Fukushima und das AKW-Risiko: Die einkalkulierte Katastrophe

Weil das Unwahrscheinliche eingetreten sei, schwenkte Merkel 2011 zum Atomausstieg. Eine richtige Entscheidung, nur die Begründung war falsch.

Menschen Schutzanzügen stehen vor den zerstörten Reaktorgebäuden des AKW Fukushima circa ein Jahr nach der Katastrophe

Fukushima: Das absolut Unwahrscheinliche wurde plötzlich sehr greifbar Foto: ZUMA Wire/imago

BERLIN taz | Das Unglück in Japan war ein Knaller mit weitreichenden Folgen, speziell in Deutschland. Erst im Herbst 2010, wenige Monate vor dem Super-GAU in Fukushima, hatte die damalige schwarz-gelbe Bundesregierung den unter Rot-Grün vereinbarten Atomausstieg gekippt und die Laufzeit der deutschen Atomkraftwerke um durchschnittlich 12 Jahre verlängert. Doch nach den eindrücklichen Bildern aus Japan sah die Lage ganz anders aus.

Binnen weniger Tage wurde ein Laufzeitmoratorium verhängt, sieben ältere Meiler gingen vom Netz, zunächst vorläufig, im Sommer dann endgültig. Und auch für alle anderen AKW wurde der Betrieb begrenzt. Ende 2022 sollen die letzten deutschen Atomkraftwerke stillgelegt werden.

Den Grund für die Kehrtwende nannte die Bundeskanzlerin am 17. März 2011 in einer Regierungserklärung. „Wenn, wie in Japan, das scheinbar Unmögliche möglich, das absolut Unwahrscheinliche Realität wurde, dann verändert das die Lage“, sagte Angela Merkel im Bundestag. Aber war der Super-GAU tatsächlich absolut unwahrscheinlich? Hatte sich die Lage wirklich geändert?

Die Sicherheit von Atomkraftwerken war von Beginn an umstritten. Klar war nur, dass ein Restrisiko bleibt. Befürworter beschrieben dies als extrem gering, schließlich komme es, so ein gern genanntes Argument, nur alle 10.000 Jahre zu einem schweren Unfall.

Umstrittene Studie war Grundlage der Energiepolitik

Die Zahl war nicht einfach aus der Luft gegriffen. Sie stammt aus der “Deutschen Risikostudie – Kernkraft“, die 1979 im Auftrag des Bundesforschungsministeriums erstellt wurde. Darin unterschieden die Autoren insgesamt sechs „Freisetzungskategorien“, bei denen im Falle einer Kernschmelze Spaltmaterial mit tödlichen Folgen in die Umwelt gelange. Die Wahrscheinlichkeit, dass dies eintreffe, liege bei allen Kategorien insgesamt bei 1 mal 10 hoch -4 mal a hoch -1. Oder anders formuliert: „Die Wahrscheinlichkeit je Reaktorjahr für einen Kernschmelzunfall wurde mit etwa eins zu zehntausend abgeschätzt“, mithin ein solcher Unfall pro 10.000 Jahren. Die Studie belege, schrieb der damalige Forschungsminister Volker Hauff (SPD) im Vorwort, „daß störfallbedingte Risiken durch Kernkraftwerke relativ klein sind“.

Nun kann man über den Wert der Studie streiten. Da es bekanntlich keine Rückschau auf 10.000 Jahre Nutzung der Atomenergie geben kann, beruht sie vor allem auf Annahmen, Vergleichen, Abschätzung, die man im Detail auch immer anders hätte setzen können. So wurden „Störfälle durch Kriegseinwirkung, Sabotage und Terrorismus gar nicht, Naturereignisse wie Sturmfluten, Erdbeben oder Blitzschläge nur am Rande berücksichtigt“, kritisierte der Spiegel schon kurz nach der Veröffentlichung.

Die Autoren selbst betonten, „daß es sich bei der vorliegenden Studie nicht um eine exakte Risikoberechnung handelt, sondern um eine Risikoabschätzung, die mit erheblichen Schätzunsicherheiten behaftet ist.“ Sie stellten sogar die Frage, „inwieweit Ereignisabläufe mit extrem geringer Wahrscheinlichkeit für die Bewertung von Risiken von Bedeutung sein können“.

Aber die Studie war eine der Grundlagen deutscher Energiepolitik. Also muss man sie so ernst nehmen wie der damalige Forschungsminister. Der sah sich in seiner positiven Einstellung zur friedlichen Nutzung der Kernenergie bestätigt. Ein gutes Dutzend AKW, darunter alle aktuell noch laufenden, wurde nach Veröffentlichung der Studie in der Bunderepublik in Betrieb genommen.

Mehr als 400 Kernkraftwerke weltweit in Betrieb

„Alle 10.000 Jahre“, das klingt auf den ersten Blick beruhigend, auch weil solche statistischen Angaben häufig falsch verstanden werden. Denn das Ergebnis bedeutet nicht, dass erst in 10.000 Jahren ein AKW in die Luft fliegt, sondern dass es im Schnitt alle 10.000 Jahre zu einem unkontrollierbaren Unfall kommt – also viellleicht auch morgen schon. Aber es bleibt dennoch extrem unwahrscheinlich, oder?

Auch das ist Ansichtssache. So liegt die Chance auf den Gewinn eines Lottojackpots bei 1 zu 139.838.160. Wer also jeden Samstag seine sechs Kreuze plus Zusatzzahl abgibt, gewinnt statistisch gesehen alle 2,7 Millionen Jahre. Das ist also 270 mal unwahrscheinlicher als eine Kernschmelze in einem AKW. Dennoch geben nicht nur viele Menschen Geld für Lottoscheine aus, sondern man liest sogar immer wieder davon, dass jemand gewonnen hat. Das absolut Unwahrscheinliche wird also Realität, fast jede Woche.

Das liegt daran, dass es nicht nur einen Lottospieler gibt, sondern mehrere Millionen. So ähnlich läuft das auch bei den AKW. Zwar geht die Zahl der Reaktoren zum Glück nicht in die Millionen. Aber weltweit sind über 400 in Betrieb. Und es heißt eben nicht, dass es binnen 10.000 Jahren in irgendeinem AKW zur Kernschmelze mit Freisetzung kommt, sondern in jedem einzelnen.

Statistisch gesehen ist alle 25 Jahre ein Unfall fällig

So wird das absolut Unwahrscheinliche plötzlich sehr greifbar. Denn bei 400 Reaktoren ist statistisch gesehen ein Unfall alle 25 Jahre fällig. Und 25 Jahre, das ist exakt der Abstand zwischen Tschernobyl 1986 und Fukushima 2011, zwischen den beiden bisher registrierten Super-GAUs.

Ein Zufall? Ja sicher. Es hätten genauso gut 2 Tage oder 200 Jahre dazwischen liegen können, ohne dass die Erwartung der Risikoforscher widerlegt worden wäre. Man muss auch wissen, dass die Autoren selbst angaben, dass nicht jede Kernschmelze mit radioaktiver Freisetzung wirklich schlimm sei. Eine Katastrophe wie in Tschernobyl oder Fukushima hielten sie für noch unwahrscheinlicher. Und spätere Studien rechneten das Risiko sogar noch wesentlich kleiner. Aber dass die Autoren der „Deutschen Risikostudie“ mit ihrer Zahlenspielerei so richtig lagen, irritiert schon.

Und es zeigt, dass das absolut Unwahrscheinliche dann doch nur scheinbar unmöglich ist, wie Angela Merkel es vor 10 Jahren formulierte. Fukushima war kein Unfall, mit dem niemand rechnen konnte. Im Gegenteil: Fukushima war exakt die Katastrophe, mit der Atompolitiker gerechnet hatten.

Auch mit ihrer Behauptung, dass der Unfall in Fukushima nun alles ändere, lag Merkel leider falsch. In Deutschland ist der Atomausstieg zwar fest geplant. Weltweit aber liegt die Zahl der aktuell betriebenen Reaktoren seit Beginn der 90er Jahre bei rund 440 – mit leicht steigender Tendenz. Das Risiko also bleibt.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Wir würden Ihnen hier gerne einen externen Inhalt zeigen. Sie entscheiden, ob sie dieses Element auch sehen wollen.

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de