Berliner Festival Tanz im August: Fürchten Fledermäuse den Klimawandel?
Am Wochenende ging das Berliner Festival Tanz im August zu Ende. Dort wird Tanz als politische Kraft mit Wechselwirkung verstanden.
Das Wunderbare am Tanzen sei, – so hat es der US-amerikanische Choreograph und Tänzer Trajal Harrell 2024 in einem Interview mit dem Züricher Tages-Anzeiger neben vielen anderen klugen Dingen gesagt – dass wir kein Übereinkommen hätten, was es bedeute.
Anders als Sprache entzieht es sich starren Logiken, lässt immer Nuancen zu und Ambivalenz. Daher ist es auch bei einem Festival wie dem Berliner Tanz im August so, dass der kurze oder auch längere Gedankenaustausch im Anschluss an die Stücke darüber, was man da gerade gesehen hat, noch mal ganz andere Welten eröffnen kann.
Vielschichtig und mehrdeutig zu bleiben, heißt allerdings nicht, dass es keine Botschaften zu übermitteln gäbe. Das Festival selbst beschreibt zu seiner aktuellen Ausgabe den Tanz sogar als politische Kraft mit Wechselwirkung: „Die künstlerischen Arbeiten“, so wird behauptet, „laden dazu ein, in unseren gegenwärtigen instabilen Zeiten gemeinsam Orientierung zu finden und kollektive Verantwortung zu erkennen.“
Den instabilen Zeiten entsprechend düster ging es in der zweiten Hälfte des Festivals oft zu, etwa beim Kollektiv (La) Horde aus Marseille, das dort seit 2019 das Ballet national leitet. In „Après moi, le déluge“ – nach mir die Sintflut also – betanzen zwölf Tänzer:innen eine Welt am Abgrund. Und das wortwörtlich: Der Boden tut sich auf und allerlei monströse Gestalten finden sich im Verlauf ein: Zombiehafte kahlköpfige Greise mit jungen Körpern lungern im Pool herum und beschnuppern eine bewusstlos erscheinende Tänzerin in offenbar kannibalistischer Absicht; Sirenen-Zwillinge schleudern langen Mähnen durch die Luft; Menschen mit zotteligen Affenschwänzen und schweren Elefantenbeinen staksen umher.
Im Rückwärtsgang
Aber zurück zum Anfang, der ein Ende ist. Das Stück beginnt mit Applaus und Tänzer:innen, die sich vor einer Videoprojektion des Zuschauerraums verbeugen. Dann spult es sich zurück, die Tänzer:innen bewegen sich rückwärts. Befinden wir uns etwa schon im Nachgang der Apokalypse? Oder wann findet diese statt? Kaum möglich, Stringenz in die Geschichte zu bringen, aber darum geht es – siehe oben – ja eh nicht. „Après moi, le déluge“ ist eine assoziativ verpuzzelte Collage – als deren Höhepunkt die Bühne während einer auf zehn Minuten ausgedehnten Version von „Chop Suey!“ der kalifornischen Nu-Metal-Formation System of a Down zum Moshpit wird.
Den Spannungsbogen halten ohnehin all die popkulturellen Referenzen zusammen, mit denen (La) Horde wieder einmal um sich wirft. An 80er-Jahre-Musicalfilme wie „Fame“ könnte man denken, die Serie „Stranger Things“, japanischen Horror, #Slamdancing-Tiktoks – und scheinen nicht die verzerrten Grimassen in der Partyszene am Anfang des Stücks direkt aus den Videos des US-Künstlers Ryan Trecartin zu stammen?
Ganz anders, intimer, tröstlicher präsentierte sich der eingangs bereits erwähnte Trajal Harrells im Hau 1 einen Abend später. Harrells „Music Music. Histoire(s) du Théâtre VII“ ist ein Solo, entstanden ursprünglich für die von Milo Rau initiierte Serie „Histoire(s) du Théâtre“. Die Geschichte, die Harrel da erzählt, ist seine eigene. Das tut er anhand von Lieblingsliedern. Das erste: Elton Johns und Dua Lipas Ohrwurm „Cold Heart“. Harrel fordert das Publikum auf, sich das Musikvideo auf dem eigenen Smartphone anzusehen, und so summt und brummt es aus allen Ecken vor sich hin.
Als wäre man bei ihm zu Hause
Immer glücklich mache ihn dieses Musikvideo, erklärt Harrel dann, und dass er dieses Gefühl auch selbst vermitteln wolle. Weiter geht es unter anderem mit Henry Purcell und Florence + the Machine, der portugiesischen Sängerin Lula Pena und Tracy Chapman. Kleider werden übergezogen und wieder abgelegt. Ein bisschen wirkt es so, als sei man bei Harrell zu Hause, beobachte ihn, wie er sich ganz privat der Musik hingibt, und in die Emotionen legt, die von dieser angestrichen werden.
Schwieriger macht es Kasia Wolińska ihrem Publikum und auch sich selbst. Für ihr Solo „Phoenix.Sun“ hat sie zwei Leinwände in die St. Elisabeth-Kirche gestellt, zwischen denen sie sich bewegt, so dass man gar nicht recht weiß, wo man hinschauen soll. Bilder von toten Vögeln, Glut und Ascheregen, Luftaufnahmen von Landschaften, Planeten in Schwarz-Weiß projiziert Videokünstler Denis Kozerawski, eine Handlung erschließt sich allerdings ebenso wenig wie ein Zusammenhang zu Wolińskas Bewegungen, in denen sich immer wieder Volkstanzartiges in ihre Interpretation des ewigen Zyklus von Werden und Vergehen hineinmengt. Immerhin der dröhnende Sound des ukrainischen Komponisten Heinali schafft ab und an Verbindungen.
In der Berlinischen Galerie gelang es Melissa Guex mit ihrem Solo „Down“ indes, jenes Gefühl zu transportieren, das sich in bewegten Massen einstellen kann: beim Rockkonzert, im Technoclub, bei politischen Demonstrationen. Mitreißend verkörpert sie die Euphorie, aber eben auch Wut, Trauer, Verzweiflung, die einen da antreiben kann, begleitet von dem fantastisch improvisierenden Schlagzeuger Clément Grin. Unglaublich gut sind die beiden aufeinander abgestimmt. Mal folgt sie seinen Rhythmen, mal scheint sie selbst mit stampfenden Beinen, rudernden Armen, spitzen Schreien, pogend und springend den Takt vorzugeben.
Die Sinne herauszufordern ist auch bei „Bat Dances“ Programm. Interessant wäre es, sich das Stück von Kareth Schaffer und Jonas Hauer, das sich an ein sehendes und sehbehindertes Publikum richtet, im Anschluss noch einmal mit geschlossenen Augen anzusehen oder besser anzuhören, als eine Art Konzert über Echolotortung und Bewegung von Fledermäusen. Getragen von den Flügeln etwa, die Performerin Leah Katz im ersten Teil des Stückes trägt, von deren Rascheln und Schwingen. Oder den Geräuschen, die sie mit Füßen, Händen und mit dem Mund erzeugt, fauchend, schluckend, schnaubend, schnalzend.
„Für jeden von uns erscheint unsere Wahrnehmung allumfassend. The mistake is to think that this is all“, (Dt.: Der Fehler ist, zu glauben, das wäre alles) erklärt Katz an einer Stelle. Eindrücklich führt sie das vor. Und auch hier spielen sie hinein, die instabilen Zeiten. Um den Klimawandel geht es, und die Frage, ob Fledermäuse sich davor wohl fürchteten. Sich in andere Kreaturen einfühlen, auch dabei kann Tanz offenbar helfen.
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