Film-Thriller „The Piano Tuner“: Macht bloß keinen Lärm!
In „The Piano Tuner“ von Daniel Roher muss die Hauptfigur nicht nur Klaviere stimmen, sondern auch Safes knacken. Seinen Mentor spielt Dustin Hoffman.
Dustin Hoffman wird nächstes Jahr neunzig. Er hat aber schon jetzt den Status erreicht, dass sein bloßer Anblick die Kinobesucher*innen nostalgisch stimmt. Fast muss man darauf achten, ihn in der aktuellen Rolle tatsächlich als Figur zu sehen, so sehr ruft seine Erscheinung die Erinnerung an frühere, goldene Zeiten des Kinos hervor. Einschließlich der Wehmut darüber, dass alles sich derzeit so anfühlt, als seien selbige vorbei.
In Daniel Rohers „The Piano Tuner“ spielt Hoffman einen alteingesessenen Klavierstimmer namens Harry Horowitz. Seine reichen New Yorker Kunden davon zu überzeugen, ihre Klaviere stimmen zu lassen, auch wenn sie sie gar nicht benutzen, fällt ihm leicht. Ihren Bitten, doch gleich auch noch nach der Heizung oder dem WiFi-Router zu schauen, begegnet er mit resigniertem Witz und Charme.
Mit dem Hören allerdings tut er sich zunehmend schwer. Weshalb er Niki (Leo Woodall aus der zweiten Staffel von „White Lotus“), einen jungen Mann, an seiner Seite hat, den er jedem, der es hören will, als den besten Klavierspieler vorstellt, den er je erlebt habe.
„The Piano Tuner“. Regie: Daniel Roher. Mit Leo Woodall, Dustin Hoffman u.a. USA/Kanada 2025, 109 Min.
Allerdings setzt Niki sich nie ans Klavier. Seine verheißungsvolle Karriere, so erfährt man später im Film, brach ab, als er auf Lärm „allergisch“ wurde. Niki leitet unter Hyperakusis; er erträgt seine Umgebung nur mit Stöpsel in den Ohren und mit Kopfhörern darüber. Seine ihn vereinzelnde Sonderbegabung bringt in der Paarung mit dem sozial gewieften Harry ein fernes Echo an Barry Levinsons „Rain Man“ von 1988 zurück. Nur dass damals Hoffman der mit der Sonderbegabung war und Tom Cruise ein junger Mann mit großem sozialen Geschick.
Lärm stört ihn sehr
Was Niki und Harry zusammengebracht hat, erzählt der Film nur in Andeutungen. Es ist wohl eher Wahl- als tatsächliche Verwandtschaft, wobei die gegenseitigen Gefühle von Ersatz-Sohn zu Ersatz-Vater und umgekehrt umso echter erscheinen.
Die Gelegenheit, wie Niki aus seiner „Behinderung“ Profit schlagen könnte, lässt nicht lange auf sich warten. Zuerst soll er Harrys Privatsafe öffnen, zu dem der Schlüssel verlegt wurde, leider kurz nachdem Harry ein neues Passwort festlegte, an das er sich aber nicht mehr erinnern kann. Per Internet-Tutorial bringt Niki sich bei, wie man den Code eines Safes erlauscht. Es ist gar nicht so einfach, auch nicht für jemand mit Supergehör. Aber dann schafft er es doch.
Wenig später wird er bei einem Auftrag von Lärm gestört und stößt so auf Uri (Lior Raz aus „Fauda) und seine Männer, die einen Safe mit Gewalt und lauten Geräten öffnen wollen. Uri behauptet, sie täten es in ihrer Mission als Security. Niki traut dem zwar nicht ganz, aber hilft aus, schon allein weil er weiteren Lärm vermeiden will. Und dann ist da auch das Geld, das Uri ihm anbietet. Und von dem er bald noch mehr, noch sehr viel mehr in Aussicht stellt.
Er möchte helfen
Regisseur Daniel Roher hat bereits einen Oscar gewonnen, allerdings für einen Dokumentarfilm, „Navalny“ von 2022. „The Piano Tuner“ ist sein Spielfilmdebüt, für das er mit Robert Ramsey zusammen auch das Drehbuch schrieb. Roher ist gerade mal 33, aber die Art und Weise, wie er seinen Film strukturiert, scheint absichtlich „old school“.
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Trailer „The Piano Tuner“
Der Grund, der Niki zum Safeknacker macht, ist rein altruistisch motiviert: Er möchte Harry und seiner Frau helfen, die mit einer hohen Krankenhausrechnung geschlagen sind. Auch wird gleich schon signalisiert, dass das Ganze nicht lange gutgehen wird. Außerdem kommt in einem romantischen Nebenstrang die forsche, junge Komponistin Ruthie (Havana Rose Liu) ins Spiel.
Das alles fügt sich zu einem kleinen, charakterbetonten Thriller zusammen, der durch sein Figuren-Arsenal besticht und nie ganz ins Klischee absinkt. Er kann es mit den Charakterdramen von früher, mit „Rain Man“ etwa, aber doch nicht wirklich aufnehmen. Zum einen ist Dustin Hoffmans Rolle viel kleiner, als man es erhofft. Zum andern fehlt der Figur von Niki etwas, das ihn jenseits seiner „Sonderbegabung“ wirklich interessant und vor allem: zeitgemäß macht.
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