Festival Tanz im August: Gegen Angst und Hoffnungslosigkeit
Es ging nach Portugal, Griechenland, Taiwan, Rumänien. Weit konnte man mit den Tanzstücken der ersten Woche des Festivals „Tanz im August“ reisen.
Foto: Blandine Soulage
Nah an den Bildern von Göttern und von Kämpfenden wohnt der Tanz des Cloud Gate Dance Theatre of Taiwan. Das Licht zeichnet steile Felsen und Wasserfälle auf den Hintergrund-Prospekt und an Felsen erinnert auch die erste Formation aus den stillen Rücken des Ensembles von 12 Tänzer:innen. Mit „Sounding Light“ präsentierten sie im Haus der Berliner Festspiele eine der großen Produktionen, die zum Festival „Tanz im August“ nach Berlin eingeladen waren.
Mit wenigen Lauten, einem leisen Sirren, einem Klatschen der Hände oder Stampfen der Füße kommt das Stück von Cheng Tsung-lung aus, das sich der Versenkung in die Natur verschrieben haben will. Das Wiegen im Wind, das Gleiten von Wellen durch den Körper, Flügelschläge und Balztänze kann man bald auch wahrnehmen. Aber dann scheint in den Duetten doch Tanzroutine zu walten, die Aufteilung in Soli oder Duette vorn und verhaltenes Agieren des Ensembles im Hintergrund birgt kaum Spannung. Zu wenig entsteht aus der Beobachtung der Anderen. Die Entdeckungsreise, zu der „Sounding Light“ erst zart und empfindsam einlädt, bleibt am Ende doch blass, auch wenn man die Anmut, Geschmeidigkeit und Virtuosität der Tanzenden bewundern muss.
Der Natur, beziehungsweise den Bildern des Menschen von ihr, gelten mehrere Stücke in der diesjährigen Ausgabe des Festivals, das bis zum 29. August läuft. Seitdem das Menschengemachte immer größere Teile von dem umgeformt hat, was den Menschen vorausging, sind die Elemente oft Thema auf der Bühne. Zwischen 2009 und 2012 entwickelte die dänische Choreografin Mette Ingvartsen ihre „Artificial Nature Series“, die sich mit Landschaften und Naturphänomen auseinandersetzte und das Romantische mit dem Katastrophischen verschraubte.
Das Festival „Tanz im August“ geht noch bis zum 29. August
An der Vielschichtigkeit von Ingvartsens Bildern gemessen, blieb „Sounding Light“ unterkomplex, ebenso wie das Stück „The Choreography of Water“ von Simona Deaconescu aus Bukarest, das auf der kleinen Bühne im HAU 3 gastierte. Das Spiel mit gläsernen Behältern, in denen das Wasser beim Bewegen durch Röhren und in Kolben floss, fand nicht über das Dekorative hinaus. Vielleicht, weil der Wassermangel in der Erde, in Wäldern und in Flüssen uns diesen Sommer so sehr beschäftigt, waren die Erwartungen an das Stück entschieden größer als seine Angebote.
Konsumentenfreundliche 60 Minuten
Was auffiel in der ersten Festivalwoche: Alle Stücke dauerten 60 Minuten. In diesen 60 Minuten waren immer alle Tänzer:innen auf der Bühne. Komplexe Dramaturgien, Stücke mit wechselnden Bildern, Veränderungen im Ton der Narration waren erst mal nicht dabei. Das 60-Minuten-Format ist konsumentenfreundlich.
Höhepunkte gab es trotzdem: Dazu gehören zwei Stücke, die wie ein schweißtreibender Marathon gebaut waren und mit ihrer Energie die Zuschauenden fast so anfassten, als ob man bei einem Rave dabei wäre (für 60 Minuten). Sowohl in Chara Kotsalis „It’s the end of the amusement phase“ mit drei Tänzerinnen als auch in Marco da Silva Ferreiras „F*cking Future“ mit acht Tanzenden verschmolzen Tanz- und Bewegungs-Elemente, die aus der Revue und dem Rave, dem Marsch und der Parade kamen. Geschichten von Uniformität und Disziplinierung, von funktionaler Optimierung und Anpassung haben sich in diesem Bewegungsmaterial angereichert. Aber auch in die Richtung von Kampf und Widerstand, von lustvoller Überschreitung und Erschöpfung, die jede nützliche Indienstnahme des Körpers außer Kraft setzt, wiesen diese amalgamierten Bewegungsstile.
Obwohl das Stück der griechischen Choreografin Chara Kotsali mit einem Monolog begann, der atemlos durch Phasen der Depression raste, zeichnete es sich durch eine Ironie aus, die bis in die körperlichen Gesten hineinreichte. Mit Fahnen, Transparenten, Cheerleader-Puscheln und im Lauf gewechselten Kostümen wurden verschiedenen Szenen aufgerufen, historische Momente, Hoffnungen und ihre Zerstörungen. Es war ein Parcours von Utopien und Dystopien, durch den Kotsali mit Sofia Pouchtou und Christina Skouleta tanzte, taumelte und rannte. Skepsis gegenüber den großen Behauptungen und Versprechungen der Geschichte schob sich so durch die Sprache der Körper in das Stück ein.
Der portugiesische Choreograf Marco da Silva Ferreira hatte vor drei Jahren das Festival „Tanz im August“ eröffnet. „F*cking Future“ ist in einen metallischen Schimmer getaucht, vom verspiegelten Boden über die glänzenden Hosen bis zu den rückenfreien Kettenhemden. Etwas Retrofuturismus liegt in den Kostümen, die das Wehrhafte und das Verletzliche zugleich betonen. Der Schweiß, der auf den acht Performer:innen glänzt, lässt die Haut schimmern. Unisono bewegen sich die acht, rücken in engen Formationen zusammen, ziehen sich in Ketten auseinander, bilden Felder und Linien. Etwas Martialisches und etwas Hippieskes fließt in ihren Bewegungen ineinander, roboterähnliche Eckigkeit und erotische Weichheit, viele Tanzstile werden zitiert und bruchlos eingeflochten.
In die wummernde und treibende Musik schieben sich irgendwann ihre Stimmen und singen „I don’t care what the people say“ und „We are the one you try to kill“. Das sind Momente, die nicht wenige an den queerfeindlichen Anschlag auf den CSD in Berlin erinnern. Der Tanz und die Verausgabung wird da auch zu einem Bekenntnis für eine Kultur, die sich gegen fremde Zuschreibungen und normative Körperbilder wehren muss. „F*cking Future“ lässt sich übrigens auch auf Arte Concert anschauen.
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