piwik no script img

Freilaufende TroubadixeSie röhren unablässig

Im Hamburger Stadtraum scheinen sich San­geskünst­le­r:in­nen ganz besonders wohl zu fühlen. Pausenlos beschallen sie den Balkon unserer Autorin.

Illustration: Donata Kindesperk / taz

G esang ist ein menschliches Bedürfnis. Jeder von uns trällert, summt, entäußert sich, wenn Laune und Überschwang kicken. Manche tun es zum Selbstzweck, andere wiederum wollen gehört werden und sind dankbar für ein Feedback. An einem Punkt des eigenen Lebens muss je­de:r sich entscheiden: Dusche oder Bühne, Wohnung oder Straße.

Apropos Straße – in den vergangenen Jahren scheint sich die Annahme durchgesetzt zu haben, dass der Hamburger Stadtraum das eine oder andere Stück von Alanis Morissette, Adele, Janis Joplin, Coldplay oder Ed Sheeran vertragen kann.

Unzählige Male hatte man mich in den vergangenen Jahren bedauert, weil ich an einer Hauptverkehrsstraße wohne und daher großer Lärmbelästigung durch Autos ausgesetzt sein müsse. Verkehrslärm ist aber nicht mein Problem.

Die emsigen Sän­ge­r:in­nen auf der anderen Straßenseite neben dem U-Bahn-Eingang sind es!

Sie wählten den Stadtraum!

Gegen meinen Willen!

Natürlich – nichts ist zu sagen gegen eine Musicalausbildung an privaten Instituten.

Etwas so RICHTIG GUT gelernt zu haben, beruhigt so manche:n. Auch die jeweiligen Eltern können dann im Freundeskreis von einer abgeschlossenen Ausbildung berichten. Aber muss tausendfach wiederholt werden, was Tina Turner, 4 Non Blondes und Johannes Oerding bereits vorgelegt haben?

Der Wind trägt die durchgeröhrten Songs der Vortragenden direkt in Richtung meines Balkons. Und sie röhren unablässig. Keine Pause. Klimperklimper – die Münzen der Touristenscharen, die den „Grünen Bunker“ besteigen wollen und daher an den San­geskünst­le­r:in­nen vorbeimüssen, füllen den Gitarrenkasten.

Spontane Idee: Schmerzensgeld!

Was, wenn ich runterginge, den Instrumentenkoffer in einen Jutebeutel entleerte und mich von dannen machte? In diesem Fall könnte ich sogar noch verstehen, wenn kräftiges Bluesgeheule erklänge. Das Geld gäbe ich zwar nicht zurück, aber ich würde vom Balkon aus klatschen.

Nur noch 460 – dann sind wir 50.000

Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – wir brauchen nur noch 460 Freiwillge, dann haben wir es geschafft! Setzen Sie jetzt ein Zeichen für die taz und machen Sie mit. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen

Mehr zum Thema

0 Kommentare