Identitäre Verachtung von Schwaben: Schluss mit dem Ländle-Spott

Lasst doch mal die Ressentiments gegen Schwaben stecken. Bitte! Die kulturellen Fortschritte der deutschen Gesellschaft sind im Ländle am sichtbarsten.

Wahlplakat für Winfried Kretschmann steht in der Landschaft

„Dieser Mann scheißt uns nicht an“: Das ist das Gefühl normaler Leute gegenüber Kretschmann Foto: Arnulf Hettrich/imago-images

Als ich den Philosophen Markus Gabriel das letzte Mal traf, hatte er gerade „moralischen Fortschritt“ gefordert und nebenbei den in Stuttgart geborenen Jahrtausend-Denker Georg Wilhelm Friedrich Hegel als „irgend so einen schwerfälligen Schwaben“ bezeichnet. Ich stellte ihn zur Rede, und er entschuldigte sich und zog das zurück. Er habe seine eigenen moralischen Standards unterboten. Auch „Schwabismus“ sei verwerflich.

Das war eine souveräne, aber leider völlig unübliche Reaktion. Interessanterweise sind es gern urbane, emanzipatorische und antirassistische Linksliberale, die Menschenverachtung völlig zu Recht kritisieren, Schwabenverachtung aber für eine notwendige Tugend halten. Und identitäre Ressentiments über Schwaben verbreiten, also dass diese kulturlose Materialisten seien, besessen davon, die Straße zu kehren, Maultaschen zu essen und viel Geld zu verdienen. Wobei mit dem Begriff „Schwaben“ zumindest in Berlin auch gleich Badener, Kurpfälzer, Hohenloher und schlicht alle Baden-Württemberger mitdiskriminiert werden.

Mit dem pejorativen Diminutiv „Ländle“ wird zudem gezielt versucht, die globale Bedeutung des Wirtschafts- und Kulturgiganten Baden-Württemberg zu ignorieren und das Klischee der Provinzdeppen durchzusetzen.

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Auch wegen dieses geistlosen, aber hartnäckigen Schwabismus tun Leute sich schwer damit, dass die soziologischen Entwicklungen und kulturellen Fortschritte der deutschen Gesellschaft ausgerechnet in Baden-Württemberg am ausgeprägtesten sichtbar sind und 2011 einen demokratisch-emanzipatorischen Umsturz ausgelöst haben. Nämlich die Abwahl der vermeintlichen Staatspartei CDU nach 58 Jahren, und fünf Jahre später den Sprung der ökoliberalen Grünen zur Partei der baden-württembergischen Mehrheitsgesellschaft.

Eine neue und eine alte Mitte

Dafür werden in der Regel drei Erklärungen gegeben: Die Schwaben seien halt bescheuert. Die Schwaben seien halt reich und könnten sich das leisten. Ministerpräsident Winfried Kretschmann sei ein Konservativer, weshalb diese Grünen eigentlich nur eine weitere CDU seien. Selbstverständlich gibt es bescheuerte Schwaben und reiche Schwaben. Diese Erklärungen sind aber auch schon wieder ethisch problematisch, intellektuell nicht satisfaktionsfähig und außerdem falsch.

Vielmehr ist es zum einen so, dass der Aufstieg der Grünen und der Abstieg der SPD eine Folge des Endes der nivellierten westdeutschen Industriegesellschaft des 20. Jahrhunderts ist. Es gibt nun eine neue Mitte, eine alte Mitte und eine prekäre Dienstleistungsgesellschaft. Erstere repräsentieren in Baden-Württemberg die Grünen, zweitere die CDU. Der dritte Gesellschaftsteil ist in dem noch wohlhabenden Land weniger ausgeprägt als anderswo, weshalb die Linkspartei gar nicht im Parlament vertreten ist, die Kulturabsteiger rekrutierende AfD dagegen fett.

Nicht Gegengesellschaft, sondern Zentrum

Die zielgruppenschwammige SPD ist längst marginalisiert. Zwar wurde sie im Land nie richtig ernst genommen, aber wer die CDU nicht mochte, wählte sie als Geste der Differenz. Heute wählen Leute, die keine CDU-Politik wollen, die Grünen. Aber eben nicht als Geste, sondern als Regierungsauftrag. Hier hat sich der Wandel längst vollzogen, den Annalena Baerbock und Robert Habeck auf Bundesebene seit 2018 nachvollziehen: Diese neue Mitte, akademisch und emanzipatorisch gebildet, pragmatisch und lebensnah orientiert, versteht sich kulturell nicht als „Gegengesellschaft“, sondern als Zentrum. Sie wollen bestimmen oder mitbestimmen.

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Aber es wählen eben nicht nur emanzipatorische Akademiker die Grünen, sondern auch Rentnerinnen mit Volksschulabschluss, selbstständige Kleinunternehmer, Daimler-Angestellte. Das verdankt sich zu einem großen Teil dem Ministerpräsidenten, dem es – ganz unstrategisch – gelungen ist, eine Politikerfigur zu entwickeln, die gleichzeitig Classic-Landesvater und schratiger Anti­typus ist und mit dieser Ausstrahlung ein seltsam großes Vertrauen bis in erzkonservative Milieus hinein ausgelöst hat.

„Dieser Mann scheißt uns nicht an“

Politik ist in den seltensten Fällen von Sachkompetenz geprägt und in den allermeisten von Gefühlen, und das Gefühl normaler Leute gegenüber Winfried Kretschmann lautet: Dieser Mann scheißt uns nicht an. Das ist für ein Smartass in Berlin-Mitte vollkommen unverständlich, aber wenn er den Ministerpräsidenten, sagen wir bei Markus Lanz, „ganz unmöglich“ findet, dann fühlt sich der überwiegende Teil der Baden-Württemberger und auch der verbliebenen CDU-Wähler von ihm angemessen repräsentiert.

Wie er sich generell von ihm gut repräsentiert fühlt, was eben auch heißt: gesehen und gewertschätzt. Das liegt daran, dass er nicht der Ministerpräsident der Grünen-Funktionäre und ihres Grundsatzprogramms ist, sondern tatsächlich der Ministerpräsident von Baden-Württemberg.

Viel pluralistischer als Klischees

Und dieses Land ist eben viel pluralistischer und multikultureller, als es die Ressentiments und Klischees transportieren. Zum Beispiel werden die besten Maultaschen und verlässlichsten Kehrwochen von den urbanen Enkeln eingewanderter Italiener gemacht, vermutlich auch Grünen-Wähler. Gleichzeitig gibt es in pietistischen Enklaven oder bestimmten ländlichen Gebieten durchaus reaktionäre gesellschaftspolitische Kulturen, wie es auch in der Landes-CDU reaktionäre klimapolitische Spitzenpolitiker gibt.

Es wählen nicht nur Akademiker die Grünen, sondern Rentnerinnen, Kleinunternehmer, Daimler-Angestellte

Überhaupt ist die neue ökoliberale Kulturhegemonie zwar so durchgesetzt wie nirgendwo sonst in Deutschland. Aber fast alle Landräte und Bürgermeister sind weiterhin CDU. Der Fortschritt in Baden-Württemberg besteht deshalb nicht darin, die alte Kultur und Macht vollends ersetzt zu haben, sondern eine bessere Position für das notwendige Ausbalancieren einer fairen, gesellschaftlichen Koexistenz zu haben, sodass die liberale Gesellschaft beim brutal schwierigen Wandel zum postfossilen Wirtschaften nicht auseinanderbricht.

Wo, wenn nicht in Baden-Württemberg?

Ich habe selber einige Jahre gebraucht, bis mir klar wurde, dass die Wahl von 2011 kein Bruch mit der Geschichte sein sollte, sondern nur mit der Allmacht der verkrusteten und innovationsunfähigen Landes-CDU. Die Geschichte Baden-Württembergs seit 1945 ist ja eine außergewöhnliche Aufstiegsgeschichte, und zwar kulturell wie wirtschaftlich.

Deshalb soll sie weitergehen, indem im Sinne Hegels der alten CDU-These eine neue Grüne Antithese entgegengestellt wird. Nun muss man leider sagen, dass es mit einer synthetischen Auflösung im politischen Regierungsalltag von Grün-Schwarz noch hapert. Das Problem ist: Wenn die CDU nicht in der Regierung ist, wofür einiges spricht, dann ist sie mit der AfD in der Opposition. Aber „wo, wenn nicht in Baden-Württemberg“, pflegt der Ministerpräsident zu predigen, könne man zeigen, dass man es anders machen könne, damit es weitergehen kann?

Tja. Wie wir Berliner Großkotze wissen, ist der Schwabe ja besessen vom „Schaffen“ – und so steht zu befürchten, dass er das tatsächlich auch noch schafft.

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Chefreporter der taz, Chefredakteur taz FUTURZWEI, Kolumnist und Autor des Neo-Öko-Klassikers „Öko. Al Gore, der neue Kühlschrank und ich“ (Dumont). Bruder von Politologe und „Ökosex“-Kolumnist Martin Unfried

Am 14. März 2021 hat Baden-Württemberg einen neuen Landtag gewählt: Der Grünen-Spitzenkandidat Winfried Kretschmann konnte sich behaupten. Wer kommt in die Koalition?

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