Für Sicherheit und Gesundheit: Die langweiligste Demo des Jahres
Der Kanzler sperrt die Spree, die Sternfahrt bleibt in den Regionalnews – und unsere Autorin wundert sich, was als Zumutung empfunden wird und was nicht.
Foto: Christophe Gateau/dpa
A nfang Juni war wieder Sternfahrt in Berlin. Sternfahrt ist dieser eine Halbtag im Jahr, an dem die breite Asphalt-Schneise entlang des Grunewalds für Fahrräder geöffnet ist. Man kann dort bequem nebeneinander radeln, tief durchatmen und sich unterhalten.
Ich fuhr neben zwei Jugendlichen. Die beiden redeten darüber, dass die Sternfahrt eigentlich voll öde sei. Niemand schreie Parolen. Niemand mache etwas kaputt. Eigentlich sei das Ganze nur eine chillige Ausfahrt für Leute, die halt gern Rad fahren, und keine richtige Demo.
Stimmt irgendwie. Radfahren ist voll langweilig. Es stinkt nicht, lärmt nicht und ist insgesamt das Gegenteil von nicer Randale. Und dann diese Radfahrer-Forderungen: sichere Wege, weniger Tote, ein bisschen Platz – lauter Gähn-Themen.
Mit Gegröle, Steine schmeißen und Sachen anzünden landet man auch mit 500 Leuten in der Tagesschau. Friedlich dahinradelnd kann man 30.000 plus auf die Straße bringen – und kommt trotzdem nicht über die Regionalnachrichten hinaus. Ist ja schließlich auch immer dasselbe. Die Radfahrenden wollen seit Jahren, ach was, seit Jahrzehnten immer nur sicher unterwegs sein. Eine Forderung, die deutsche Politik autark umsetzen könnte, worauf sie aber halt keinen Bock hat.
Sinnfreie Absperrerei
Wie es läuft, wenn man Bock hat, erlebte ich tags darauf.
Ich kam von der Arbeit nach Hause, auf dem Weg an der Spree entlang. Den kennen auch Berlin-Besucher bestens: auf der einen Seite der Hauptbahnhof, auf der anderen das Bundeskanzleramt. Der Weg war abgesperrt und polizeibewacht. Auch die Schiffe durften nicht mehr fahren. Grund: Der Hubschrauber des Bundeskanzlers landete auf der anderen Seite der Spree, hinter einer Mauer und Bäumen im Kanzlergarten. Wir mussten warten, bis der wieder abgeflogen war. Natürlich völlig sinnfrei. Wir flogen ja nicht. Und hatten, soweit ich das überblicken konnte, auch keine Panzerfaust in der Fahrradtasche.
Ich überlegte, warum man eigentlich den mit Abstand größten Regierungssitz der Welt hat, wenn man dann trotzdem für den An- und Abflug noch die Umgebung lahmlegt. Und ob die Absperrerei im Zeitalter von Drohnen nicht insgesamt unlogisch ist. Aber – um Logik geht es ja auch nie. Es geht um Symbole.
Die einen fahren symbolisch einmal im Jahr glücklich durch eine für ein paar Stunden abgasfrei ruhige Stadt. Und die anderen besorgen sich symbolische Habachtstellung von Fußgängerinnen, Radfahrern und Schifftouris. Die Achtung-Heli-Sperrungen sind relativ neu, also offenbar sachlich nicht notwendig; gestartet und gelandet wurde dort ja früher auch schon. Aber wir werden uns anpassen. So wie wir uns an dem Gedanken angepasst haben, es sei notwendig, überall immer mit dem privaten Auto hinfahren zu können. Und gelernt haben, dass es in Deutschland wichtig ist, dass diese Autos weiterhin stinken und lärmen dürfen.
Als ich so über meinem Lenker lehnend auf Weiterfahrt wartete, dachte ich mir, dass die Sternfahrt vielleicht doch keine öde Ausfahrt ist, sondern eher eine Zumutung: Sie zeigte, was alles möglich wäre. Wenn man sich nur dazu entscheidet.
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