piwik no script img

Extremismusexperte über Sachsen-Anhalt„Die Zivilgesellschaft braucht Unterstützung von außen“

Es muss jetzt darauf ankommen, demokratische Kerne der Zivilgesellschaft zu erhalten, sagt der Theologe David Begrich – und da helfe: Aufmerksamkeit.

David Muschenich

Interview von

David Muschenich

taz: Herr Begrich, die AfD geht in Sachsen-Anhalt als Wahlsiegerin vom Platz. Was jetzt?

David Begrich: Als Erstes müssen wir sehen, ob die AfD zu einer Machtoption greift und was sie umsetzt. Die Schlüsselfrage wird sein: Gehen AfD und BSW in eine machtpolitische Interaktion? Und als Zweites geht es dann um die Zivilgesellschaft. Die wird ihre Arbeit nur dann halbwegs erfolgreich umsetzen können, wenn es von außen Unterstützung gibt.

Im Interview: David Begrich

geb. 1972 in Erfurt, ist Theologe und Mitarbeiter der Arbeitsstelle Rechtsextremismus bei Miteinander e. V. in Magdeburg

taz: Welche Unterstützung kann es denn von außerhalb Sachsen-Anhalts geben?

Begrich: Dort muss so schnell wie möglich begriffen werden, dass Sachsen-Anhalt kein unbedeutendes, kleines Bundesland ist. Wenn es nach den Vorstellungen der AfD geht, wird Sachsen-Anhalt zum Labor für rechtsautoritäre Politik. Auf kurz oder lang will sie das auf andere Bundesländer oder auf die ganze Bundesrepublik übertragen. Das heißt, wenn es jetzt gelingt, demokratische Kerne in der Zivilgesellschaft zu erhalten, verzögert das die autoritäre Formierung in anderen Regionen.

taz: Aber wie konkret können Menschen unterstützen – indem sie Spenden schicken?

Begrich: Im Augenblick ist Aufmerksamkeit viel wichtiger als finanzielle Mittel. Meine Befürchtung ist, dass Sachsen-Anhalt in einer Woche aus dem Scheinwerferlicht verschwindet. Ich war schon am Wahlabend frustriert darüber, wie im politisch-medialen Betrieb sozusagen zur Tagesordnung übergegangen wurde. In den Gesprächsrunden im Fernsehen wurden Regierungskonstellationen und Eventualitäten erwogen. Was das für ein Bruch mit der politischen Kultur in Deutschland ist, dass eine rechtsextreme Partei mehr als 40 Prozent bekommen hat, wurde nur im Nebensatz verhandelt. Das ist nicht nur ein Problem für die Menschen, die sich in Sachsen-Anhalt für demokratische Kultur engagieren.

taz: Sondern – an wen denken Sie noch?

Begrich: Das wird auch für diejenigen zum Problem, die glauben, dass sie sich in einer Zone der demokratischen Normalität und Sicherheit in Westdeutschland befinden.

taz: Was macht Ihnen am Tag nach der Wahl, trotz allem, Hoffnung?

Begrich: Es gibt in Sachsen-Anhalt ganz viele engagierte Menschen, die ihr Gesicht für die Demokratie in den Wind halten. Wobei, seit gestern ist es kein Wind mehr, sondern ein Sturm. Aber denen mangelt es an Sichtbarkeit. Auch am Wahlabend hatten wir das Phänomen, dass die Deutung aus Berlin, Hamburg oder Frankfurt am Main kam und wenig aus Sachsen-Anhalt. Mein Wunsch ist, dass diejenigen mit großer Reichweite und Deutungsmacht jenen uneigennützig zur Verfügung stellen, die es in den kommenden Wochen brauchen.

taz: Wer braucht diese Unterstützung nun ganz besonders, wenn Sie auf die Personen und Strukturen in Sachsen-Anhalt schauen?

Begrich: Man kann sich da bei uns, also beim Verein Miteinander, oder bei Polilux erkundigen. Da ist etwa der Dachverein Reichenstraße in Quedlinburg, oder der Jugendclub Mood und das Kulturwerk Ost in Gardelegen, die vergangene Woche abgebrannt sind. Die brauchen allein 150.000 Euro, um eine gewisse Basisarbeitsfähigkeit wiederherzustellen.

taz: Die AfD hat nach der Wahl angekündigt, die Vereine in Sachsen-Anhalt sollen sich, sinngemäß, schon mal wappnen. Wie haben Sie sich beim Verein Miteinander darauf vorbereitet?

Begrich: Wir prüfen alle Möglichkeiten, wie wir unsere Arbeit fortsetzen können. Aber noch ist die Situation sehr volatil. Wir müssen noch abwarten.

taz: Ist jetzt die Zeit für manche Menschen, Sachsen-Anhalt zu verlassen?

Begrich: Ich kann gut verstehen, wenn Menschen Angst haben. Ich kann auch Menschen verstehen, die sagen, unter den Bedingungen können sie hier nicht mehr leben. Aber für mich gilt der Satz aus der Bürgerrechtsbewegung der DDR: Wir bleiben hier.

Für mich gilt der Satz aus der Bürgerrechtsbewegung der DDR: Wir bleiben hier

David Begrich

taz: Falls die AfD in Sachsen-Anhalt regieren sollte: Glauben Sie an die These einer Entzauberung der Partei?

Begrich: Die Frage ist, gegenüber wem? Bei der Wählerschaft, die der AfD ideologisch nicht so nahe steht, könnte es einen Prozess der Ernüchterung geben. Aber was kann man sich davon politisch kaufen? Die Wahl ist gelaufen. Daran wird sich so schnell nichts mehr ändern. Bei der Wählerschaft der AfD muss man differenzieren, das sind nicht alles Neonazis. Aber dieses Wahlprogramm, das die AfD „Regierungsprogramm“ nennt, gehört zu den radikalsten, die in der bundesdeutschen Parteiengeschichte aufgeschrieben wurden. Und das hat mehr als 40 Prozent bekommen. Unabhängig von der Frage, ob die Leute das gewählt haben, weil sie es so großartig finden, was da drinsteht, oder ob sie es nur in Kauf genommen haben: Wer der AfD seine Stimme gegeben hat, der wusste, welcher Partei er seine Stimme gegeben hat.

Nach dem Erfolg der AfD bei den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt bangen viele Menschen um die Zukunft, es droht die erste AfD-Regierung. Das wäre eine (weitere) Zäsur für Deutschland. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen

Mehr zum Thema
Fotomontage eines wochentaz-Titels und dem Buchcover „Autoritäre Rebellion“ von Andreas Speit

10 Wochen taz + Sachbuch „Autoritäre Rebellion“

Zeiten wie diese brauchen Seiten wie diese: unabhängig, konzernfrei und mit klarer Kante gegen Faschismus, Rassismus und Rechtsruck. Teste jetzt die taz und erhalte das neue Buch „Autoritäre Rebellion“ von Rechtsextremismus-Experten Andreas Speit als Prämie.

  • Das neue Buch „Autoritäre Rebellion“ von Andreas Speit als Prämie
  • Die wochentaz jeden Samstag frei Haus + digital in der App
  • Die tägliche taz von Mo-Fr digital in der App
  • Zusammen für nur 28 Euro

10 Wochen taz + Buch „Autoritäre Rebellion“

Jetzt bestellen

6 Kommentare

 / 
  • Filou

    So ist nun mal eine demokratische Wahl, wir müssen mit dem Ergebnis leben, egal ob es uns passt oder nicht. Die Wähler entscheiden wem sie das Vertrauen aussprechen und das ist in einer Demokratie auch gut so.

  • Land of plenty

    Ich möchte hinweisen, dass es um kollektiven Narzißmus geht: um die selbstherrliche Selbstidealisierung der Eigengruppe = Volksgemeinschaft durch Entwertung aller Anderen = Feinde, die es zu beseitigen gilt.



    Alle Maßnahmen, die es im Feld des Politischen gibt, werden für diese psychodynamischen Bedürfnisse genutzt. Lesen Sie Erich Fromm. und



    Funk, Rainer, 2020, Flucht ins Autoritäre? Sozial-psychoanalytische Erklärungen gegenwärtiger politischer Entwicklungen nach Erich Fromm. in: Fromm Forum 24, S. 99-123 fromm-online.org/w...K/Funk_R_2020c.pdf



    Funk sagt: Nein, ins Narzisstische.



    Das heißt, die Politik der Afd ist völlig unpolitisch, also gestaltungsfern, sondern rein Fantasia-Land-bezogen und alle die, die angefeindet werden, sind Projektionsobjekt.



    Man muss also auf Kränkungen antworten und psychologisch geschickt vorgehen.



    Begrich fordert zu Aufmerksamkeit und Da(bei)bleiben in S-A. auf. Selbstverständlich. Die ARD-Medien werden weiterhin dauernd auf S-A. und Magdeburg schauen - nur der Fehler ist, dass Siegmund und die Braunen als "normale Politiker" behandelt werden - als ginge es um Dosierungen von Maßnahmen. Das ist grausam - von Markus Lanz.

  • e2h

    "Bei der Wählerschaft der AfD muss man differenzieren, das sind nicht alles Neonazis."



    Die NSDAP-Wählerschaft bestand auch nicht nur aus überzeugten Nazis. Für das Ergebnis - 12 Jahre Naziherrschaft mit Verfolgung, Massenmorden und Krieg - spielte das keine Rolle.



    Alle Wähler wussten, wen sie wählten. Auch jetzt in Sachsen-Anhalt.



    Anscheinend hat die Innerdeutsche Grenze nicht den Osten vor Rechtsextremismus aus dem Westen geschützt, sondern den Westen vor Demokratieverachtung in weiten Teilen der Bevölkerung im Osten. Die Entwicklung in den letzten dreieinhalb Jahrzehnten lässt zumindest den Eindruck aufkommen.



    Die aktuellen Führungsriegen deutscher Parteien bieten zwar genug Anlass für Kritik. Das ist aber keine Rechtfertigung für das Wählen von Rechtsextremen.

  • Minchi

    Zivilgesellschaft schön und gut, aber wenn ich in Sachsen-Anhalt leben würde, würde ich jetzt wegziehen, wenn das irgendwie geht. Weil: Die Hälfte der Bevölkerung, jeder zweite der bei mir im Haus wohnt, 50% meiner Kollegen sind Rechtsextrem, Faschisten oder Neonazis. Da gibt es nicht viel Zivilgesellschaft. Und wenn man sagt, das sind ja nicht alles Neonazis - tja, man kann auch sagen, ich habe die Person nicht vergewaltigt, ich habe sie nur festgehalten. Und selbst wenn nach der nächsten Wahl die AfD wieder auf 20% schrumpfen würde - es bleibt, dass meine Nachbarn Rechtsextreme sind und bereit sind, so ein System an die Macht zu bringen. "„Nicht Hitler hat mich verhaftet, nicht Göring, nicht Goebbels. Der Greißler, der Hausmeister, der Schneider, der Schuster, der Bäckermeister, die haben auf einmal eine Uniform gekriegt, eine Hakenkreuzbinde, und da waren sie die Herrenrasse…“ (Karl Stojka)

  • Šarru-kīnu

    "Wir bleiben hier" habe ich auch mal gerufen 89 und die Fraktion die damals "Wir wollen raus!" gegen uns skandierten, wählen heute wahrscheinlich mehrheitlich AfD. Ironie der Geschichte vermutlich.



    Die AfD wird jetzt in Sachsen Anhalt die hoffentlich dann letzte Enttäuschung der Ostdeutschen durch die Demokratie der Bonner Republik. Danach kommt dann hoffentlich ein konstruktiverer Ansatz zur Selbstverwaltung. Jedes Ende, jeder Zusammenbruch und jede Krise trägt bereits den Keim für etwas Neues, Hoffnungsvolles oder Transformatives in sich. Ich hoffe nur es braucht nur eine Legislaturperiode um den Wählern die Augen zu öffnen.

    • e2h

      @Šarru-kīnu:

      Die, die so mutig wie Sie waren, waren leider 1989 eine kleine Minderheit.



      Ich war im Januar 1989 bei den 3. Tagen der jiddischen Kultur in Berlin Weissensee als Zuschauer. Nach dem "offiziellen" Programm gings in die Kellerkneipe. Im Gespräch waren die Fragen "Wie soll es weiter gehen? Wie verändern wir die Gesellschaft?"



      Da waren sich - so mein Eindruck - alle bewusst, dass sie eine kleine Minderheit sind.



      Die Mehrheit der Bevölkerung tickte anders, wollte Konsum, träumte vom Schlaraffenland, das es angeblich im Westen gab. Denen war Demokratie ziemlich egal... Kohl kriegte sie dann auch mit den versprochenen blühenden Landschaften geködert - nicht mit Freiheit...