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Fußballschauen in der UkrainePublic Viewing, aber nur bis Mitternacht

In der Ukraine spielt die WM kaum eine Rolle. In Odessa muss man die Fußballbegeisterten erstmal finden. In Lwiw gedenkt man eines getöteten Torwartes.

Bernhard Clasen

Aus Odessa und Lwiw

Bernhard Clasen

Wer in Odessa Public Viewing sucht, hat es nicht so einfach. Die meisten Spiele finden um oder nach Mitternacht statt und da ist schon längst alles wegen der nächtlichen Ausgangssperre geschlossen. Aber auch bei Spielen vor Mitternacht ist von Fußballbegeisterung im Stadtbild wenig zu spüren.

„Versuchen Sie es mal in der Fußgängerzone, der Deribasowska-Straße“ rät ein Kneipenbesitzer etwas abseits vom Zentrum. „Da haben Sie sicherlich Glück.“ Und tatsächlich: In einem Restaurant mit Tanzfläche mitten in der Fußgängerzone läuft auf allen vier großen Bildschirmen Fußball.

Doch die wenigen Männer im Raum sehen mehr auf die tanzenden Frauen als auf die Bildschirme. Nicht einmal Messi reißt hier die Leute von den Stühlen. Irgendwann fangen Männer auf der Fußgängerzone an, sich zu schlagen. Die meisten schauen nun interessiert auf die Schläger. Dann stellen sich einige junge Frauen zwischen die Streitenden, warten bis die Polizei kommt.

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Die taz bei der Fußball-WM

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Und dann wird man doch noch fündig. An einem zur Straße offenen Schanktisch zwei Dutzend Meter weiter in der Fußgängerzone stehen vier Männer und eine Frau vor ihrem Bier und kleben mit den Augen am Bildschirm, wo das Spiel Argentinien gegen Österreich läuft. Auch wenn man kein Russisch verstehen würde, wüsste man sofort, worum es geht. Jedes dritte Wort ist „Messi“. Auch beim Elfmeter, den Superstar Messi verschossen hat, hört man dreimal ein enttäuschtes „Messi, ach Messi“.

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Eher im Boxen gut

„Nein, der Messi“, ruft ein Mann gegen Spielende und kurz nach dem zweiten Tor aus. „Der hat sie wieder mal alle ausgetrickst. Einfach nur wunderbar“, kommt er ins Schwärmen und philosophiert anschließend, warum die Ukraine im internationalen Fußball keine Rolle spielt.

„Fußball ist einfach nicht unser Ding“, meint er. „Im Boxen sind wir gut“, und erwähnt die Brüder Klitschko und Weltmeister Olexandr Usik. „Wahrscheinlich liegt das daran, dass wir gute Einzelkämpfer sind, uns aber nicht in Spielen in die Mannschaft einbringen können und wollen. Bei uns will jeder Spielführer sein.“

Mehr Fußballbegeisterung herrscht im westukrainischen Lwiw. „In Lwiw“, so der ukrainische Journalist Grigori Pyrlik, der in Lwiw lebt, gegenüber der taz, „ist Fußball mehr als nur ein Sport.“ Die westukrainische Metropole lebt den Fußball auf eine Weise, die sich zwischen Leidenschaft, Alltag und Identität bewegt. Wenn große Turniere stattfinden, füllen sich in der westukrainischen Metropole die Cafés und Bars rund um den Rynok-Platz, Spiele werden gemeinsam verfolgt, analysiert und emotional diskutiert.

In Kneipen wie dem Kumpel oder auf öffentlichen Plätzen werde jeder große Wettbewerb zum Ereignis, so Pyrlik. Auch natürlich bei dieser WM. Doch der Krieg nagt an der Fußballbegeisterung. Nur Spiele, die vor Mitternacht enden, können in der Öffentlichkeit gemeinsam angesehen werden. Punkt Mitternacht beginnt die nächtliche Ausgangssperre.

Torwart und im Krieg getötet

Alle anderen Spiele kann man sich also nur zu Hause ansehen. Gerade während der WM, so Pyrlik, denkt man in Lwiw an die Spieler, die einst auf dem Platz standen, heute an der Front sind oder auch im Krieg getötet wurden. Einer von ihnen war Jurij Jatzkiw. Der ehemalige Torwart der Jugendakademie des FC Lwiw wurde im Gebiet Lwiw geboren und durchlief dort die fußballerische Ausbildung.

Mit dem Beginn des russischen Angriffskrieges änderte sich sein Leben grundlegend. Wie viele andere Sportler in der Ukraine zog auch er in den Krieg. Im ostukrainischen Torezk wurde der 26-Jährige am 30. März 2025 getötet. Gerade jetzt, während der WM, sei Jatzkiw wieder in aller Munde, so Pyrlik.

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