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Hisbollah greift Israel anRaketen für Teheran, Trümmer für Beirut

Julia Neumann

Kommentar von

Julia Neumann

Der Kriegseintritt der Hisbollah ist unverantwortlich und suizidal. Israel wird die Gelegenheit nutzen, den Krieg im Libanon auszuweiten.

Dahieh, Beirut, Libanon, 1. März: ein Hisbollah-Anhänger mit dem Porträt des verstorbenen iranischen Obersten Führers Ayatollah Ali Khamenei Foto: Wael Hamzeh/epa

I ndem sie Raketen auf Haifa abgefeuert hat, hat die Hisbollah entschieden, wieder in den Krieg einzutreten. Das ist nicht nur unvernünftig, sondern fatal und suizidal.

Suizidal für die Partei und Miliz der Hisbollah, die bereits massiv geschwächt war. Mit ihren verbliebenen Raketen und Kämpfern hat sie militärisch keine Chance gegen ein hoch gerüstetes, modernes israelisches Militär. Die komplette alte Führungsriege ist tot, die Strukturen durch Spione im Innersten der Organisation geschwächt. Durch den Machtwechsel in Syrien waren die Wege zu Waffenlieferungen aus dem Iran gekappt. Nun greift Israel auch die politische Führung der Partei an.

Auf das Verhandlungsgeschick der libanesischen Regierung mit den USA zu bauen, war ein guter Weg. Seit dem Waffenstillstand im November 2024 hatte die Hisbollah keine Rakete auf Israel gefeuert, die USA, Frankreich und auch Deutschland versprachen Wiederaufbauhilfen. Die Hisbollah konnte darauf verweisen, dass Israel mit täglichen Angriffen im Libanon den Waffenstillstand bricht. Es war schon eine Art Konsens im Libanon, dass die Hisbollah sich aus dem Krieg heraushalten würde.

Doch jetzt kommt es anders. Die Hisbollah hat alle Logik über Bord geschmissen. Sie hat sich für Raketen auf Haifa entschieden – eine eher symbolische Politik aus politischer Allianz zu Irans Theokratie, zu einem hohen Preis für die libanesische Bevölkerung. Die libanesische Regierung erklärte die militärischen Aktivitäten der Hisbollah daraufhin für illegal.

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Fatal für den Libanon und die Menschen

Besonders perfide: Die Miliz zieht ein ganzes Land in den Krieg wegen der Ermordung eines Machthabers im Iran in einem anderen Land. Nicht mal, um sich gegen die täglichen Bombardierungen zu wehren, die Menschen vor allem im Süden aushalten mussten. Und das mit Raketen, die militärisch keinen Vorteil bringen.

Das ist fatal nicht nur für ihre Anhängerschaft, sondern für alle Menschen im Libanon, die nun wieder in den Krieg gezogen werden. Das israelische Militär hat deutlich gedroht, auch zivile Ziele anzugreifen, darunter den Beiruter Flughafen. Die Hisbollah spielt mit dem Leben der Menschen, die nichts mit dem Konflikt zu tun haben. Anscheinend hat die Miliz nichts mehr zu verlieren.

Ebenso wenig Israels ultrarechte, nach Krieg lechzende Regierung. Sie wird den Anlass nutzen, um den Krieg im Libanon aufs Maximum auszuweiten.

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Julia Neumann
Korrespondentin Libanon
Auslandskorrespondentin für Westasien mit Sitz in Beirut. Hat 2013/14 bei der taz volontiert, Journalismus sowie Geschichte und Soziologie Westasiens studiert. Sie berichtet aus dem Libanon, Syrien, Iran und Irak, vor allem über Kultur und Gesellschaft, Gender und Fragen der sozialen Gerechtigkeit. Für das taz Wasserprojekt recherchierte sie im Libanon, Jordanien und Ägypten zu Entwicklungsgeldern.
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