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„Global Sumud Flotilla“ nach GazaÜber 170 Gaza-Aktivisten nach Kreta gebracht

Israel stoppt Boote von Gaza-Hilfsflotte und dankt Griechenland. Der Fall wird dort zum Politikum. Kritik kommt aber auch aus Deutschland.

Übernahme der abgefangenen Aktivisten: ein Schiff der griechischen Küstenwache neben einem israelischen Schiff Foto: Stefanos Rapanis/reuters

Aus Athen

Ferry Batzoglou

Sie kamen mit schnellen Schlauchbooten, Drohnen unterstützten aus der Luft ihren Einsatz: schwer bewaffnete Elite-Soldaten des israelischen Militärs (IDF) haben in der Nacht auf Donnerstag rund 40 Seemeilen vor der Westküste Kretas 22 Schiffe geentert. Die geenterten Schiffe zählen zu einer Flotte von insgesamt 58 Schiffen, die in der Aktion „Global Sumud Flotilla“ humanitäre Hilfe nach Gaza transportieren will – und dabei die Blockade des Gazastreifens durch Israel zu durchbrechen versucht.

Wie das israelische Außenministerium erklärte, seien bei der IDF-Operation rund 175 Aktivisten festgenommen worden. Sie sollten „von einem Schiff der israelischen Marine an der griechischen Küste abgesetzt werden“. Wie die Organisatoren der Global Sumud Flotilla auf X erklärten, hätten die israelischen Streitkräfte „Schiffsmotoren zerstört und Navigationssysteme beschädigt“. Bei der rechtswidrigen IDF-Operation handele es sich um „Piraterie“.

Israels Außenministerium sagte unterdessen, dass zwei der Aktivisten zu Befragungen nach Israel gebracht würden. Ein Mann werde verdächtigt, Verbindungen zu einer Terrororganisation zu haben. Einem weiterem warf das Außenministerium „illegale Aktivitäten“ vor. Details zu den Anschuldigungen wurden in beiden Fällen zunächst nicht genannt. Auch wie genau beide nach Israel gebracht werden sollen, blieb vorerst offen.

Aktion in internationalen Gewässern

Die IDF-Operation fand vor Westkreta in internationalen Gewässern statt. Sie ereignete sich jedoch 1.000 Kilometer von Israel entfernt in dem für die Such- und Rettungsaktionen relevanten griechisch kontrollierten Seeraum im Mittelmeer, die sogenannte „Search and Rescue Area Greece“ oder kurz „SAR Greece“. In der SAR Greece operiert die griechische Küstenwache.

Wie der Regierungssprecher in Athen, Pavlos Marinakis, erklärte, habe es in Bezug auf die IDF-Operation „keine vorherige Absprache mit den griechischen Behörden gegeben“. Das ist kaum glaubhaft. Denn selbst wenn die Israelis die Regierung in Athen nicht vorab über ihre Operation vor Westkreta informiert haben sollten, können die IDF-Kräfte kaum von der griechischen Küstenwache sowie Hellas’ Militär auf ihrem langen Weg von Israel bis vor die Westküste Kretas übersehen worden sein.

Bei Flüchtlingsbooten, die von der viel näheren ostlibyschen Küste nach Kreta in See stechen, sind die griechischen Behörden jedenfalls nicht von derartiger Blindheit geschlagen.

Scharfe Kritik an der griechischen Regierung

So begann die Reise: Ein Schiff der Flotilla am 12. April in Barcelona. Zu sehen sind Flaggen von unter anderem Kuba und Malaysia Foto: Joan Mateu Parra/ap

Israels Außenminister Gideon Saar bedankte sich jedenfalls sofort bei der Regierung in Athen „für ihre Bereitschaft, die Teilnehmer der Flottille aufzunehmen“. Israels Premier Benjamin Netanjahu jubelte: „Bravo an unsere Kriegsmarine! Wir haben eine Flotte von Hamas-Unterstützern daran gehindert, Gazas Küste zu erreichen.“

Die IDF-Operation vor Westkreta ist in Hellas flugs zum Politikum avanciert. Alle Parteien im Mitte-links-Spektrum griffen die konservative Regierung unter Premier Kyriakos Mitsotakis scharf an. Der Tenor lautete: Der IDF-Einsatz in der SAR Greece verstoße eklatant gegen das Völker- und Seerecht.

„Haben wir eine griechische Regierung oder ist sie einfach nur eine Angestellte von Israel und Netanjahu?“, fragte etwa die Neue Linke. Die Partei „Kurs der Freiheit“ forderte die Regierung Mitsotakis dazu auf, bei Israel eine Protestnote einzureichen. Parteichefin Zoi Konstantopoulou ätzte: „Haben wir eine unabhängige Regierung oder sind wir Marionetten des Staates Israel?“

Der Umstand, dass Israels Militär nunmehr offenkundig nach Belieben in der SAR Greece handeln darf, ist ein historisches Novum. Doch klar ist: Premier Mitsotakis ist ein enger Verbündeter von Netanjahu. Dabei ist ein immer enger werdendes und von den USA unterstütztes Dreierbündnis zwischen Griechenland, Zypern und Israel in einem sogenannten 3+1-Modell in den Bereichen Verteidigung, Sicherheit, Energie sowie Umwelt von zentraler Bedeutung.

Nahost-Konflikt

Nach dem Überfall der Hamas am 7. Oktober 2023 startete das israelische Militär eine Offensive in Gaza, 2024 folgte der Vorstoß gegen die Hisbollah im Libanon. Der Konflikt um die Region Palästina begann Anfang des 20. Jahrhunderts.

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Heftige Kritik auch aus Italien und Spanien

Unterdessen hat die IDF-Operation vor Westkreta heftige Reaktionen auf internationalem Parkett ausgelöst. Italien forderte die sofortige Freilassung von 24 italienischen Staatsbürgern sowie die „uneingeschränkte Achtung des Völkerrechts“. Deutschland forderte dies ebenso. „Unverantwortliche Handlungen“ seien zu vermeiden. Spanien verurteilte das Vorgehen Israels „aufs Schärfste“, zumal spanische Staatsbürger betroffen seien. Madrid bestellte den israelischen Geschäftsträger ein, um offiziell Protest einzulegen.

Am Freitag gingen 176 von den IDF-Soldaten festgenommene Aktivisten zunächst im Ort Atherinolakkos auf der Insel Kreta von Bord. Das Gros der Aktivisten wurde dann mit Bussen zum Flughafen Heraklion gebracht. Dort soll ihre Rückführung in ihre Herkunftsländer eingeleitet werden, wie lokale Medien berichteten. 31 verletzte Aktivisten seien zur medizinischen Versorgung in das Krankenhaus von Sitia eingeliefert worden.

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