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Hausbesetzung in PotsdamKeine bösen Linken

Die Tornowstraße 40 in Potsdam steht seit Jahren leer. Jetzt haben Ak­ti­vis­t:in­nen sie besetzt und erhalten viel Zuspruch – die Räumung ist aber nicht vom Tisch.

Von der Stadt geduldet: Ak­ti­vis­t:in­nen auf dem Hof der besetzten Tornowstraße 40 in Potsdam Foto: Marco Fründt
Marco Fründt
Erik Peter

Aus Potsdam

Marco Fründt und Erik Peter

Um zur alten Fahrradwerkstatt auf dem Potsdamer Hermannswerder zu kommen, muss man zahlreiche Boote und Kleingärten passieren. Am Ende einer Sackgasse liegt das einstöckige Gebäude in einem kleinen Waldstück. Geht man durchs Tor, wird man von einem Kreis aus Sesseln und Stühlen begrüßt, inklusive der Menschen, die das Gebäude in der Tornowstraße 40 seit Freitag besetzt halten. „Die Häuser denen, die sie brauchen“, steht auf einem orangefarben meterhohen Banner, das in den Bäumen dahinter hängt.

Seit 2023 steht das Gebäude des Kommunalen Immobilien Services leer. Beheizt werde es, wie zwei weitere Gebäude auf dem Werder, im Winter dennoch. „Bezugsfertig“ also, sagt Besetzer Andreas.

Viel tun mussten sie für den Einzug erst mal nicht: Das Tor sowie einige Fenster hätten offen gestanden. Seitdem wird gewerkelt, drinnen wie draußen. Ein Gemüse- und Blumenbeet ist schon angelegt, Wohnzimmer und Küche zumindest für das nutzbar, für das sie vorgesehen sind. „Hier sind die Toiletten, eine All Gender, eine für Flinta“, erklärt Besetzerin Toni. Die Duschen werden gerade repariert.

Ich habe länger in einem Auto gelebt, weil ich keine Wohnung gefunden habe

Toni, Hausbesetzerin

„Als wir eingezogen sind, war hier alles voller Spinnweben und Rattenkot“, erklärt Besetzerin Toni. Nach drei Tagen ist davon nichts mehr zu sehen. Nur ein paar Bretter, die in der Küche an die Wand gelehnt sind, und das JVA-Grün an den Wänden im Flur zeugen davon, dass es noch Renovierungsbedarf gibt.

Sicherheit und Barrierefreiheit hingegen haben die Be­set­ze­r:in­nen schon gewährleistet: Ein Architekt habe die Statik des Gebäudes geprüft und eine Baumpflegerin hat gefährliche Äste der umstehenden Bäume entfernt – der verwachsene Rollstuhlzugang wurde ebenfalls freigeschnitten.

Die Möbel und Baustoffe seien Spenden von Nach­ba­r:in­nen und Menschen aus der ganzen Stadt. Während wir sprechen, sind zwei weitere Möbeltouren unterwegs, sagt Andreas. Als Nächstes sollen noch mehrere Wände gezogen werden, das sei aber bereits mit einem Handwerker geklärt.

Renovieren statt feiern

Am Ende soll hier Wohnraum für 10 bis 15 Menschen entstehen. „Wir sind keine bösen Linken, die nur Partys feiern und vandalieren. Wir wollen herrichten, wir renovieren“, sagt Andreas. Aus diesem Grund hängen in jedem Raum Zettel an den Wänden, die auf das Stickerverbot hinweisen. Der Fokus der Be­set­ze­r:in­nen liegt auf der Schaffung von neuem Wohnraum.

Ausschließlich uneigennützig ist das nicht. „Ich habe länger in einem Auto gelebt, weil ich keine Wohnung gefunden habe“, erzählt Toni. Andere erzählen von Mietangeboten, bei denen zehn Quadratmeter für 800 Euro zu haben sind.

Potsdam ist eine der teuersten Städte der Bundesrepublik und in Ostdeutschland Spitzenreiterin. Damit die Potsdamer Lebensrealität in diesem kleinen Idyll nicht in Vergessenheit gerät, erinnert eine Ausstellung im Flur daran: An den Wänden hängen Ausdrucke von Wohnungs- und Zimmerangeboten der gängigen Plattformen. Eine Dreizimmerwohnung am Stadtrand wird etwa von Vonovia für über 1.900 Euro warm angeboten.

In Potsdam wird noch privatisiert

Besuch hatten die Be­set­ze­r:in­nen schon von Isabelle Vandre, Bundestagsabgeordnete der Potsdamer Linken. Der taz sagt sie: „Das sind junge Menschen, die sehr frustriert darüber sind, dass sie auf dem Wohnungsmarkt keine Perspektive haben und die kein Verständnis dafür aufbringen, dass Leerstand nicht effektiv genutzt wird.“ Vandre fordert eine langfristige Duldung der Besetzung: „Ich erwarte von der Stadt, dass sie gemeinsam mit den jungen Menschen versucht, einen Weg zu finden, das Haus nutzbar zu machen.“

Die ehemalige Stadtverordnete kritisiert grundsätzlich, dass Potsdam trotz akuter Mietenkrise und Wohnungsmangel weiterhin Grundstücke und Gebäude veräußert. „Dadurch werden Handlungs- und Gestaltungsspielräume auf Dauer verbaut“, so Vandre. Allein auf der Halbinsel Hermannswerder stünden derzeit mehrere Häuser durch den landeseigenen Kommunalen Immobilien Service zum Verkauf, auch das kommunale Wohnungsbauunternehmen ProPotsdam veräußere immer wieder Immobilien, obwohl dies seit Jahren in der Stadtverordnetenversammlung kritisiert werde.

Potsdams Wohnungsmarkt gilt als extrem angespannt. Im vergangenen Jahr betrug die durchschnittliche Nettokaltmiete bei Wiedervermietungen 10,80 Euro pro Quadratmeter und lag damit höher als in Berlin; in zentralen Lagen werden auch schnell mehr als 15 Euro fällig. Laut Analyse des Immobilienverbands Deutschlands verschärften sich die Probleme angesichts der Baukrise einerseits und der hohen Anziehungskraft Potsdams andererseits.

Erst jüngst hatten in Potsdam die Sperrmüllbanditen für Aufregung gesorgt, junge Menschen, die nachts Mobiliar in der Innenstadt aufstellen, um gegen die Wohnungskrise zu protestieren. Der Kampf um Wohnraum prägt die Stadt seit der Wiedervereinigung. Anfang der 1990er Jahre gab es 70 Hausbesetzungen, mitunter 30 parallele, gemessen an der Einwohnerzahl die meisten bundesweit, wie aus einer Studie des Historikers Jakob Warnecke hervorgeht.

Ein Großteil der Besetzungen wurde in den Jahren darauf allerdings geräumt, nur einige bekamen Nutzungsverträge oder Ausweichquartiere. Ein letzter Besetzungsversuch 2019 in einem Wohnhaus in der Brandenburger Vorstadt war nach wenigen Stunden geräumt worden.

Vorerst keine Räumung

Um dieses Schicksal scheinen die Ak­ti­vis­t:in­nen der Tornowstraße 40 erst einmal herumzukommen. Eine formelle Duldung gibt es bisher nicht, es wurde sich bisher aber auch nicht für eine Räumung entschieden. Oberbürgermeisterin Noosha Aubel (parteilos) ist sogar direkt am Freitagabend zum Gespräch vorbeigekommen. Für die Best­ze­r:in­nen ein positives Zeichen: „Wir wollen dauerhaft hier wohnen und sind über die offenen Gespräche sehr dankbar“, sagt Toni.

Wenn es nach den Nach­ba­r:in­nen geht, ist die Besetzung der Tornow40 ein Schritt in die richtige Richtung. Beim Nachbarschaftsfest am Sonntag gab es viel Besuch, auch viel Hilfe von Anwohnenden habe es gegeben. So stamme etwa das Saatgut für die Gemüsebeete von einer Nachbarin. Umgekehrt helfen die Ak­ti­vis­t:in­nen aber auch: In der Garage soll unter anderem eine Fahrradwerkstatt entstehen.

Micke Guckelsberger lebt seit fast zehn Jahren direkt gegenüber der alten Fahrradwerkstatt. „Seit Jahren verfällt das Gebäude, obwohl dort Leute wohnen könnten“, sagt sie der taz. Die Besetzung finde sie aber nicht nur der netten Menschen wegen gut: „Wir haben hier krasse Wohnraumprobleme. Durch die Besetzung bekommt es auch endlich jemand mit.“

Wie mit der Tornowstraße 40 weiter verfahren wird, soll noch diese Woche besprochen werden, teilt die Potsdamer Stadtverwaltung der taz mit. „Eine illegale Hausbesetzung ist keine Lösung, um bezahlbaren Wohnraum für junge Menschen zu schaffen“, hieß es weiter. Die Verwaltung stehe mit den Be­set­ze­r:in­nen im Gespräch, schließt aber eine Räumung nicht aus.

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