Nächtliche Aktion gegen Wohnungsmangel: Die Sperrmüll-Banditen gehen um
Eine Gruppe junger Männer möbliert nachts das Stadtbild mit Möbeln vom Sperrmüll. Mit der Aktion protestieren sie gegen die hohen Mieten in Potsdam.
Zehn vermummte Gestalten hasten über einen Hinterhof, im Flackern ihrer Taschenlampen kann man knallpinke, tarnfarbene und schwarze Sturmmasken erkennen. „Beeilt euch“, zischt einer. Es ist Sonntag kurz nach 23 Uhr und was sie vorhaben, soll niemand sehen. Jetzt noch nicht. Werden die Jungs erwischt, drohen ihnen hohe Bußgelder.
Sie schleppen einen Stuhl, einen Teppich und zwei Sofateile in einen gemieteten Transporter. Zum Schluss hievt einer noch eine riesige Satellitenschüssel auf die Ladefläche. „Wir können los.“ Die Türen schlagen zu, der Wagen rollt Richtung Universität.
Was auf den ersten Blick wie ein Einbruch aussieht, ist der Beginn einer Protestaktion der Sperrmüll-Banditen. Seit März verwandelt die Gruppe über Nacht bekannte Orte in ganz Potsdam in Freiluftwohnzimmer. Sie stellten eine Couch unter das Brandenburger Tor, einen Sessel auf den Alten Markt. Heute Nacht kommt eine Wohnlandschaft unter die Kolonnade mit Triumphtor an der Uni. Dorthin, wo es tagsüber alle sehen können. Ihr kreativer Protest gegen hohe Mieten hat die Gruppe auf Instagram mittlerweile zu einer lokalen Berühmtheit gemacht.
„Was schreiben wir auf die Satellitenschüssel?“, fragt einer während der Fahrt. „Mieten runter“, sagt der mit der schwarzen Maske. „Das geht immer.“
Wer sind die Jungs?
Wie kommt man darauf, mit alten Sofas gegen Wohnungsnot zu protestieren? Zwei Stunden früher, Lagebesprechung in einer Kneipe. Max, der Kopf der Gruppe, und sein bester Freund Tristan sehen ohne Masken aus wie ganz normale junge Männer. Sind sie ja auch. Nächste Woche stehen Abiprüfungen an. Ihre echten Namen wollen sie nicht in der Zeitung lesen. Max plant nach der Schule ein Studium in Berlin, Tristan will in Potsdam bleiben, aber auch gern ausziehen. Das Problem: „In unserem Alter ist es fast unmöglich, eine bezahlbare Wohnung zu finden“, sagt Max. WG-Zimmer für 850 Euro kalt, das sei doch absurd.
Max, Sperrmüll-Bandit
Tatsächlich ist der Mietmarkt in Potsdam extrem angespannt und die Lage hat sich in den letzten Jahren verschärft. Besonders für Studierende und Geringverdienende mangelt es an bezahlbarem Wohnraum. Selbst Potsdams Bürgermeisterin suchte lange Zeit vergeblich nach einer Wohnung. Laut Immoscout lag die durchschnittliche Kaltmiete Anfang 2026 bei über 13 Euro pro Quadratmeter – und damit so hoch wie in Berlin. Ein WG-Zimmer kostet im Schnitt 500 Euro – vor vier Jahren waren es noch 350 Euro.
Tristan, der Kameramann der Gruppe, sagt: „Wir wollen mehr Sichtbarkeit für unsere Probleme.“
Angefangen hat es als Gag. Die Jungs fanden an der Straße ein altes Sofa und schleppten es aus Spaß unters Jägertor. Eine Meme-Seite griff das Bild auf: „Zentrale Lage, teilweise regengeschützt, keine Küche, kein Bad – 1.000 € kalt.“ Der Post ging viral und die Jungs merkten, dass man mit alten Möbeln Aufmerksamkeit generieren kann. Seitdem durchforsten sie Kleinanzeigen nach Gratismöbeln oder sammeln ein, was andere an die Straße stellen, um es nachts mit politischer Botschaft wieder aufzubauen.
Behördliche Strenge
Während das Internet die Jungs feiert, reagiert die Stadt mit preußischer Strenge: „Aus ordnungsbehördlicher Sicht besteht der Verdacht einer unerlaubten Abfallablagerung“, so eine Sprecherin. Die Stadt stehe aber für einen Dialog über Lösungen der Wohnungskrise bereit.
Kurz nach Mitternacht hält der Transporter vor der Uni. Tristan klopft dreimal hart gegen die Seitentür: „Ey Jungs!“ Die Tür fliegt auf, Max rennt mit dem Teppich voran, die anderen wuchten die Sofateile hinterher. Ein Bandit kniet auf dem Boden und taggt auf die Satellitenschüssel: „Ein Geschenk an Studis ♡“. Dann ergänzt er: „MIETEN RUNTER“. Keine fünf Minuten dauert es, dann stehen die Möbel inklusive Schüssel unter dem Triumphtor. Tristan filmt mit dem Handy.
Plötzlich nähert sich von hinten ein langsam fahrendes Auto. „Fuck, das sind Parkwächter“, flüstert einer. Die Taschenlampen erlöschen. Die Gruppe verharrt so unauffällig, wie man vermummt neben einem Sperrmüllsofa verharren kann. Dann beschleunigt das Auto wieder. Fehlalarm.
„Geil, das hat Bock gemacht“, sagt Max, als sie zurück auf die Ladefläche steigen. „Die Videos sind auch krass geworden“, sagt Tristan. Der Transporter verschwindet in der Dunkelheit.
Am nächsten Tag werden sie die Videos posten, fürs Abi lernen und weiter nach einer eigenen Wohnung suchen, wie ganz normale Jungs in ihrem Alter. Max hat jetzt was in Aussicht: Zwei Zimmer in Tiergarten, gemeinsam mit einem Freund. Kostenpunkt: 1.200 Euro.
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