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Gemeinschaftsschulen in BerlinDie Schulsystemfrage

Grüne, Linke und die SPD wollen die Zahl der Gemeinschaftsschulen verdoppeln. Auch zivilgesellschaftliche Bündnisse fordern mehr gemeinsames Lernen.

Der Übergang von der sechsten in die siebte Klasse passiert an Gemeinschaftsschulen ganz geräuschlos. Die Schü­le­r*in­nen können nach dem Ende der Grundschulzeit einfach an ihrer Schule weiterlernen. Ein großer Unterschied zu den Gymnasien und Integrierten Sekundarschulen (ISS): Für Sechst­kläss­le­r*in­nen und ihre Eltern waren es harte Monate mit großem Zittern, an welcher Schule es für sie nach den Ferien weitergeht. Der Stress fängt für viele schon in der fünften Klasse an, weil bessere Noten auch größere Chancen auf die „Wunschschule“ bedeuten. Doch ein Platz an einer beliebten Schule ist schwer zu ergattern, da sich an diesen Schulen besonders viele Schü­le­r*in­nen bewerben. Und neben großer Enttäuschung und möglicherweise Trennung von Freun­d*in­nen drohen nach den Ferien teils lange Schulwege in andere Bezirke.

Mareike Wirnhier hat Kinder auf der Emanuel-Lasker-Gemeinschaftsschule in Friedrichshain und engagiert sich dort in der Elternvertretung. Dem Rummel um die Schulplätze konnten sie daher entgehen. Ein großer Vorteil – aber die Schulform biete noch viel mehr, sagt sie. „Die Gemeinschaftsschulen eröffnen die Möglichkeit, Kinder wirklich von der ersten Klasse an zu begleiten und sie in ihren Fähigkeiten zu unterstützen“, sagt Wirnhier. Demokratiebildung stünde von Anfang an im Mittelpunkt und zwar ganz praktisch, durch das gemeinsame Lernen. „Dass Kinder und Jugendliche mit so einem Querschnitt umgehen können und sich gegenseitig schätzen lernen, das nehmen sie mit in ihr späteres Leben und in den Beruf“, sagt Wirnhier.

Doch die Grundidee dieser Schulform, einen inklusiven Querschnitt durch die Gesellschaft zu bilden, sieht sie durch das aktuelle Schulsystem torpediert. „Solange es Gymnasien gibt, funktioniert das nur so halb“, kritisiert Wirnhier. Denn damit fehlten die leistungsstarken Schüler*innen. „Es ist auch ein Trugschluss, dass sie an Gemeinschaftsschulen zu wenig gefördert werden. Schü­le­r*in­nen lernen auch dadurch, dass sie anderen etwas vermitteln und erklären“, sagt sie.

Solange es Gymnasien gibt, funktioniert das nur so halb

Mareike Wirnhier, Elternvertreterin an der Emanuel-Lasker-Gemeinschaftsschule

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Übergänge auf die Sekundarschule

Gemeinschaftsschulen In Gemeinschaftsschulen lernen Kinder und Jugendliche von Klasse 1 bis Klasse 10 oder sogar Klasse 13 gemeinsam, teils auch in jahrgangsübergreifenden Gruppen. Außerdem verzichten sie oft in den ersten Jahren auf Schulnoten. Ge­mein­schafts­schü­le­r*in­nen wechseln automatisch in die 7. Jahrgangsstufe ihrer Schule, wenn sie und ihre Eltern dies wünschen. Grundsätzlich führt die Gemeinschaftsschule zu allen Abschlüssen. Ziel der Gemeinschaftsschulen ist mehr Chancengleichheit und -gerechtigkeit durch längeres gemeinsames Lernen und eine optimale Förderung der individuellen Fähigkeiten und Fertigkeiten aller Schüler*innen. Berlin hatte die Gemeinschaftsschulen als Schulform in einem Pilotprojekt 2008/09 eingerichtet, seit 2018 ist sie fest im Schulgesetz verankert. Derzeit gibt es 28 öffentliche Gemeinschaftsschulen in Berlin sowie weitere in freier Trägerschaft.

Gerangel um Schulplätze Die Bezirke haben in den vergangenen Monaten rund 27.760 künftigen Siebt­kläss­le­r*in­nen auf die weiterführenden Schulen verteilt. Laut Bildungsverwaltung haben mehr als 90 Prozent der Schü­le­r*in­nen einen Platz an ihrer Wunschschule bekommen. Rund 10.560 Kinder kommen an ein Gymnasium, rund 16.890 einen Platz an einer Integrierten Sekundarschule (ISS) oder an einer Gemeinschaftsschule. 21 Prozent der Schü­le­r*in­nen mit Gymnasialempfehlung haben sich demnach für eine ISS oder Gemeinschaftsschule entschieden, die in 13 statt 12 Jahren zum Abitur führen. Der Anteil von Schüler*innen, die bereits in der 5. Klasse auf ein grundständiges Gymnasium wechseln, ist gestiegen, Berlin hat hier Plätze ausgebaut. (taz)

Diese Arbeitsweisen und dieser Ansatz sollte aber auch von der Grundschule an gelernt und eintrainiert sein. „Dabei schulen sie auch noch ihre sozialen Fähigkeiten, nicht nur die kognitiven“, sagt sie und kritisiert gleichzeitig die Kriterien, nach denen Sechst­kläss­le­r*in­nen verteilt werden: „Was soll daran selbstverständlich sein, dass Kinder nach Noten ausgewählt werden? Es ist menschlich und pädagogisch Unsinn“, sagt Wirnhier.

Geld entscheidet über Chancen

„Ein Großteil der Schülerinnen und Schüler kriegt nicht die Chance, die ihnen zusteht“, sagt Franziska Brychcy, bildungspolitische Sprecherin der Linken-Fraktion im Abgeordnetenhaus. Ihre Fraktion hat Mitte Juni Lehrer*innen, Wis­sen­schaft­le­r*in­nen und Eltern zu einer Tagung eingeladen, um sich über die Erfahrungen mit Gemeinschaftsschulen auszutauschen. „Das Geld in der Familie entscheidet weiterhin über den Schulabschluss“, kritisiert Brychcy dort und fordert: „Wir müssen die Systemfrage stellen.“

Konkret sieht die Schulsystemfrage laut Brychcy so aus: Berlin soll keine weiteren neuen Gymnasien bauen und auch nicht gründen. Gleichzeitig will die Linke Schulen finanziell bevorzugen und unterstützen, die sich in eine Gemeinschaftsschule umwandeln wollen. Denn neue Gemeinschaftsschulen können etwa entstehen, wenn eine Grundschule und eine weiterführende Schule sich zusammenschließen.

Die Linke will die Zahl der Gemeinschaftsschulen in Berlin verdoppeln, die Grünen und die SPD haben sich dieses Ziel ebenfalls ins Wahlprogramm geschrieben. Bildungssenatorin Katharina Günther-Wünsch (CDU) will zwar nicht vom Gymnasium abweichen, sieht die Gemeinschaftsschulen aber ebenfalls als „wertvolle Schulform“. In ihrer Zeit als Senatorin sind vier neue entstanden, eine weitere befindet sich in Vorbereitung.

Gemeinschaftsschulen für alle

Zivilgesellschaftliche Bündnisse gehen sogar noch weiter. Das neu gegründete Bildungsbündnis meint dezidiert die Gemeinschaftsschulen, wenn es mehr Inklusion, Demokratie und Bildungsgerechtigkeit fordert. Die Initiative Berlin Zusammen nennt Gemeinschaftsschulen als eine ihrer fünf zentralen Forderungen für die Wahl und meint damit, dass dies die einzige Schulform in Berlin werden soll. Auch der Lan­des­schü­le­r*in­nen­aus­schuss (LSA) fordert Gemeinschaftsschulen für alle.

Es reicht nicht, sich auf Landesebene dafür auszusprechen. Denn umsetzen müssen es die Bezirke

Louis Krüger, bildungspolitischer Sprecher (Grüne)

„Es ist allgemein zu einem Thema geworden und Teil der Debatte über Bildung in Berlin“, freut sich Louis Krüger, bildungspolitischer Sprecher der Grünen-Fraktion im Abgeordnetenhaus. Mit seiner Partei hatte er im Frühjahr in jedem einzelnen Bezirk Ak­teu­r*in­nen und Interessierte zu Info-Abenden und Diskussionen über Gemeinschaftsschulen eingeladen. „Dort haben uns etwa Eltern zurückgemeldet, dass die Schulform noch zu wenig bekannt ist und dass am besten schon Eltern von Kitakindern mehr Infos dazu bräuchten“, sagt er.

Eine Erkenntnis sei für ihn auch gewesen, dass die Gemeinschaftsschulen tatsächlich eine eigene gymnasiale Oberstufe bräuchten oder diese zumindest im Verbund mit einer anderen Schule anbieten müssten. „Denn sonst haben die Jugendlichen den Bruch nach der 10. Klasse“, sagt er.

In der Praxis komme es auch darauf an, wie die Schulen das gemeinsame Lernen umsetzen, sagt Elternvertreterin Wirnhier. „Nicht überall wo Gemeinschaftsschule draufsteht, ist auch Gemeinschaftsschule drin“, sagt sie. Zum Beispiel gäbe es Gesamtschulen, die weiter an zwei Standorte getrennt sind, das sei „eigentlich nicht Sinn der Sache.“ Auch auf Noten verzichten ihrer Erfahrung nach die wenigsten.

Die Bezirke sind gefragt

Krüger sagt, dass man Schulen, die sich zu Gemeinschaftsschulen zusammenschließen wollten, finanziell besonders unterstützen will, um Nachteile bei einer Fusion auszugleichen. Außerdem brauche es Mittel, um die Schulen in diesem Prozess zu begleiten.

Die Be­su­che­r*in­nen der Info-Abende habe er als sehr interessiert erlebt, erzählt Krüger. Viele fragten ihn, wie man in die Umsetzung komme. Eine Idee sei, den Runden Tisch Gemeinschaftsschulen wieder einzurichten, den es in der Vergangenheit schon gegeben habe, sagt Krüger „Wir fänden es gut, wenn der als überparteiliche Struktur entsteht.“

Konkret tätig werden müssen am Ende die Schulen und die Bezirke. So sehr es ihn freue, wie viele sich der Forderung nach mehr Gemeinschaftsschulen anschließen, sieht Louis Krüger hier die große Herausforderung. „Es reicht nicht, sich auf Landesebene dafür auszusprechen. Denn umsetzen müssen es die Bezirke“, sagt er. Und es brauche die Schulleitungen und Lehrer*innen, die Gemeinschaftsschulen aufbauen oder ihre Schulen umwandeln wollen. „Da sind wir auf aktive Schulstadträte angewiesen, die die Idee unterstützen, und auch auf die Schulkollegien“, sagt er.

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2 Kommentare

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  • Diese Überlegungen sind für mich als aktives und förderndes Elternteil der blanke Horror. Bei meinen beiden Kindern waren die jeweils vier Grundschuljahre (Neukölln) der mit Abstand schlimmste Teil der Ausbildungsphase; wegen der anderen Kinder und Eltern. Ich möchte mir einfach nicht vorstellen, dass meine Kinder noch länger mit diesen Kindern in eine Klasse gegangen wären. Dann wären wir unweigerlich auf eine Privatschule gewechselt.

    Ja, es mag sein, dass so eine Schule Vorteile für ein paar Kinder hat, nur zahlen den Preis andere Kinder. Und auch gute Kinder haben einen Anspruch auf Ausbildung und haben nicht als Ersatzlehrer für ihre schlechteren Mitschüler herzuhalten.

    Die Auflösung der Hauptschulen hat bereits die Realschüler in Mitleidenschaft gezogen, jetzt sind die übrigen Schüler dran. Tolle Überlegungen!

  • Es stimmt, dass es nicht funktionieren kann, solange es Gymnasien gibt.



    Hier in der Gegend (wo ja schon nach Klasse 4 sortiert wird) musste eine Schule den Gymnasialzweig schließen, es gibt also keine Oberstufe mehr an der Gesamtschule, weil es schlicht nicht genug Interessenten gab. Wer Abitur machen will, geht ans Gymnasium. Das Vorurteil festigt sich natürlich auch durch die jeweilige Wahl und erhält dadurch Substanz.