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Israel im SüdlibanonNeue Panik und Tausende auf der Flucht

Israel hat die Angriffe in Libanon verstärkt, 11 Menschen wurden getötet. Es ist die schärfste Eskalation seit dem im Juni verkündeten Waffenstillstand.

Julia Neumann

Aus Beirut

Julia Neumann

Die Sonne war noch nicht aufgegangen, die Familie Nassereddine lag in ihren Betten und schlief, als eine israelische Bombe ihr Haus traf und sie alle tötete. Der Angriff traf am Samstag das Familienhaus im Dorf Ansar in Südlibanon. Dabei gilt eigentlich eine Waffenruhe.

Der Tod der Familie hat in Libanon viel Aufmerksamkeit erregt. Die Mutter Zainab Nassereddine war eine bekannte Dichterin und Übesetzerin von französischen Klassikern ins Arabische. Sie stammte aus einer Künstlerfamilie. Ihr Vater Mahdi Nassereddine ist Herausgeber traditioneller Texte, ihre Brüder sind Künstler und Dichter. Ihren Mann allerdings, Ali Samir al-Hajj Hassan, hat Israel als Kommandeur der Al-Radwan-Truppe der Hisbollah-Miliz identifiziert.

Die beiden hatten vier Kinder: Hussein, Zahra, Abbas und Hassan. Zainabs Bruder Hussein Nassereddine postete Fotos der Kinder auf Instagram: Beim Basketballspielen, beim Grillen, auf dem Balkon mit einem grauen Papagei in einem Käfig. „Israel hat sie alle getötet“, schrieb er darunter, „auch ihren Papagei Coucou.“

„Wir haben Überreste von Kindern im Pool gefunden!“, sagt der Nachbar Mohamed Saab fassungslos in einem Video. Er hat ein Gästehaus mit Pool, dessen Beckenrand voller Staub vom Angriff ist. „Was haben wir hier, dass wir das verdienen?“, fragt er.

Viele bangen, dass die Angriffe sich verstärken

Die Luftangriffe lösten neue Panik aus. Tausende Menschen flohen in der Gegend um Nabatija erneut aus ihren Häusern. Auf der Autobahn in Richtung Norden stauten sich die Autos mit den Vertriebenen. Für viele ist es die dritte oder vierte Flucht seit Beginn des Krieges im Oktober 2023. Dabei waren sie gerade erst zurückgekehrt.

Mitte Juni hatten Israel und Libanon einen bilateralen Waffenstillstand verkündet. Nach zwei Kriegsphasen und insgesamt über 8.000 Toten in Libanon konnten damals zumindest einige Menschen aus dem Süden zurückkehren – vor allem um die Stadt Nabatija. Über 300.000 Menschen konnten nicht zurück, weil Israel über 60 Grenzdörfer in Südlibanon weiter besetzt und zerstört. Die neue Eskalation in Regionen, die als relativ sicher vor Angriffen galten, lässt viele bangen, dass Israel es dabei nicht belassen wird. Mit Angst blicken die Li­ba­ne­s*in­nen auf die anstehenden Wahlen in Israel. Sie befürchten, dass Israels Regierung durch Gewalt in Libanon Wäh­le­r*in­nen gewinnen möchte.

Entsprechend ist die Rhetorik der israelischen Regierung: „Man muss in Libanon die Spielregeln brechen, Beirut bombardieren und sie zerschlagen“, sagte Israels ultrarechter Minister für nationale Sicherheit, Itamar Ben-Gvir, am Sonntag im israelischen Radiosender Darom. Er forderte eine deutliche Eskalation der israelischen Angriffe in Libanon.

Bombardierungen, Explosionen und Artilleriebeschuss gehen vor allem um den Ali-al-Taher-Gebirgsrücken weiter. Dort hat die von Iran unterstützte Hisbollah-Miliz ein Tunnelsystem gebaut. Für Israels Armee würde die Einnahme von Ali al-Taher die Einnahme des gesamten Gebiets bedeuten. Sie möchte das Gebiet einnehmen, trotz Waffenstillstand.

Leidtragend ist die Zivilbevölkerung

Weil die Kämpfe rund um Ali al-Taher die achte Runde bilateraler Gespräche gefährden, soll Washington darauf gedrängt haben, israelische Angriffe einzustellen. Der Hisbollah wurde angeboten, ihre Stellungen zu räumen und an die libanesische Armee zu übergeben. Doch die Hisbollah lehnt das ab, sagten Abgeordnete der Partei am Dienstag. Die Miliz fürchtet, das libanesische Militär könne das Gebiet vor einer möglichen Besatzung nicht verteidigen.

Das bilaterale Abkommen aus dem Juni sieht vor, dass Israel die Besatzung in Südlibanon schrittweise beendet. Die Hisbollah soll ihre Waffen und Stellungen an Libanons Armee abgeben. Beide Seiten weigern sich.

Leidtragend ist die Zivilbevölkerung. „Die Bewohner der Grenzdörfer sind seit drei Jahren vertrieben und gezwungen, von Haus zu Haus zu ziehen“, sagte Tarek Mazraani vom Verband der Ein­woh­ne­r*in­nen der Grenzdörfer, der taz. „Unsere Vertriebenen leiden unter Belastungen durch monatliche Mieten und Ausgaben, ohne Arbeit oder Einkommen zu haben.“ Eine Rückkehr sei nicht in Sicht, im Gegenteil: „Täglich werden Häuser zerstört, Gebäude mit Sprengfallen versehen und gesprengt, landwirtschaftliche Flächen abgebrannt.“ Mit der neuen Eskalation sind nun noch mehr Menschen vertrieben.

Libanon läuft zudem Gefahr, erneut zum Schauplatz im USA-Iran-Krieg zu werden. Parallel zu Israels Eskalation in Südlibanon ist auch die 60-Tage-Frist der Waffenruhe zwischen den USA und Iran zu Ende gegangen. Das Abkommen hatten die USA zwar in den ersten Wochen durch Angriffe zunichtegemacht, doch nun sagte US-Präsident Donald Trump, er habe es „nicht eilig“, den Krieg mit Iran zu beenden.

Am Dienstag postete er eine Karte, auf der er die Straße von Hormus als „US-Territorium“ markiert hatte. Iran wiederum droht mit einer stärkeren Eskalation, sollte die USA ihre Versprechen aus dem Abkommen nicht wahr machen und Sanktionen gegen Iran erleichtern. Mit Blick auf Libanon soll Iran überlegen, der Hisbollah mit möglichen Angriffen gegen Israel beizustehen.

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