Görlitzer Bahnbrücken in Berlin: Mutlos zur Lücke
In wenigen Tagen werden die alten Bahnbrücken gesperrt, die den Görlitzer Park nach Osten erweitern. AnwohnerInnen glauben: Es ginge auch anders.
Am kommenden Sonntag will die Bürgerinitiative „ZusammenBrücken“ sich noch einmal gegen das scheinbar Unvermeidliche auflehnen: Um 14 Uhr lädt sie zu einer Kundgebung auf dem ehemaligen Görlitzer Bahndamm ein, auf der Fläche zwischen den historischen Stahlbrücken, die über den Landwehrkanal und die Lohmühlenstraße führen.
Der Protest richtet sich gegen die zum 1. Juli bevorstehende Sperrung der Brücken durch deren Eigentümerin Deutsche Bahn (DB). Von einer zuletzt zwischen Land Berlin und DB getroffenen Vereinbarung über das weitere Vorgehen verspricht sich die Initiative wenig: Sie rechnet damit, dass die beliebte Wegebeziehung zwischen Kreuzberg und Treptow für lange Zeit gekappt sein wird.
Eigentlich scheint das Schlimmste abgewendet zu sein: Anfang Mai hatte die DB aus heiterem Himmel verkündet, sie werde die Nutzung der Brücken durch den Fuß- und Radverkehr zeitnah untersagen – weil diese durch das in den 1990er Jahren aufgetragene Gemisch aus Kies und Sand, das Regenwasser aufsaugt, durchrosteten. Die Perspektive einer baldigen Wiederherstellung gab es zu damals noch nicht. Das hat sich nach einem Gespräch zwischen Finanzsenator Stefan Evers und Verkehrssenatorin Ute Bonde (beide CDU) und dem Konzernbevollmächtigten der Bahn für Berlin, Alexander Kaczmarek (auch CDU), geändert.
Wie Bonde in der vergangenen Woche im Verkehrsausschuss des Abgeordnetenhauses mitteilte, habe man bei diesem Treffen der Bahn mitgeteilt, „dass wir ein großes Interesse daran haben, die durchgängige Wegebeziehung aufrechtzuerhalten“.
Denkmalgerechte Sanierung
Es habe zwischen den Beteiligten auch „keinen Dissens“ darüber gegeben, „dass der Bezirk Treptow-Köpenick die unsachgemäß eingebrachte Verfüllung beseitigen muss“. Wenn das erfolgt sei, werde man ein Ingenieurbüro mit einem Gutachten zum Zustand der Bauwerke beauftragen und anschließend über eine „vernünftige Kostenquotelung“ sprechen. Sprich: wer sich mit welchen Mitteln an der denkmalgerechten Sanierung der Brücken beteiligt.
Madeleine Sauer, Anwohnerin
Madeleine Sauer, Anwohnerin und bei ZusammenBrücken aktiv, glaubt, dass das sehr, sehr lange dauern könnte: „Erst werden auf allen vier Brücken das Kies-Sand-Gemisch und das alte Schotterbett entfernt, dann kommt das externe Gutachten, dann irgendwann der Sanierungsplan, und dann wird darüber verhandelt, wer wie viel bezahlt. Es werden also erst Tatsachen geschaffen und die Lösung wird in die ferne Zukunft verschoben.“
Dass es überhaupt nötig ist, den umstrittenen Brückenbelag komplett abzubaggern, bezweifelt sie: „Wir haben uns als Initiative mit einem Brückenbauingenieur getroffen, der uns erklärt hat, dass es Usus ist, für eine solche Prüfung nicht gleich den ganzen Belag abzunehmen. Es reicht, ihn dafür punktuell aufzugraben.“ Das würde die Totalsperrung für FußgängerInnen und RadfahrerInnen vorerst vermeidbar machen – ist aber aktuell nicht vorgesehen.
Wer zahlt was?
Es würde in Berlin wohl nicht mit rechten Dingen zugehen, wenn sich schnell Einigkeit über die „Kostenquotelung“ erzielen ließe. Denn diese soll „verursachungsgerecht“ sein, wie Bonde im Ausschuss sagte. Auch die Bahn sieht das so, hat aber offensichtlich einen etwas anderen Blickwinkel: Zwar hat der DB-Konzernbeauftragte grundsätzlich die Bereitschaft signalisiert, sich an der Brückensanierung zu beteiligen, aber die DB betrachtet den Bezirk als den eigentlichen Übeltäter, der seinerzeit mit der Sand-Kies-Mischung die Probleme verursacht habe.
Auch das sieht Madeleine Sauer nach den Gesprächen der Initiative mit dem Bezirksamt anders: „Der Bezirk hat im Archiv nachgeschaut und herausgefunden, dass der Belag nach expliziter Rücksprache mit der Bahn erfolgt ist.“ Und die verkehrspolitische Sprecherin der Grünen-Fraktion Antje Kapek findet, es sei „eine Unverschämtheit, wie sich die Bahn 25 Jahre lang vor der Instandhaltung gedrückt hat. Ich finde, der Senat sollte darauf hinwirken, dass sich die DB stärker finanziell beteiligt.“
Die Verkehrsstadträtin von Treptow-Köpenick, Claudia Leistner (Grüne), merkt an, dass laut den Experten von Bahn und Senatsverwaltung die Korrosionsschäden dazu führen könnten, dass Schottersteine auf die Straßen unter den Brücken fallen könnten. Insofern sei deren Sperrung „auch aus Gründen der Verkehrssicherheit erforderlich“. Die Bedenken der AnwohnerInnen könne sie „gut nachvollziehen“, so Leistner, auch sie hätte sich eine weniger einschneidende Maßnahme gewünscht.
Ob „ein belastbares Gutachten auch auf Grundlage punktueller Untersuchungen“ erstellt werden könnte, „vermag ich nicht zu beurteilen“, so Leistner. Zumindest ist sie froh, dass es dem Bezirk gelungen sei, mit der Bahn eine Übergangsvereinbarung für den ehemaligen Bahndamm, also die Flächen zwischen den insgesamt vier Brücken, zu treffen. So bleibe die Grünverbindung insgesamt erhalten und „zumindest Teile des Bahndamms weiterhin für die Öffentlichkeit nutzbar“.
Das ist freilich ein schwacher Trost für alle, denen nun eine direkte und völlig autofreie Verbindung zwischen den beiden Bezirken verloren geht – seien es Schulkinder mit ihren Eltern, SpaziergängerInnen oder RadfahrerInnen, die nun größere Umwege werden machen müssen. Und dass viele Menschen den dann unterbrochenen Bahndamm erklimmen werden, um ein paar hundert Meter bis zur nächsten gesperrten Brücke zu laufen, ist eher unwahrscheinlich.
Lückenschluss in greifbarer Nähe
Sollte allerdings ein Wunder geschehen und die Sanierung zügig abgeschlossen werden, könnte die Wiedereröffnung rein theoretisch mit dem Anschluss des Görlitzer Bahndamms an den Betriebsweg der A 100 zwischen Kiefholzstraße und Sonnenallee zusammenfallen. Denn die Autobahn GmbH des Bundes muss laut Planfeststellungsbeschluss für den im vergangenen Jahr eröffneten 16. Bauabschnitt zwischen Dreieck Neukölln und Treptower Park diese Verbindung als Geh- und Radweg herstellen.
Es geht um die letzten 200 Meter des alten Bahndamms hinter der Brücke über die Elsenstraße. Seit der Freigabe des Damms in den 1990er Jahren endet der Weg hier an einem Zaun, eine mittlerweile baufällige und schwer vermüllte Treppe führt zur Straße hinunter. Mit der künftigen Verbindung an den für die Öffentlichkeit nutzbaren A-100-Betriebsweg könnten etwa RadfahrerInnen in einem Rutsch und bis auf eine Ampel kreuzungsfrei vom Görlitzer zum Treptower Park rollen.
Senat und Bezirk scheinen diesen vielversprechenden Lückenschluss gar nicht auf dem Schirm zu haben. Immerhin: Die Autobahn GmbH ist dran. Auf Anfrage der taz teilte sie mit, man habe „vorbereitende Maßnahmen im Hinblick auf Gehölz- und Artenschutz abgeschlossen“ und befinde sich in derzeit in der „Umsetzung des Wegebaus“. Bis Ende 2027 soll alles fertig sein.
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