Fossile Energiekonzerne vor Gericht: Schuldig im Sinne des Klimawandels
Die Klimakrise zerstört Existenzen. Betroffene fordern, dass die Antreiber zur Verantwortung gezogen werden. Helfen soll dabei die Klimaattributionsforschung.
Wer ist schuld, wenn Extremwetter Existenzen zerstört? Eine vergleichsweise junge Wissenschaft kann inzwischen Antworten liefern: die Klimaattributionsforschung. Sie weist nach, welchen Anteil der menschengemachte Klimawandel an konkreten Wetterereignissen hat – und ermöglicht es Betroffenen, Verursacher vor Gericht zur Verantwortung zu ziehen. Das Forschungsfeld hat eine rasante Entwicklung hingelegt.
Was das konkret bedeutet, zeigt ein Fall aus Pakistan. 2022 ereignete sich dort die größte Flutkatastrophe seit Beginn der Wetteraufzeichnungen. Bei Rekordhitze, schnell schmelzenden Gletschern und massivem Monsunregen ging ein Drittel des Landes unter – vier Monate lang.
Knapp zwei Millionen Häuser wurden zerstört, Tausende Menschen starben, mehr als 30 Millionen waren betroffen. Darunter 39 Bäuerinnen und Bauern, die zwei Ernten und damit ihre Lebensgrundlage verloren. Eine Studie der World Weather Attribution (WWA) lieferte wissenschaftliche Belege dafür, dass die Klimakrise dieses Ausmaß wahrscheinlich erst ermöglicht hat.
Ungleich verteilte Verantwortung
Forschende wissen seit den 1960er Jahren, dass die Erhitzung menschengemacht ist. Und sie wissen heute, dass nicht alle Menschen gleich viel dazu beigetragen haben. PakistanerInnen etwa haben im Durchschnitt sehr wenig Treibhausgase verursacht, sind aber besonders stark betroffen. Länder wie die USA oder Deutschland, Konzerne wie Gazprom oder Shell tragen dagegen eine überproportional große Verantwortung, weil sie historisch große Mengen an Treibhausgasen freigesetzt haben.
Wie lässt sich also für konkrete Klimaschäden eine konkrete Verursachung nachweisen? Die Grundlage dafür legte der deutsche Physiker Klaus Hasselmann, der Anfang der 1990er Jahre mit Kollegen aus Japan, den USA und Italien begann zu untersuchen, wie der Klimawandel die Durchschnittstemperaturen auf der Erde beeinflusst – der Beginn der Attributionsforschung. Sie untersucht, wie viel menschengemachter Klimawandel im Wettersystem der Erde steckt. 2021 erhielten Hasselmann und seine Kollegen dafür den Nobelpreis für Physik.
Nach der Jahrtausendwende erschien dann die erste Attributionsstudie zu Extremwetter: Ein Team um den Wissenschaftler Peter A. Stott wies 2004 im Fachjournal Nature nach, dass der menschengemachte Klimawandel die Rekord-Hitzewelle von 2003 deutlich wahrscheinlicher gemacht hatte.
Seither hat sich das Feld rasant entwickelt. „Wir fanden, die Wissenschaft konnte nicht damit weiter machen, einfach nur allgemeine Aussagen über Wetterextreme zu liefern, ohne dabei irgendetwas über einzelne Extremereignisse zu sagen“, steht auf der Webseite der World Weather Attribution, die von der Klimawissenschaftlerin Friederike Otto und ihrem 2022 verstorbenen Kollegen Geert Jan van Oldenborgh gegründet wurde.
Forschung, die vor Gericht führt
Inzwischen führt das WWA sogenannte schnelle Attributionsstudien durch, die wenige Tage oder Wochen nach Extremwetterereignissen veröffentlicht werden. Das Motiv: Die Öffentlichkeit solle Bescheid wissen, dass die Wetterextreme vom Klima getrieben und die Klimakrise bereits stattfindet. „Jahrzehntelang konnten Wissenschaftler die Frage nicht beantworten, ob der Klimawandel für ein bestimmtes Extremereignis verantwortlich ist. Dank der Attributionsforschung ist dies nun möglich“, sagt Theodor Keeping, der für die WWA am Imperial College in London forscht.
Diese Forschung wird zunehmend vor Gericht genutzt. „Die Attributionswissenschaft wird mittlerweile von jenen eingesetzt, die Emittenten zur Rechenschaft ziehen wollen“, sagt Keeping. Das Argument geht so: Wenn eine Studie zeige, dass eine Hitzewelle aufgrund des menschengemachten Klimawandels hundertmal häufiger auftrete, und nachgewiesen werden könne, dass ein Unternehmen für ein Prozent der historischen Emissionen verantwortlich sei, trage es auch ein Prozent der Verantwortung für die Schäden.
In der Hoffnung, dass ein Gericht diesen Zusammenhang anerkennt, verklagten die 39 Bäuerinnen und Bauern aus Pakistan mithilfe des European Center for Constitutional and Human Rights (ECCHR) und der Anwältin Roda Verheyen die zwei größten CO₂-Emittenten Deutschlands vor dem Amtsgericht Heidelberg: den Energieerzeuger RWE und den Zementhersteller Heidelberg Materials.
Verheyen sagt: „Einen Anspruch auf Schadenersatz kann man nur stellen, wenn eine Handlung kausal einen Schaden verursacht. Wir müssen also beweisen, dass die Emissionen dazu beigetragen haben, dass meine Mandanten zu Schaden kamen.“
In anderen Klagen seien solche wissenschaftlichen Gutachten längst gängig. „Bei Schadenersatzklagen wegen Asbest stellten medizinische Gutachten komplexe Kausalzusammenhänge heraus, ohne dass hundertprozentige Sicherheit verlangt wurde – der menschliche Körper ist einfach nicht vollständig erforscht. Warum soll es beim Klimawandel anders sein?“
Lückenlos Ketten nachweisen
Die Forschung bezeichnet dieses Bemühen, eine lückenlose Kette von Verursachern zu Geschädigten nachzuweisen, als Ende-zu-Ende-Attribution – der vorläufige Gipfel einer Entwicklung: vom Nachweis, dass der Klimawandel menschengemacht ist, über die Zuordnung wirtschaftlicher Verluste, Verluste der Artenvielfalt oder gesundheitlicher Schäden aufgrund der Klimakrise bis hin zur Benennung konkreter Verursacher.
„Die Attributionswissenschaft nimmt keine Stellung“, betont Attributionsforscher Keeping. „Wir versuchen wissenschaftlich zu ermitteln, ob der Klimawandel ein Ereignis intensiver oder wahrscheinlicher gemacht hat.“ Meistens sei das der Fall, aber es gebe auch Extremwetter, bei denen der Klimawandel keine Rolle gespielt habe.
Er persönlich hoffe, dass Machthabende immer weniger Möglichkeiten bekämen, den Klimawandel politisch zu ignorieren. Aber: „Die Entscheidung über die Verantwortlichkeit liegt bei den Gerichten und Politikern.“
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