz der persönlichen Daten. In einem Pilotprojekt sollen außerdem sogenannte Safe Watches, die am Handgelenk getragen werden und mit denen man schnell Alarm auslösen kann, getestet werden. Auch Schließfächer und Schutzwesten sollen angeschafft werden.
Die Präventionsteams der Polizei sollen die Besprechungsräume in Augenschein nehmen, zu klugem Aufbau und sicheren Fluchtwegen beraten. Möglicherweise können man in einzelnen Bereichen auch darüber nachdenken, Räumlichkeiten bei der Polizei oder in Amtsgerichten zu nutzen.
Sicherheit darf Nähe nicht unmöglich machen
Dazu kommen Fortbildungen für die Mitarbeitenden – in Sachen Selbstschutz, aber auch Gesprächsführung, um die subjektive Sicherheit zu erhöhen. Zwei zusätzliche Stellen wurden geschaffen: Eine für die fortgesetzte interne psychologische Beratung und eine für die Koordination mit dem Baubereich zur Umsetzung der neuen Sicherheitskonzepte.
Grundsätzlich bewege sich das Ganze aber eben in einem schwierigen Spannungsfeld, betont der Jugendamtsleiter immer wieder. Denn natürlich lebe die Jugendhilfe von der Nähe und der niedrigschwelligen Erreichbarkeit. „Im SGB 8 steht nichts von Sicherheit“, sagt Levin und meint die einschlägigen Sozialgesetze.
Auch das sei den Kolleg*innen sehr wichtig. Die im Übrigen, bei aller Betroffenheit und Verunsicherung, eben auch in den vergangenen Wochen weiter ihre Arbeit gemacht haben: weil sie die Familien, die Kinder und Jugendlichen nicht im Stich lassen wollen.
Eine hundertprozentige Sicherheit wird es nie geben, sagen die beiden Führungskräfte. Aber, sagt Spiegel, möglicherweise müsse man auch insgesamt noch einmal darüber reden, was in einer Gesellschaft schiefläuft, in der zunehmend die angegriffen werden, die eigentlich helfen möchten.
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