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Housing Action Days in BerlinDas Geld kommt nicht von nirgendwo

Die Miete der einen ist die Dividende der anderen. Die Mie­te­r:in­nen­be­we­gung stellt sich dem Geschäftsmodell privater Wohnungskonzerne entgegen.

2019 gingen zu den Housing Action Days noch Zehntausende in Berlin auf die Straße Foto: epd/imago

F ür manche läuft in der Wohnungskrise alles super. Für die Anleger bei Vonovia beispielsweise, Deutschlands größter Wohnungskonzern. Der am Donnerstag veröffentlichte Geschäftsbericht 2025 spricht für sich: Wegen des „positiven Marktumfelds“ ließ sich demnach eine durchschnittliche Mietsteigerung um 4,1 Prozent durchsetzen – die Basis für die Dividende von 1,25 Euro pro Aktie, die die Ak­tio­nä­r:in­nen ausgeschüttet bekommen sollen.

1,25 Euro, das klingt nach nicht so viel, das ist ein Ayran beim Döner, mit etwas Glück. Aber rechnen wir mal etwas genauer. Bei der kursierenden Zahl von 848,26 Millionen sich im Umlauf befindlichen Aktien lässt sich errechnen, dass den Ak­tio­nä­r:in­nen dieses Jahr insgesamt ungefähr eine Milliarde Euro (1.060.325.000 Euro) ausgezahlt werden dürfte. Final sind diese Zahlen bisher zwar nicht, weil erst auf der Hauptversammlung im Mai über die vom Konzernvorstand vorgeschlagene Dividendenhöhe entschieden wird. Aber ungefähr auf diese Summe dürfte es hinauslaufen.

Dieses Geld kommt nicht von nirgendwo. Es wird erwirtschaftet, und zwar letztlich von den Mie­te­r:in­nen von Vonovia, die täglich arbeiten gehen, um ihre Miete zahlen zu können. 530.979 Wohnungen besitzt Vonovia insgesamt in verschiedenen Ländern. Von hier aus ist die Rechnung einfach: 1,06 Milliarden Euro durch 531.000 Wohnungen: Jede Vonovia-Wohnung wirft jährlich 1.996 Euro und 92 Cent nur für die Ak­tio­nä­r:in­nen ab. Heißt: Jeden Monat zahlen Vonovia-Mieter:innen im Durchschnitt 166 Euro Miete allein in ihre Taschen. Der dividendenbereinigte Gewinn des Konzerns ist da noch mit einberechnet.

Jeden Monat zahlen Vonovia-Mieter:innen im Durchschnitt 166 Euro Miete allein in ihre Taschen

Wenn also das nächste Mal im Fernsehen über Sozialschmarotzer geredet wird, lohnt es sich vielleicht, an diese Ak­tio­nä­r:in­nen zu denken, deren Einkommen tatsächlich auf anderer Menschen Arbeit basiert. Und wenn das nächste Mal von der „freien“ Marktwirtschaft die Rede ist, sollte man sich in Erinnerung rufen, dass diese „Freiheit“ in erster Linie die Freiheit der Besitzenden ist, qua ihrer Eigentumstitel auf Kosten anderer Menschen leben zu dürfen. Das klingt vielleicht polemisch, ist deshalb aber nicht weniger wahr. Politisch mag sich seit der Zeit der Könige und Feudalherren einiges geändert haben. Daran, dass die meisten Menschen tagtäglich ackern, um andere Menschen reich zu machen, dagegen wenig.

Housing Action Days 2026

Weltweit organisieren Mie­te­r:in­nen im Frühling die Housing Action Days, um gegen diese staatlich orchestrierte Mietausbeutung das Menschenrecht auf bezahlbares Wohnen zu setzen. In Berlin werden die Proteste vom Mietenwahnsinn-Bündnis organisiert. Dieses wird auch in diesem Jahr versuchen, aus dem in der Mie­te­r:in­nen­be­we­gung in den letzten Jahren verbreiteten Gefühl des Überrollt-Worden-Seins wieder in die Offensive zu kommen.

Die Aktionstage beginnen am Donnerstag (26. März) mit einer Mahnwache gegen Obdachlosigkeit und Zwangsräumungen, die von 12 Uhr bis nachts vor dem Roten Rathaus stattfinden soll. Am Samstag (28. März) ruft das Bündnis um 13 Uhr ebenfalls vor dem Roten Rathaus zu einer Soli-Demo für die von Obdachlosen besetzte Habersaathstraße 40-48 auf, die sich seit Monaten mit gewalttätigen Überfällen und Schickanen des Hausbesitzers herumschlagen müssen.

Am Samstag findet in Rixdorf ein Kiezspaziergang gegen Verdrängung statt, der um 16 Uhr am Böhmischen Platz starten soll. Und am Sonntag organisiert die „Schillerkiez Hypo Investment Tours“ eine Tour auf den Spuren der verschwundenden Kneipen in Neukölln, die der Profitgier zum Opfer gefallen sind. Los geht es um 15 Uhr an der von der Polizei leergeräumten Kiezkneipe Syndikat in der Weisestraße 56.

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Timm Kühn
Redakteur
Chef vom Dienst bei der taz Berlin. Schreibt für die taz über soziale Bewegungen und mehr.
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