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Gedenken an den HolocaustÖffnet die Kartons auf dem Dachboden

Kommentar von

Gunnar Hinck

Das institutionelle Gedenken an die Schoah bleibt wichtig. Doch es wird zu wenig über die Verstrickungen ganz normaler Deutscher geredet.

Der Effekt einer direkten emotionalen Konfrontation bei Jugendlichen ist unklar Foto: Karsten Thielker

E ine großangelegte Umfrage im Auftrag der Jewish Claims Conference hat im vergangenen Jahr herausgefunden, dass das Wissen über den Holocaust gerade unter Jüngeren sinkt. Anlässlich der Gedenkstunde im Bundestag am Mittwoch und einer durchaus umfangreichen Erinnerungsinfrastruktur im Land ist zu fragen, warum das so ist – und wie sich die Entwicklung aufhalten lässt angesichts der Tatsache, dass die letzten Überlebenden inzwischen sehr alt sind.

Eine These: Der Effekt einer direkten emotionalen Konfrontation bei Jugendlichen ist unklar und möglicherweise sogar kontraproduktiv. Eine zehnte Klasse fährt in eine KZ-Gedenkstätte, es fließen Tränen. Oder es werden Witze gemacht, auch um die eigene Unsicherheit oder Überforderung zu überspielen. Nachhaltiger und besser ist – und das wird an vielen Orten ja bereits gemacht –, in die lokale Geschichte hineinzugehen: Welche jüdischen SchülerInnen waren auf der eigenen Schule 1938 plötzlich nicht mehr da, was passierte mit ihnen? Fortgesetztes Unrecht nach 1945 ist auch ein Recherchethema: Warum haben die Nachkommen des ermordeten jüdischen Ladenbesitzers nach dem Krieg nicht ihr Geschäft zurückbekommen?

Zu wenig geredet wird über die konkreten Verstrickungen ganz normaler Deutscher. Da warten in den Familien noch viele Kisten und Kartons auf dem Dachboden darauf, geöffnet zu werden: Was ist auf den Fotos eigentlich genau zu sehen, die der Urgroßvater und Wehrmachtssoldat von der Ostfront mitbrachte? Warum brennt da im Hintergrund eine Scheune? Sind dort Menschen drin? Solche verstörenden Bilder gibt es. Oft sind es erst nachkommende Generationen, die ohne blinden Fleck auf Zeitdokumente blicken. Digitalisierte Archivbestände und digitale Ortserkennung bieten Recherchemöglichkeiten, die es noch vor 10 Jahren nicht gab. Die Verstrickung der Wehrmacht – allein schon dadurch, dass sie Gebiete besetzte, in die die Mordtruppen der SS nachrücken konnten – ist seit den 1990er Jahren gut dokumentiert.

Oder die Zusammenhänge an der „Heimatfront“: Warum bekamen die ausgebombten Großeltern in Berlin oder Frankfurt am Main eigentlich so schnell eine neue Wohnung? Nicht unwahrscheinlich, dass ihr die Wohnung einer deportierten jüdischen Familie zugewiesen wurde. Und die schöne Kommode, die die Oma bei einer „Judenauktion“ günstig erstand und die jetzt bei der Enkelin steht, wäre auch mal ein familiäres Recherchethema.

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Gaza und Holocaust

Ein großes Thema in der Geschichtspädagogik ist, wie jungen Leuten mit Einwanderungsgeschichte der Holocaust vermittelt werden kann; hier fehlt die unmittelbare Verbindung. Nicht wenige LehrerInnen dürften den Satz „Was die Deutschen mit den Juden gemacht haben, machen die Israelis doch auch mit den Palästinensern“ gehört haben. Hier ist es angebracht, bei 16-Jährigen nicht mit dem Antisemitismusvorwurf zu kommen, das macht ein solches Gespräch mit dem Holzhammer kaputt. Sondern die deutlichen Unterschiede zwischen dem Holocaust und dem Gazakrieg – den Nazis ging es um die industrielle, planmäßige Vernichtung eines ganzen Volkes über Jahre – klar zu benennen, Gaza aber an anderer Stelle genug Raum zu geben.

Die Erinnerung an das deutsche Menschheitsverbrechen Holocaust hat kein Ablaufdatum. Aber weil wir über die Mechanismen der Judenvernichtung und ihre Profiteure mehr wissen als noch vor 30 Jahren, darf die Erinnerungsarbeit nicht in Ritualen erstarren.

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ist Redakteur im taz-Ressort Meinung.
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23 Kommentare

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  • auf den Satz "was die Deutschen mit den Juden gemacht haben...." kann man ja auch ganz sachlich antworten und die immensen Unterschiede verdeutlichen, allein schon, dass es Israel offensichtlich nicht darum geht, die Palästinser von der Erde verschwinden zu lassen.

    Weiter wäre es sinnvoll darauf hinzuweisen, dass man schon sagen sollte "Wir Deutschen", wenn der junge Mensch mit Einwanderungsgeschichte auch Deutscher ist. Er erbt dann auch diese Vergangenheit.

    • @Dr. McSchreck:

      "Er erbt dann auch diese Vergangenheit." Das ist (nicht nur) innerhalb der Linken eine höchst kontroverse Behauptung. . Sie reden damit der Assimilation und der "Deutschen Leitkultur" das Wort. Die CDU würde das definitiv so sehen...

      Das ist ja auch eine mögliche Position... also wenn man daran glauben will, dass die bloße Staatsangehörigkeit die Identität eines Menschen festlegt (Doppelstaatler?).

    • @Dr. McSchreck:

      Huch & Schreck laß nach - wa.



      Welcher § BGB et al. ist das noch mal?



      Oder wolltens Gemeinplätzchen für den Stammtisch backen? 🧑‍🍳

  • "Ein großes Thema in der Geschichtspädagogik ist, wie jungen Leuten mit Einwanderungsgeschichte der Holocaust vermittelt werden kann; hier fehlt die unmittelbare Verbindung."

    Heißes Eisen.

    Eine moderne linke Forderung ist die der multiethnischen und damit multiperspektivischen Gesellschaft. Wer jetzt sagt, dass junge Leuten mit Einwanderungsgeschichte tradierte deutsche Geschichtsnarrative für sich annehmen (nicht nur davon gehört haben) sollen, der fordert im Geschichtsunterricht die "deutsche Leitkultur" ein....dieses Konzept gilt jedoch als rechtsradikal und ist schon angesichts der Zahlenverhältnisse an deutschen Schulen zunehmend schwierig.

  • "...wie jungen Leuten mit Einwanderungsgeschichte der Holocaust vermittelt werden kann... [... ]... zwischen dem Holocaust und dem Gazakrieg.. "

    Dazu sollte auch auf die Geschichte der Vorfahren der Leute mit Einwanderungsgeschichte eingegangen werden. ZB fand der Film "Jud Süß" in den arabischen Ländern in den ersten Jahrzehnten nach Kriegsende große Aufmerksamkeit, als er hier längst verboten war. Neben dem Antisemitismus gab es auch handfeste Verstrickungen in diesen Ländern. Das soll keine Ablenkung sein und ist auch kein Vergleich zum Holocaust. Es soll aber den Blick von Gaza in die Geschichte erweitern.

  • Und aus meiner eigenen Familie und dem Freundeskreis kann ich berichten, dass ich den Krieg immer noch in unseren Seelen finden kann.

    In meiner eigenen Therapie ist mir mehrfach bewusst geworden, wie sehr die Kriegs- und Nazizeit-Erfahrungen meiner Eltern (meine Eltern waren damals Kinder) meine eigene Kindheit belastet haben. Bei meinen Freunden, auch aus den jüngeren Generationen, ist das ähnlich: Das Thema taucht immer wieder unerwartet auf.

    Eine befreundete Therapeutin hat mir vor einigen Jahren erzählt, dass die Erlebnisse der Vorgenerationen in der Zeit zwischen 1933 bis 1945 und auch danach bei etwa 80% ihrer Klientinnen über die Generationen hinweg noch eine Rolle spielen.

    Und ich würde mal die Behauptung aufstellen, dass das für alle Ebenen unserer Gesellschaft gilt, vom einzelnen Individuum in seinen Beziehungen und bis zur Bundespolitik: Dass unbearbeitete Erfahrungen der Vorgenerationen aus der Zeit noch eine wesentliche Wirkung entfalten.

    Das ist ein bisschen wie mit den verklappten WKII-Munitionsbeständen in der Ostsee - auch wenn der Vergleich hinkt.

  • Ist die Shoa Erinnerungskultur zu einer psychoanalytischen Figur geworden – ähnlich dem, was Martin Walser in seinem Essay „Mein Auschwitz“ verscuht? Einer medialen Figur, die uns anschaut und erwartet, dass wir die Geschichte der Menschheitsverbrechen erzählen: den Raub ganzer Völker, ihre Versklavung, den Kolonialismus, legitimiert durch Kaiser, Kirchen, Päpste, Fürsten und demokratisch gewählte Regierungen. All das – damals wie heute – gehört zur historischen Wahrheit. Und doch darf dieses Wissen das Erinnern an das singuläre Verbrechen an europäischen Juden nicht verdrängen, auch wenn Historiker heute vom „Verschwinden Holocaust“ wie Jan Gerber schreiben.



    Erinnerungs , Gedenkorte sind Orte der Selbstvergewisserung. Sie sind große Revolutionen in Gesetzestafeln eingeschrieben, die uns verpflichten, für Menschen , Völkerrecht einzustehen. Sie benennen die Shoa dort, wo sie stattfand, machen ihr Ausmaß sichtbar, gerade weil es immer wieder verleugnet oder relativiert wird.



    Erinnern lebt im kleinen, im großen Erzählen, vom Zeugnis ablgegen, das ins Bewusstsein hebt, was geschah. Durch Urteil im Recht wird öffentliches Erinnern dieser Orte, Opfer zu rechtlich moralischer Gewissheit

  • Ich war mal bei einer Haushaltsauflösung bei Nachbarn, meine WG brauchte Küchengeschirr.

    Was wir in dem Haushalt gefunden haben: Einen Flak-Helferinnen-Ausweis, schränkeweise Medikamente und eine Kartei welche die vormaligen Bewohner:innen auf Karteikarten aus ausgeschnittenen Pappkartons geschrieben und in geleerten Rama-Schachteln verwahrt hatten.

    Die Bewohner hatten tatsächlich auch mehrere Jahrzehnte nach dem Krieg noch sowas wie Blockwart gespielt. Sie hatten "Vorkommnisse" in der Nachbarschaft aufgeschrieben und auf ihren Pappkartonausschnitten festgehalten. Da standen so Sachen wie:

    "Dienstag, - Nachbar Y hört bei offenem Fenster laut Musik."

  • Danke. In der Tat.



    “Gedenken an den Holocaust



    Öffnet die Kartons auf dem Dachboden



    Kommentar von



    Gunnar Hinck



    Das institutionelle Gedenken an die Schoah bleibt wichtig. Doch es wird zu wenig über die Verstrickungen ganz normaler Deutscher geredet.“

    kurz - Otto Normalvergaser 🙀



    🤖 “…Der Ausdruck ist eine makabre Abwandlung von „Otto Normalverbraucher“, einer Kunstfigur aus dem Film Berliner Ballade (1948, dargestellt von Gert Fröbe). Während der „Normalverbraucher“ den unpolitischen Bürger symbolisierte, der lediglich seine Ration erhalten wollte, macht die Abwandlung zum „Normalvergaser“ die passive (oder aktive) Teilhabe des Bürgers an der Vernichtungsmaschinerie der Nationalsozialisten zum Thema.



    Wer hat es geprägt?



    Es gibt keinen einzelnen „Urheber“ im Sinne eines Erstzitats, aber der Begriff ist eng mit folgenden Kontexten verbunden:



    Antifaschistische Publizistik & 68er-Bewegung: Der Begriff tauchte gehäuft in der kritischen Literatur und im studentischen Diskurs der 1960er und 70er Jahre auf. Er diente dazu, die These der „Kollektivschuld“ oder zumindest der kollektiven Mitverantwortung zu unterstreichen.



    Robert Anton Wilson: In der deutschen Übersetzung seines Werks …ff

  • Das eiserne Schweigen in den Familien kenne ich leider auch zur genüge. Es wurde nie über so etwas geredet. Als ich in den 1970zigern als Jugendliche den Haushalt meiner Oma auflöste, fand ich einen Schlagring. Daraufhin habe ich nachgebohrt. Es kam dann endlich heraus, daß mein Opa ein SA Schläger war und später eine Karriere als NSDAP Vertrauensmann in der Stadt hinlegte. Auch erzählte mir nun meine Mutter, was sie als Kind und Jugendliche während der Nazizeit an brutalen Taten gesehen hatte. Aus dieser Erfahrung heraus finde ich es sehr gut, wenn auch heute noch (ist natürlich schwieriger als 1970) nachgefragt und nachgehakt wird, was unsere Eltern/Großeltern/Verwandschaft wirklich in der Nazizeit getan haben. Es wird wohl leider auch oft sehr bösartiges dabei herauskommen, aber ich für meinen Teil bin sehr froh, daß ich damals nicht locker gelassen habe und somit daraus Konsequenzen ziehen konnte. Ich kann daher die Forderung des Autors nur unterstützen.

  • Der Taufpate meines Vaters war SS-Brigadeführer und ein alter Freund meiner Großeltern. Er hat wahrscheinlich nie persönlich jemanden ermordet, allerdings konnten sich meine Großeltern noch erinnern, die beim Kaffee am 30.06.34 (Röhm-Affäre) bei ihm saßen, das laufend das Telefon klingelte und er Namen auf einer Liste verglich und "Erschiessen" sagte. Auf Nachfrage, was das bedeute, hieß es lapidar: "Wo gehobelt wird fallen Späne." Was tut man in so einem Fall?



    Ausgerechnet ihm wurde zum Verhängnis, das er, nachdem er sich laut Befehls Himmlers von seiner jüdischen Frau trennte, trotzdem mit ihr zusammenlebte. Er landete degradiert in Dachau, nach dem Krieg bis 1955 in russischer Gefangenschaft. In Westberlin hatte er dann die Hutten-Apotheke und seine Frau wieder geheiratet, die er irgendwie unbeschadet über die Zeit gerettet hat. Meine Großeltern haben die beiden weiterhin besucht. Solche Geschichten schreiben nur extrem außergewöhnliche Umstände, und wie sich jeder in solch einer Zeit verhält steht auf einem Blatt Papier. Ich denke, der Anteil der Täter, Mitläufer und Gegner ist immer relativ gleich. Egal in welchem Land.

  • Was soll dieses private Aufarbeiten denn bringen? Die betroffenen Menschen leben nicht mehr und die Dokumentenlage ist sehr dürftig. Die wenigsten Menschen dürften Kartons auf dem Dachboden stehen haben die Informationen hergeben. Wenn es keine narrative Tradition in einer Familie gibt, dann ist wohl eine Rekonstruktion nicht möglich.

    • @FraMa:

      Klar - Wasch mir den Pelz! 🙀🧐



      Aber mach mich bloß nicht naß! Woll

      kurz - Abwiegler der Woche 🥇

      ps mangels Dachboden - liegt sojet Zeugs /



      Fotos Ausweise Urkunden etc im



      Sekretär unserer alten Dame*04 & im Keller

      • @Lowandorder:

        "Klar - Wasch mir den Pelz! 🙀🧐"



        Das ist doch das Problem, die Nachfahren trifft keine Schuld. Egal wie lange Menschen wie Sie Versuchen uns eine Erbschuld auf zu zwingen.

      • @Lowandorder:

        Gibt es dazu auch eine Betriebsanleitung in deutscher Sprache?

    • @FraMa:

      Sehe ich auch so.

      Von 200.000 der von den Alliierten gelisteten schlimmsten Kriegsverbrecher Deutschlands wurden nur 5.000 verurteilt.

      Deutschland lebt seit 80 Jahren mit diesem riesigen Makel.

      Die NSDAP hatte 1943 etwa 8,5 Millionen Mitglieder. Ein großer Teil davon Antisemiten. Die nach 1945 brav die Klappe hielten.

      Doch Antisemitismus war in Zentraleuropa und Russland die Norm. England, Spanien, wo Franco seine Antisemitismusnummer bis 1975 durchhielt, und das Land mit ihm. Italien anyway. Frankreich, scheußlich, da empfehle ich "Intrige" von Robert Harris. "München" macht auch sprachlos.

      Es ist sehr gut sich damit zu beschäftigen wie Antisemitismus entsteht. Wie dieser in unserem kollektiven Unbewussten wieder und wieder aus ganz unterschiedlichen Gründen heraus getriggert wird.

      Grade ist er wieder voll aktiv.

      Wir haben es zugelassen und sogar gefördert.

  • Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass wenigstens irgendein Vorfahre ein opportunistischer Mitläufer, Parteimitglied, überzeugter Blockwart, ganz normaler Hilfs-Mörder (alles m/w/d) war. Von wenigen positiven, teils sehr positiven Ausnahmen abgesehen, die auch zum Bild gehören.



    Wer das verstanden hat, weiß um die mögliche Schwäche von Menschen, von sich selbst, von anderen. Und wird neofaschistisches Gebrabbel zeitig angehen, um sich nie in einem totalitären System selbst die Frage stellen zu müssen, ob mensch sich zum dritten Mal zusammenschlagen lässt oder doch 'brav' in die SA eintritt und ein wenig 'mitmacht' und damit aus seiner Sicht doch nur für seine Familie etwas tut.

    Ob wir nur einen Deut besser da gestanden wären, 1936, wissen wir nicht, und die meisten haben sogar inzwischen vom Staats her eine eher liberale, demokratische Erziehung genossen (zumindest im Westteil des Landes). Also dürfen wir es gar nicht erst dazu kommen lassen.

    • @Janix:

      Mein Zahnarzt ist tot. (späte Muskelschwäche)



      Die Nachfolgerin - “Eltern aus Dorf Nähe Aurich is schaurig - schwarz - die Braunen kriegten da kein Bein an die Erde.



      Giroßvater & Vater waren dort Riichter:



      “Juden aus dem Dorf überlebten - im Gefängnis eingesperrt. Da ging keiber (SA/SS/etc bei!) Das Dorf hielt dicht.



      In Wolfenbüttel Abi - engstirnig gut braun.



      Bloß weg!“



      Zu solchen Zugriffsgrenzen - Klaus Harrperath



      “Schräges Licht“ “Die SS-Kopfjäger durften denen von der Wehrmacht nicht in die Quere kommen. Wenn sie auf dem Schulhof erschienen - sagte mann ich hab schon bei der Wehrmacht unterschrieben.



      Das dürfte auch in Danzig bekannt gewesen sein!“



      ps ( wen der Redenschreiber von Willy da bloß gemeint hat?



      Wie uns Ohl zu sagen pflegte:



      “Wenn über eine Sache erst mal GraSS - 🙀 -



      Gewachsen ist!



      Kommt sicher irgendsonn 🐫 -



      Was es wieder runterfrist!“

      Na Mahlzeit

  • Ein Problem mit dem offiziellen Gedenken an die Opfer des Holocaust ist, dass mit dem Fokus auf den Antisemitismus alle anderen NS-Verbrechen gegen die Menschlichkeit relativiert werden. So unterbleibt eine tiefer gehende Analyse der politischen Ideen und gesellschaftlichen Strukturen, die (i) alle diese Verbrechen möglich gemacht hat und (ii) warum so viele (fast alle) Deutschen mitgemacht haben? Würden wir da nur genauer hinschauen, würden wir feststellen, dass die Gesellschaft der BRD sich nach 1949, nach 1990 und bis heute erschreckend wenig geändert hat. In Sachen liberaler Sozialdarwinismus und nationaler Selbstüberhöhung sind wir heute schon „weiter“ als z.B. 1933. Die Wortwahl mag sich geändert haben, aber der „Geist“ von Ausgrenzung, Disziplinierung, Nationalismus und vom „Recht des Stärkeren“ wird in der breiten Mitte der Gesellschaft immer stärker. Auch dagegen mag ein erweiterter Blick bei der Öffnung der Kartons und Archive helfen.

    • @DemokratischeZelleEins:

      Können Sie das konkretisieren?



      Woran machen Sie das fest, wir seien heute nationalistischer oder sozialdarwinistischer als 1933?



      Ich halte das für ziemlich abwegig.



      Was mit tatsächlich Sorgen macht ist, dass der Antisemitismus inzwischen in etlichen gesellschaftlichen Kreisen wieder durchaus salonfähig geworden ist. Und das betrifft das rechte, linke, aber auch teilweise das mittlere Spektrum unserer Gesellschaft.

  • Zu wenig geredet wird über die konkreten Verstrickungen ganz normaler Deutscher. Da warten in den Familien noch viele Kisten und Kartons auf dem Dachboden darauf, geöffnet zu werden: Was ist auf den Fotos eigentlich genau zu sehen, die der Urgroßvater und Wehrmachtssoldat von der Ostfront mitbrachte? Warum brennt da im Hintergrund eine Scheune? Sind dort Menschen drin?



    ----



    Ne, unsere ... passendes selbst einsetzen ... haben doch nichts gewusst, nicht mitgemacht, usw. scheint wie 1945 auch heute "Standarddenken & Ausrede" zu sein.



    Eine "Neuauflage" des schon einmal sehr beliebten Spruchs: " Wenn das der Führer wüsste!" :-(

    Und dann, als "mündiger & denkender Staatsbürger" mal kurz rechtsextrem wählen um es "denen da oben mal zu zeigen! :-(

    Btw. Und bei den Worten "Pascha. Stadtbild, Wirtschaftsflüchtlinge, Sozialschmarotzer, uvam. " erst umschauen & wenn keiner in der Nähe guckt, klatschen!



    Brummt Sikasuu

    Ps. Gibt es doch eine, nicht bekannte WM für Verdränger, Nichtdenker, o.ä.?



    Wenns DIE geben sollte, scheinen viele in DE Ihren Anspruch auf einen Platz auf dem Treppchen anmelden zu wollen! :-(

  • Mit ein wenig Ehrlichkeit sind die meisten Deutschen schon total überfordert. Simples Beispiel: Friedrich Merz (Bundeskanzler). Inzwischen ist bekannt, dass einer seiner Großväter Mitglied der NSDAP war, einer Partei, deren Programm seit 1920 bekannt war, nie geändert wurde und lediglich aus extrem antisemitischer Hetze bestand. Dass sein Großvater ein extremer Antisemit war, hat Merz nie zugegeben und vor allem(!) auch nie kritisiert. Der Holocaust wird nicht geleugnet, wohl aber die Mittäterschaft daran! Das widerlichste Beispiel dafür: Richard von Weizsäcker. Als Bundespräsident redete er von der Befreiung vom Faschismus und besuchte Israel, Reue vortäuschend. Aber seinen Vater, einen wegen Beteiligung am Holocaust verurteilten Kriegsverbrecher, hielt er für unschuldig. -- Das offizielle Gedenken an die Verfolgung und Ermordung der Juden durch die Deutschen und deren Kollaborateure ist eine Heuchelei, solange die Täterschaft der Beteiligten geleugnet wird!

  • "... nicht in Ritualen erstarren." Ja und nein. Es gibt Menschen, für die Rituale wichtig sind. Vielleicht überwiegend Ältere. Konkrete Erinnerungs-Beschäftigung ist wichtig. Was hat mein Onkel im Krieg in Griechenland gemacht? Das wurde in meiner Kindheit mal so erzählt. Auf Kreta war er, es war Winter und kalt. Nachgefragt wurde (noch) nicht. Er lebt schon. lange nicht mehr. Dabei hätte ich mir bei ihm vorstellen können, dass ich ihn als Jugendliche durchaus hätte befragen können, so wie ich meinen Vater befragen konnte. Der hat erzählt, mit Fotos. Von der Reiter SA, der Motor SA, für eine Organisation musste er sich entscheiden, jedenfalls pro forma, sonst hätte er keine Kriegswaisenrente nach seinem im 1. WK elend im Schützengraben dahingemoderten Vater bekommen. Geht auf die Dachböden - so lange es die Kisten noch gibt und die Eltern nicht das Haus auflösen müssen, um den teuren Platz im Pflegeheim vom Hauserlös zahlen zu können.