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Fußball-WM treibt Opposition anSchafft mehr Groß-Events in Mexiko!

Schon mehrmals wurden in Mexiko Großevents wie die Fußball-WM ausgetragen. Immer begleitet von Krisen – und von der Entstehung oppositioneller Kräfte.

W ieder eine dieser Meldungen, von denen derzeit viele die Runde machen. „Am Vorabend des Eröffnungsspiels der Fußballweltmeisterschaft in Mexiko ist es abermals zu Gewalt gekommen: Fünf Polizisten wurden am Mittwoch (Ortszeit) von Unbekannten bei einem Angriff im westlichen Bundesstaat Michoacán getötet“, schrieb die Nachrichtenagentur AFP letzte Woche.

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Die taz bei der Fußball-WM

Der Ball ist rund und die taz ist ihm dicht auf den Fersen. Unsere Reporterin Alina Schwermer ist auf einem Roadtrip (meist) per Bus und berichtet in Reportagen und in ihrem Blog – manchmal auch aus den Stadien, aber noch viel öfter über alles drumherum. Alle Spiele werden von ausgeschlafenen tazler:innen für Sie hier in „Alle Spiele“ kurz zusammengefasst. Dann gibt es das ganz geheime Tagebuch von Fifa-Dingsbums Gianni Infantino. Und alles andere rund um die WM finden Sie hier.

Am Tag darauf hieß es, dass im „WM-Gastgeberland Mexiko“ ein Journalist erschossen worden sei. Man könnte auch einfach jeden Tag eine Nachricht verschicken, die besagt, dass heute circa 75 Menschen getötet und 35 verschwunden sind. Würde natürlich in normalen Zeiten niemand interessieren.

Nein, diese Kolumne soll nicht nahelegen, dass in einem Land wie Mexiko angesichts der allgegenwärtigen Gewalt keine Fußball-WM der Männer stattfinden dürfe. Ganz im Gegenteil: Schafft mehr Großevents, die dafür sorgen, dass die Welt einen Blick auf diese Regionen wirft! Wer hätte sich je dafür interessiert, dass in Katar Mi­gran­t*in­nen unter schlimmsten Bedingungen arbeiten müssen, wäre da nicht die Weltmeisterschaft von 2022 gewesen.

Und noch nie wurde das Verschwinden von Menschen in Mexiko so umfangreich in den deutschen Medien gespiegelt wie in den letzten Tagen. Ob im ZDF, in der taz, der FAZ oder auf Instagram, überall steht das Thema derzeit ganz oben. In einem Dokumentarfilm im Kontext der WM stellte die ARD die Verschwundenen in den Vordergrund.

Alles im Griff?

Das ist freilich in erster Linie das Verdienst einer gut organisierten Zivilgesellschaft. Die ließ sich nicht von einer linken Regierung beeindrucken, die verhindern wollte, dass Bilder verzweifelter Mütter über den Globus gehen, die seit Jahren nach ihren Liebsten suchen. Alles im Griff, sollte die Message sein. Die Mafia? Die knappe Rente? Kein Problem. Das ist trotz eines massiven Polizeiaufgebots gescheitert.

Alle Welt konnte sehen, dass Tausende Lehrer*innen, Stu­den­t*in­nen und Angehörige der 133.000 Verschwundenen demonstrierten, und das teilweise recht militant. Was nicht heißt, dass sich die meisten von ihnen für einen WM-Boykott eingesetzt hätten. Nicht wenige dürften später den Sieg ihrer Elf gegen Südafrika auf den Straßen von Mexiko-Stadt gefeiert haben.

Peinlich, die Orte von Plakaten zu reinigen, auf denen verschleppte Menschen zu sehen sind

Zweifellos kann man der Präsidentin Claudia Sheinbaum vorwerfen, dass ihre Regierung unfähig ist, die organisierte Kriminalität einzudämmen, und dass sie die Suche der Verschwundenen nicht angemessen unterstützt. Recht peinlich erscheinen auch die Bemühungen, die Austragungsorte von Plakaten zu reinigen, auf denen Menschen zu sehen sind, die verschleppt wurden.

Die Maßnahmen sind Peanuts

Historisch betrachtet sind solche Maßnahmen trotzdem gerade mit Blick auf sportliche Großevents Peanuts. Denken wir an 1968. Zehn Tage vor Beginn der Olympiade in Mexiko ließ die Regierung Hunderte Stu­den­t*in­nen niederschießen, die gegen das autoritäre Regime auf die Straße gegangen waren. Zwei Jahre danach fand dann zwar dort verhältnismäßig ruhig die erste Fußball-WM statt.

Doch als das Land 16 Jahre später erneut Austragungsort des Turniers wurde, war dem wieder ein heftiger Vorfall vorausgegangen: Acht Monate vorher zerstörte ein Erdbeben in der Hauptstadt zahlreiche Gebäude. Mehrere Tausend Menschen starben, viele verloren ihr Zuhause. Die korrupte Regierung zeigte sich unfähig, die Krise zu managen, was unter anderem dazu führte, dass Präsident Miguel de la Madrid bei der Eröffnungsfeier massiv ausgebuht wurde.

Sowohl das Massaker 1968 als auch das Erdbeben 1985 gelten als entscheidende Momente für die Entstehung organisierter oppositioneller Kräfte, die der Macht der sieben Jahrzehnte autoritär herrschenden Staatspartei PRI ein Ende bereiteten. Auch das konnten Soldaten und Polizisten nicht verhindern. Morena, die Partei Sheinbaums, ist langfristig betrachtet ebenfalls aus diesen Bewegungen hervorgegangen. Die Präsidentin dürfte es also genau wissen: Den Opfern der gewalttätigen Verhältnisse mit einem martialischen Polizeiaufgebot und gesäuberten Wänden entgegenzutreten, um das internationale Image zu retten, könnte ihr gehörig auf die Füße fallen.

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Wolf-Dieter Vogel

Wolf-Dieter Vogel Korrespondent

Wolf-Dieter Vogel, Jahrgang 1959, ist Print- und Radiojournalist sowie Autor. Er lebt nach langjährigen Mexiko-Aufenthalten schwerpunktmäßig wieder in Berlin und zwischendurch in Mexiko-Stadt. Seine Schwerpunkte: Menschenrechte, Migration und Flucht, Organisierte Kriminalität, Rüstungspolitik, soziale Bewegungen. Für die taz arbeitet er v.a. zu Mexiko und Mittelamerika. Er ist Mitglied des Korrespondent*innen-Netzwerks Weltreporter.
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