Gedenken an den Holocaust: Öffnet die Kartons auf dem Dachboden
Das institutionelle Gedenken an die Schoah bleibt wichtig. Doch es wird zu wenig über die Verstrickungen ganz normaler Deutscher geredet.
E ine großangelegte Umfrage im Auftrag der Jewish Claims Conference hat im vergangenen Jahr herausgefunden, dass das Wissen über den Holocaust gerade unter Jüngeren sinkt. Anlässlich der Gedenkstunde im Bundestag am Mittwoch und einer durchaus umfangreichen Erinnerungsinfrastruktur im Land ist zu fragen, warum das so ist – und wie sich die Entwicklung aufhalten lässt angesichts der Tatsache, dass die letzten Überlebenden inzwischen sehr alt sind.
Eine These: Der Effekt einer direkten emotionalen Konfrontation bei Jugendlichen ist unklar und möglicherweise sogar kontraproduktiv. Eine zehnte Klasse fährt in eine KZ-Gedenkstätte, es fließen Tränen. Oder es werden Witze gemacht, auch um die eigene Unsicherheit oder Überforderung zu überspielen. Nachhaltiger und besser ist – und das wird an vielen Orten ja bereits gemacht –, in die lokale Geschichte hineinzugehen: Welche jüdischen SchülerInnen waren auf der eigenen Schule 1938 plötzlich nicht mehr da, was passierte mit ihnen? Fortgesetztes Unrecht nach 1945 ist auch ein Recherchethema: Warum haben die Nachkommen des ermordeten jüdischen Ladenbesitzers nach dem Krieg nicht ihr Geschäft zurückbekommen?
Zu wenig geredet wird über die konkreten Verstrickungen ganz normaler Deutscher. Da warten in den Familien noch viele Kisten und Kartons auf dem Dachboden darauf, geöffnet zu werden: Was ist auf den Fotos eigentlich genau zu sehen, die der Urgroßvater und Wehrmachtssoldat von der Ostfront mitbrachte? Warum brennt da im Hintergrund eine Scheune? Sind dort Menschen drin? Solche verstörenden Bilder gibt es. Oft sind es erst nachkommende Generationen, die ohne blinden Fleck auf Zeitdokumente blicken. Digitalisierte Archivbestände und digitale Ortserkennung bieten Recherchemöglichkeiten, die es noch vor 10 Jahren nicht gab. Die Verstrickung der Wehrmacht – allein schon dadurch, dass sie Gebiete besetzte, in die die Mordtruppen der SS nachrücken konnten – ist seit den 1990er Jahren gut dokumentiert.
Oder die Zusammenhänge an der „Heimatfront“: Warum bekamen die ausgebombten Großeltern in Berlin oder Frankfurt am Main eigentlich so schnell eine neue Wohnung? Nicht unwahrscheinlich, dass ihr die Wohnung einer deportierten jüdischen Familie zugewiesen wurde. Und die schöne Kommode, die die Oma bei einer „Judenauktion“ günstig erstand und die jetzt bei der Enkelin steht, wäre auch mal ein familiäres Recherchethema.
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Gaza und Holocaust
Ein großes Thema in der Geschichtspädagogik ist, wie jungen Leuten mit Einwanderungsgeschichte der Holocaust vermittelt werden kann; hier fehlt die unmittelbare Verbindung. Nicht wenige LehrerInnen dürften den Satz „Was die Deutschen mit den Juden gemacht haben, machen die Israelis doch auch mit den Palästinensern“ gehört haben. Hier ist es angebracht, bei 16-Jährigen nicht mit dem Antisemitismusvorwurf zu kommen, das macht ein solches Gespräch mit dem Holzhammer kaputt. Sondern die deutlichen Unterschiede zwischen dem Holocaust und dem Gazakrieg – den Nazis ging es um die industrielle, planmäßige Vernichtung eines ganzen Volkes über Jahre – klar zu benennen, Gaza aber an anderer Stelle genug Raum zu geben.
Die Erinnerung an das deutsche Menschheitsverbrechen Holocaust hat kein Ablaufdatum. Aber weil wir über die Mechanismen der Judenvernichtung und ihre Profiteure mehr wissen als noch vor 30 Jahren, darf die Erinnerungsarbeit nicht in Ritualen erstarren.
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