Energiepolitik nach Fukushima: Die letzten Kurven der Talfahrt

Angela Merkel wird als Ausstiegskanzlerin in die Geschichtsbücher eingehen. Die energiepolitische Zukunft aber ist hart umkämpft.

Einstürzender Kühlturm des RWE-Atomkraftwerks Mülheim-Kärlich

Guter Knalleffekt: Das Ende des Kühlturms des RWE-Atomkraftwerks Mülheim-Kärlich im Sommer 2019 Foto: Paul Langrock

Die Erinnerung funktioniert noch. Fukushima! Sofort hat jeder seine eigenen Bilder im Kopf: die milchig-schemenhaften Silhouetten der havarierten Meiler; die erste Wasserstoff­explosion, die das Dach des Reaktorblocks in den japanischen Himmel katapultiert; die hilflosen Helfer, die den strahlenden Trümmerhaufen aus Wasserschläuchen bespritzen, wie der Nachbar seinen Zierrasen; die Straßenszenen in Tokio mit verhuschten Menschen zwischen Ohnmacht und Scham.

Fukushima war nach Majak, Windscale, Church Rock, Harrisburg und Tschernobyl die sechste atomare Großkatastrophe. Sie alle hätten nach den Vorhersagen einschlägiger Risikostudien nur einmal in hunderttausend Jahren geschehen dürfen. „Kinder, wie die Zeit vergeht!“, höhnten die AKW-Gegner. Und der Klimaökonom Ottmar Edenhofer warnte, man solle sich jetzt bloß nicht als Rechthaber oder Sieger der Geschichte aufspielen.

Fukushima war der erste sichtbare Super-GAU, er passierte vor den Augen der Weltöffentlichkeit, begleitet vom neuen Nachrichtenkosmos des Internets. Fukushima war die endgültige Bestätigung, dass diese Technologie des Schreckens auf den Komposthaufen der Geschichte gehört. 1979, nach Harrisburg, konnte die Branche noch die Beherrschbarkeit selbst des schlimmsten denkbaren Unfalls behaupten, weil die Kernschmelze weitgehend im Reaktorgebäude stecken geblieben war. 1986, nach Tschernobyl, waren die „kommunistischen“ Reaktoren schuld, die der westlichen Sicherheitstechnik weit unterlegen waren. 2011, nach Fukushima, waren die Ausreden aufgebraucht, das Entsetzen nicht mehr zu kanalisieren. Nur der gnädige Westwind, der die radioaktiven Wolken auf den Pazifik trieb, hatte die 30-Millio­nen-Metropole Tokio vor der Evakuierung bewahrt.

Kein anderes Land stellte nach Fukushima die energiepolitischen Antennen stärker auf Empfang als die Bundesrepublik. Die energiepolitische Lage war plötzlich sonnenklar: „Die Dinger müssen weg“, schrieb der 11-jährige Schüler Enno Ebersbach in einem Gastbeitrag für die Fukushima-Sonderausgabe des Umweltmagazins zeozwei (heute taz FUTURZWEI), „ich finde es wichtig, dass jetzt jeder weiß, dass Atomkraftwerke keine Lösung sind!“

Der politische Instinkt der Kanzlerin

Fukushima hieß schnell Stuttgart. Die Landtagswahl in Baden-Württemberg folgte nur zwei Wochen nach der dreifachen Kernschmelze. Die Grünen surften auf der 13 Meter hohen Flutwelle, die am 11. März mit Tempo 160 auf die japanische Küste zugerast war, in die Regierungsverantwortung, ein unmissverständlicher Hieb für die alten Atomparteien. Mit Fukushima war die grüne Partei endgültig in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Ihr Kernthema Energiepolitik hätte nicht eindrucksvoller bestätigt werden können. Gleichzeitig setzte der japanische Fallout die Südwest-CDU nach 58 Jahren ununterbrochener Regentschaft auf die Oppositionsbank.

Dabei hatte Merkel eigentlich schnell reagiert. Während die EU noch „Stresstests“ für alle Reaktoren forderte, sendete der politische Instinkt der Kanzlerin sofort die richtigen Signale. Schneller, als man AKW buchstabieren konnte, vollzog sie – nach Krisentelefonaten mit dem baden-württembergischen Ministerpräsidenten Stefan Mappus – eine diametrale Kehrtwende ihres energiepolitischen Kurses und verkündete ein Atom-Moratorium und die Abschaltung von sieben, später acht Reaktoren.

Merkel, die Kanzlerin der schwarz-gelben Laufzeitverlängerung, wird als Kanzlerin des Atomausstiegs in die Geschichts­bücher eingehen. Dabei hatte sie nie verstanden, wie fundamental der Atomkonflikt die westdeutsche Gesellschaft über Jahrzehnte vergiftet hatte. Die blutigen Schlachten an den Bauzäunen Ende der 70er Jahre, die Massenproteste der 80er Jahre, die jahrzehntelangen Kämpfe unzähliger Bürgerinitiativen, die die Grünen erst möglich machten: Merkel kannte die relevanteste Protestbewegung der alten Bundesrepublik nur aus den Kurzmeldungen im Neuen Deutschland.

11. März 2011: Ein Erdbeben unter dem Pazifik löst eine Tsunami-Flutwelle aus, die die Ostküste von Japan verwüstet. Etwa 20.000 Menschen sterben. Am AKW-Standort Fukushima Daiichi zerstört die Welle die Stromversorgung, die Kühlung fällt aus. Drei Atommeiler laufen heiß.

12. März 2011: Eine Wasserstoffexplosion zerstört eines der Reaktorgebäude, nicht aber die Reaktorkerne. Radioaktives Gas gelangt in die Umgebung. In allen drei Reaktoren kommt es in der Folge zur Kernschmelze. Ein Teil der extrem strahlenden nuklearen Kerne frisst sich durch seine Druckbehälter, bleibt aber in den Gebäuden. Bis heute sind die Reaktoren nicht zugänglich.

14. März 2011: Die schwarz-gelbe Bundesregierung in Berlin verkündet ein „Moratorium“: Alle insgesamt 17 AKW-Blöcke in Deutschland werden auf ihre Sicherheit überprüft, die 7 ältesten für drei Monate abgestellt.

27. März 2011: Bei der Landtagswahl in Baden-Württemberg wird die CDU mit 39 Prozent stärkste Partei. Die Grünen erreichen ein Rekordergebnis von 24 Prozent und bilden mit der SPD (23 Prozent) die Regierung. Mit Winfried Kretschmann wird zum ersten Mal ein Grüner Ministerpräsident eines Landes.

30. Juni 2011: Der Bundestag beschließt mit großer Mehrheit die endgültige Abschaltung der 7 ältesten Meiler, dazu das Aus für den ruhenden Pannenreaktor Krümmel. Der Atomausstieg, noch 2010 verlängert, wird auf Ende 2022 vorgezogen. (bpo)

Ihre späte Kehrtwende zum Atomausstieg war aber nicht nur Opportunismus. Sonst hätte Merkel nach dem langsamen Abklingen der Fukushima-Welle wieder gewackelt. In der schwarz-gelben Regierungskoalition gab es genug Atomfreunde, die nach Verstreichen einer Schamfrist die Neutronen wieder flitzen lassen wollten. Doch die Physikerin Angela Merkel hatte womöglich begriffen, dass diese Technik tatsächlich unverantwortbar ist, die Wucht des Tsunamis hatte auch das ­Bundeskanzleramt erwischt. Die Autorität der Katastrophe ließ das Gerede von der „Brückentechnologie Atomkraft“ verstummen. Nicht nur die Brücke, das ganze Lügengebäude deutscher Energiepolitik war eingestürzt.

Beißkrampf um den Ausbau der erneuerbaren Energien

Nach Fukushima war die neue Allparteienkoalition des Ausstiegs – von Greenpeace bis Seehofer – auch eine Chance für die Gesellschaft. Das war sie leider nur kurze Zeit. Der alte Grabenkrieg des Atomkonflikts mündete umstandslos in den verschärften Beißkrampf um den weiteren Ausbau der erneuerbaren Energien – bis heute. Heute wird das Irrsinnsprojekt Nordstream 2 gebaut, ebenso das Flüssiggasterminal für US-Frackinggas. Die Stilllegung der Kohlekraftwerke und das Ende des steinzeitlichen Braunkohletagebaus werden trotz Klimakrise verzögert, der Ausbau von Solar- und Windanlagen wird permanent gedeckelt, bekämpft, ausgebremst.

Aber warum konnte die Atomenergie als Kind der 1950er Jahre überhaupt so lange überleben? Warum taucht selbst heute immer wieder die Fata Morgana eines nuklearen Comebacks auf? Die Politik, das zeigt sich an vielen Zukunftsvorhaben, war leider immer schon anfällig für den großen Wurf. Und die Kräfte des gespaltenen Urans sind tatsächlich ungeheuer, die Erlöserfantasien des aufziehenden Atomzeitalters Ende der 50er und Anfang der 60er Jahre waren grandios. Keine Stromzähler mehr, die Begrünung der Wüsten und der Polkappen, dazu Atomlokomotiven, -autos, -flugzeuge, das Füllhorn für alle. Die „friedliche“ Nutzung der Atomkraft, die jetzt Kernenergie hieß, sollte zudem Wiedergutmachung sein für die Leichenberge von Hiroshima und Nagasaki.

In Deutschland bekam der Ausbau der Erlösertechnologie Atomkraft schnell religiöse Züge. Politik, Energiewirtschaft, Teile der Wissenschaft und der Polizeiapparat vereinten sich zur verschworenen Atomgemeinde, die im Stellungskrieg mit den Atomgegnern rationalen Argumenten bald nicht mehr zugänglich war. Am Ende ging es vor allem darum, dass die grünen Latzhosenbrigaden und der verhasste Umweltzirkus nicht gewinnen durften. Dann kamen die Katastrophen. Dann kam Fukushima. Warum Urankerne spalten, um Kaffee zu kochen, wenn ich sogar aus Hühnerscheiße Strom machen kann, schrieb der 11-jährige Enno. Der Junge hatte recht.

2022 geht bei uns der letzte Atommeiler vom Netz. Aber auch bei globaler Betrachtung wird klar: Die Atomindustrie fährt ihre letzte Etappe, der Besenwagen wartet schon. Ihr Anteil an der weltweiten Stromversorgung hat sich gegenüber den Boomjahren glatt halbiert. Nur noch wenige Länder, meist keine demokratischen, bauen neue Meiler. Und die laufenden Altkraftwerke der in Zahl und Leistung stagnierenden weltweiten Reaktorflotte nähern sich langsam der 40-Jahres-Grenze. Isch over! Atomkraft ist nicht nur lebensgefährlich und atombombentauglich, sie hat nicht nur Akzeptanzprobleme und hinterlässt strahlenden Müll für Millionen Jahre. Sie ist inzwischen auch doppelt so teuer in den Stromgestehungskosten wie Wind und Sonne an guten Standorten. Es gibt in vielen Ländern auch keinen Nachwuchs mehr. Kein vernünftiger Mensch will in einem Atomkraftwerk arbeiten.

Ein Albtraum, der nicht enden will

Dass es trotz allem immer noch eifrige Diskussionsrunden gibt zu den ewigen „Chancen und Risiken“ der Atomkraft und dass jetzt der seriell produzierte niedliche Minireaktor erneut als atomarer Hoffnungsträger auftaucht, das sind die letzten Kurven einer langen Talfahrt. Sie hatte schon Ende der 1970er Jahre begonnen, als nach dem atomaren Höhepunkt immer weniger neue Atommeiler projektiert wurden. Tschernobyl beschleunigte diesen Negativtrend. Fukushima setzte zwar nicht den Schlusspunkt, beseitigte in den meisten Ländern aber letzte Zweifel.

Der 11-jährige Enno schrieb im März 2011, er wolle einen Teil seines Taschengelds für den Wiederaufbau in Japan spenden. Enno, das wird nicht reichen. Die Kosten der nuklearen Katastrophe summieren sich inzwischen auf 21,5 Billionen Yen (180 Milliarden Euro) und schon jetzt ist absehbar, dass auch diese Summe längst nicht reichen wird. Fukushima – das ist auch ein Albtraum, der nicht enden will.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Wir würden Ihnen hier gerne einen externen Inhalt zeigen. Sie entscheiden, ob sie dieses Element auch sehen wollen.

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Manfred Kriener, Jahrgang 1953, ist Umweltjournalist und Autor in Berlin. Themenschwerpunkte: Klima, Umwelt, Landwirtschaft sowie Essen & Trinken. Kriener war elf Jahre lang taz-Ökologieredakteur, danach Gründungschefredakteur des Slow-Food-Magazins und des Umweltmagazins zeozwei.. Zuletzt erschienen: "Leckerland ist abgebrannt - Ernährungslügen und der rasante Wandel der Esskultur". Das Buch schaffte es in die Spiegel-Bestsellerliste und wurde von Umweltministerin Svenja Schulze in der taz vorgestellt. Kriener arbeitet im Journalistenbüro www.textetage.com in Kreuzberg.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de

Ihren Kommentar hier eingeben