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Der Kanzler in der OperViel mehr als das Wort

Das Publikum hält den Atem an, als Ehrendirigent Zubin Mehta Beethoven anstimmen lässt. Auch ein Gast oben im Rang ist sichtlich bewegt.

Illustration: Donata Kindesperk / taz

S taatsoper, ein Sonntag im Mai. Trubel um den Kanzler im ersten Rang, dann gedimmtes Licht. Vorne wird ein Rollstuhl ans Pult geschoben. Zubin Mehta, Ehrendirigent, 90 Jahre und vier Tage alt.

Zwei kräftige Männer hieven den Maestro behutsam auf einen hohen Stuhl. Falten des Gehrocks glattstreichen. Den Stock, heute Abend überflüssig, an die Lehne hängen. Ein schmerzhaft irdisches Ritual. Das Orchester schweigt. Das Publikum hält den Atem an. Kippt er?

Sein Arm flattert hoch. Millimeterarbeit. Und plötzlich: Schwerelosigkeit. Der Zweifel im Saal verfliegt. Mozart, g-Moll-Sinfonie. Keine tanzenden Schmetterlinge, sondern ein drängendes, fast dunkles Flüstern. Der Dirigent zaubert uns direkt in seinen Himmel.

Nach der Pause sollte es eigentlich Mahler geben. Kurzfristig geändert. Nun also Beethovens Siebte. Was für ein Statement! Aus seinem wackeligen Thron heraus entfesselt dieser greise, schmächtige Mann einen Orkan.

Beethoven statt Mahler

Rauschhafte Rhythmen, ein ekstatisches Pochen, gleißendes Licht. „Die Apotheose des Tanzes“. Die Musiker lesen ihm jede Intention von den zittrigen Fingern ab. 30 Jahre gemeinsame Grammatik. „Musik ist viel mehr als das Wort“, lautet eine seiner Weisheiten. Das Strahlen in Mehtas Gesicht sieht man ihm selbst von hinten an.

Schlussakkord. Da ist sie wieder, die Schwerkraft. Der überreichte Strauß scheint für einen Moment fast zu schwer. Erneut heben die Männer ihn in den Rollstuhl. Er sieht erlöst aus. Stehende Ovationen für einen Maestro, der im Sitzen ein Riese ist.

Oben klatscht der Kanzler. Sichtlich bewegt. Eine lehrreiche Stunde. Wenn er demnächst im Kabinett mit unsichtbarem Taktstock wedelt, um Dissonanzen zu bändigen – wir wissen, woher die Idee stammt. Wahre Autorität braucht keine großen Gesten. Aber das Schweben will gelernt sein. Viel Zeit bleibt nicht. Noch steht er.

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