50. Fahrradsternfahrt: „Das Wichtigste ist das Erlebnis“
Am Sonntag ruft der ADFC zur 50. Fahrrad-Sternfahrt auf. Norbert Rheinlaender war schon beim ersten Mal dabei – mit Begeisterung und nur drei Gängen.
taz: Herr Rheinlaender, Sie haben 1977 die Berliner Fahrrad-Sternfahrt mitbegründet. Sind Sie bei der 50. Sternfahrt am Sonntag auch wieder mit dabei?
Norbert Rheinlaender: Nicht mehr als Radler. Ich stehe für die Bürgerinitiative an einem Stand beim Umweltfestival.
taz: Sie meinen die Bürgerinitiative Westtangente?
Norbert Rheinlaender (78), Architekt und Stadtplaner, hat 1974 die Bürgerinitiative Westtangente mitbegründet und 1977 die erste Sternfahrt in Berlin mit organisiert. Heute ist er immer noch in der Bürgerinitiative aktiv.
Rheinlaender: Ich bin 1972 einer Bürgerinitiative beigetreten, die sich „Bürgerkomitee Verkehrspolitik“ nannte. Mit der haben wir die ersten zwei Fahrrad-Demonstrationen auf dem Kurfürstendamm gemacht. Diese Initiative war nach zwei Jahren erschöpft, aber dann erfuhren wir, dass hinter unseren Wohnhäusern eine Autobahn gebaut werden sollte. Das hat uns motiviert, die Bürgerinitiative Westtangente zu gründen. Es sollte aber nicht nur gegen die Autobahn gekämpft werden, sondern wir wollten auch für den normalen Menschen, der keinen Pkw besitzt, eine Bewegungsform haben.
taz: Und da sind Sie beim Fahrrad gelandet.
Rheinlaender: Genau, deswegen haben wir das Fahrrad in den Vordergrund gestellt und uns überlegt, statt der Autobahn eine Grüntangente vorzuschlagen. Und diese Grüntangente ist im Prinzip das, was heute vom Potsdamer Platz über den Gleisdreieck-Park nach Süden führt.
taz: Damit waren Sie also erfolgreich.
Zehntausende RadfahrerInnen nehmen Jahr für Jahr an der Sternfahrt teil, die seit Langem vom Landesverband des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs (ADFC) organisiert wird. Auch am Sonntag geht es, diesmal unter dem Motto „Die Zukunft fährt Rad“, auf 20 verschiedenen Routen von den Außenbezirken – und auch von weiter weg – zum Großen Stern im Tiergarten.
Zwei Nachttouren starten in Szczecin und Leipzig, aus München, Hannover und Osnabrück sind RadlerInnen schon seit mehreren Tagen unterwegs. Gegen 13 Uhr am Sonntag werden alle Stränge auf der AVUS und dem A100-Südring zusammengeführt, nur zwei kinderfreundliche Routen lassen die Autobahn aus. Am Brandenburger Tor gibt es traditionell die Möglichkeit, sich nach dem Radeln das Umweltfestival anzusehen.
Rheinlaender: Wir brauchten dafür natürlich eine breite Zustimmung in der Bevölkerung, und deswegen haben wir die Sternfahrt initiiert. Die war auch schon beim ersten Mal an einen politischen Ansprechpartner gerichtet, nämlich den Reichstag. Damals war zwar der Bundestag in Bonn, aber die Reichstagswiese war ein Symbol für die Richtung, in die es gehen sollte.
taz: Wie viele Personen konnten Sie damals mobilisieren?
Rheinlaender: Im ersten Jahr haben wir immerhin schon 8.000 Radler auf die Räder gebracht. Im Jahr drauf waren es dann schon 10.000.
taz: Wissen Sie noch, mit welchem Fahrrad Sie 1977 unterwegs waren?
Rheinlaender: Mit einem ganz normalen Dreigangrad. Das war die Fichtel&Sachs-Gangschaltung, das war damals schon die bessere Ausstattung. Es gab natürlich auch welche mit nur einem einzigen Gang.
taz: Inwiefern hat sich die Sternfahrt über die Jahre verändert?
Rheinlaender: Die Sternfahrt ist ja eigentlich eine Protestform. Auch heute gibt es noch Einzelne, die Schilder an ihr Fahrrad machen oder ein Fähnchen, auf das sie ihre Forderungen schreiben. Aber die große Masse empfindet es als Spazierfahrt, teilweise mit Familie und Kindern oder einer Lautsprecherbox vorneweg. Das ist heute ein anderer Charakter als damals.
taz: Braucht es denn immer noch Protest?
Rheinlaender: Ja, der Protest ist weiterhin notwendig. Es gibt immer noch – jetzt im Ostteil der Stadt – diese Verlängerungswünsche und -planungen für die Stadtautobahn A100. Die werden nicht gestoppt, obwohl man inzwischen in der Stadt- und Verkehrsentwicklung weiß, dass der Ansatz falsch ist, den Autoverkehr über zusätzliche Verkehrsflächen flüssig zu kriegen. Egal, wo wir eine Straße verlängern oder eine Spur breiter machen, bekommen wir heute Staus.
taz: Was fordern Sie stattdessen?
Rheinlaender: Man muss den städtischen Verkehr anders organisieren. Wir hatten beispielsweise bis 1967 die Straßenbahn in West-Berlin, dann ist sie abgeschafft worden. Wir wollen, dass heute endlich das Straßenbahnnetz wieder nach Westen kommt. Bei der Autolobby ist aber die Ansicht weit verbreitet, dass die Straßenbahn nicht ins Stadtbild gehört. Deswegen möchten sie U-Bahnen bauen, damit die Straße frei wird für die Autos.
taz: Was macht die Sternfahrt für Sie so besonders?
Rheinlaender: Das Wichtigste ist das Erlebnis für die Radler – dass sie merken, sie sind dem Autoverkehr nicht ausgeliefert und durch andere Radler geschützt. Dass sie in ihrem Tempo fahren können, dass sie in keiner Abgaswolke fahren müssen, dass sie leise fahren können.
taz: Sind Sie heute auch noch mit dem Fahrrad unterwegs?
Rheinlaender: Im Alltag, ja. Auch im Winter. Ich finde auch die Bewegungsform Fahrrad für mich erholsam, also die körperliche Bewegung. Das Fahrrad ist sehr wichtige Form der Mobilität, die so gut wie nur positive Seiten hat, weil sie nicht die Umwelt verdreckt oder stinkt oder Lärm macht. Und weil sie eine kommunikative Form ist, bei der man sich noch von Mensch zu Mensch verständigen kann, auch wenn man nebeneinander fährt.
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