Expertin über Islamismus im Internet: „Die Realität wird verzerrt und potenziert“
Islamisten nutzen längst auch KI-Programme, um in den sozialen Medien zu rekrutieren, sagt Expertin Jamuna Oehlmann. Der Staat müsse Druck auf Plattformbetreiber machen.
taz: Frau Oehlmann, es ist fast drei Wochen her, dass Abdul B. mit seinem Transporter in die Menschen am Rande des Berliner CSD gepflügt ist. Inzwischen wissen wir, dass er Propaganda-Videos für den IS im Netz verbreitete. Welche Rolle spielen soziale Medien für Islamisten?
Jamuna Oehlmann: Wie jede neue Technologie wissen Extremisten auch das Internet für sich zu nutzen. Als Al-Qaida-Mitglieder vor 25 Jahren die Flugzeuge ins World Trade Center lenkten, war mitgedacht, dass Fernsehsender die Tat in die ganze Welt tragen würden. Heute übernehmen die sozialen Medien diese Rolle. Es gibt Accounts islamistischer Akteure, die mit ihren Posts teils hunderttausende Follower erreichen.
taz: Wen genau meinen Sie mit dem Begriff „islamistischer Akteur“?
Oehlmann: In Deutschland sind es oft Gruppierungen wie Hizb ut-Tahrir, die Seiten betreiben von Untergruppierungen wie etwa „Generation Islam“, „Realität Islam“ oder „Muslim Interaktiv“. Letztere hat das Bundesinnenministerium zwar Ende 2025 verboten, die anderen beiden Seiten gibt es unter anderem Namen aber weiter. In den Posts treten dann Einzelpersonen auf, die man sich wie normale Influencer vorstellen kann. Das Spektrum reicht dabei von solchen legalistisch auftretenden Gruppen bis zu einzelnen, oft salafistisch geprägten Influencer:innen ohne feste Organisation. Gemeinsam ist ihnen das Ziel, ein junges Publikum zu erreichen und für ihre Ideologie zu gewinnen.
ist Geschäftsführerin der Bundesarbeitsgemeinschaft religiös begründeter Extremismus (Bag RelEx). Dabei handelt es sich um einen Dachverband von Organisationen, die sich in der Islamismus-Prävention und Demokratieförderung engagieren. Oehlmann war bis Mitte November 2025 Mitglied der Taskforce Islamismus-Prävention des Bundesinnenministeriums. Die Taskforce wurde von CSU-Innenminister Alexander Dobrindt inzwischen abgesägt.
taz: Wie muss man sich einen islamistischen Influencer vorstellen? Mit Matcha Latte?
Oehlmann: Die Islamisten wissen, nach welcher Logik soziale Medien funktionieren: Leute wollen einzelnen wiedererkennbaren Personen folgen, die sie charismatisch oder sympathisch finden. Hanna Hansen ist ein gutes Beispiel. Sie war früher Boxerin und Model, jetzt ist sie islamistische Influencerin.
taz: Islamismus wird ansonsten ja eher als männliches Phänomen wahrgenommen.
Oehlmann: Es gibt deutlich mehr Männer, die aktiv islamistischen Content produzieren und konsumieren. Aber der Islamismus spricht gezielt auch Frauen an und gibt ihnen eine scheinbar aktive, selbstbestimmte Rolle. Wir wissen, dass viele Islamistinnen sich selbst dazu entscheiden, zu konvertieren, Nikab zu tragen und sich in diese Welt zu begeben. Die Kanäle, die sich an Frauen richten, nutzen oft eine eigene Bildsprache, die sich um klischeehaft weibliche Themen dreht, etwa die Frage, wie man eine gute Ehefrau ist.
taz: Im Gegensatz zum Fernsehen ist in sozialen Medien nicht klar verteilt, wer Inhalte produziert und wer sie konsumiert. Erleben wir eine Art Demokratisierung des Islamismus?
Oehlmann: In gewissem Sinn ja: Anders als im Fernsehen ist die Grenze zwischen Produzierenden und Konsumierenden im Netz fließend – wer heute zuschaut, kann morgen selbst kommentieren oder eigene Inhalte teilen. Die großen, öffentlichen Posts sind meist der erste Kontaktpunkt und erreichen sehr viele Menschen. Darunter, in den Kommentarspalten, entsteht der eigentliche Austausch: Dort treten islamistische Akteure gezielt mit Interessierten oder verunsicherten Personen in Kontakt.
Die wirklich eindeutigen Inhalte finden sich dagegen seltener öffentlich, eher in Direktnachrichten oder geschlossenen Gruppen, etwa auf Telegram oder auf Gaming-Plattformen wie Roblox. Dorthin wird man oft erst eingeladen, wenn man in den Kommentaren aufgefallen ist oder Interesse gezeigt hat.
taz: Welche Rolle spielt eigentlich KI-generierter Content?
Oehlmann: Das ist wieder eine neue Technologie, die islamistische Akteure dankend annehmen und für sich nutzen. Sie arbeiten im großen Stil mit künstlicher Intelligenz.
taz: Wie muss man sich das vorstellen?
Oehlmann: Es geht um simple Bilder und Videos, die sich häufig um Untergangsfantasien drehen oder einfache Gut-Böse-Botschaften transportieren. Solcher Content lässt sich durch KI mit sehr wenig Aufwand in großer Zahl produzieren. Man tippt ein paar Stichworte in ein KI-Tool und hat kurz darauf ein fertiges Bild oder Video. Gleichzeitig lassen sich die Posts in wenigen Sekunden übersetzen und so viel mehr Menschen erreichen.
taz: Und inhaltlich?
Oehlmann: In den Posts wird oft die Realität aufgegriffen, aber verzerrt und potenziert. So wird etwa ein reales, ohnehin erschütterndes Foto eines Vaters in Gaza mit seinem toten Kind zu einem Foto mit drei toten Kindern verändert. Es wird eine noch heftigere Version kreiert, um die emotionale Wirkung zu verstärken. Das wird dann mit islamistischen Erzählungen verbunden.
taz: Gaza spielt also weiterhin eine große Rolle für islamistische Rekrutierung?
Oehlmann: Der Nahostkonflikt war schon vor dem 7. Oktober 2023 ein wichtiges Mobilisierungsthema. Und was seitdem geschah, wird noch lange nachhallen. Auch Diskriminierungserfahrungen bleiben, genauso wie das Gefühl vieler Muslime, in Deutschland nicht dazuzugehören.
taz: Und das ist dann Grundlage der Radikalisierung?
Oehlmann: Längst nicht jeder, der islamistische Posts sieht, radikalisiert sich. Wichtig sind oft persönliche Faktoren, die dazu kommen. Teils steht eine Identitätskrise am Anfang, zum Beispiel bei Menschen, die nach Deutschland geflohen sind und nicht richtig Fuß fassen. Oder es gibt einen anderen Bruch in der Biografie, etwa wenn jemand einen Freund verliert oder ein Elternteil. Radikalisierung ist immer komplex und multikausal.
taz: Abdul B. scheint sich in einem Konflikt mit seinem Vater befunden zu haben.
Oehlmann: Solche Faktoren führen nicht automatisch zu Radikalisierung. Aber es kann sein, dass Leute dann an den falschen Stellen neuen Halt suchen. Umgekehrt wissen islamistische Akteure genau, wie sie Leute in solchen Situationen in den sozialen Medien ansprechen müssen. Wie man ihnen das Gefühl gibt, dazuzugehören.
taz: Islamisten inszenieren sich als traditionell, antimodern und antiwestlich. Wie passt das zusammen mit der Nutzung von KI als moderner westlicher Technik, die riesige soziale Umwälzungen mit sich bringen könnte?
Oehlmann: Das wird pragmatisch gesehen: Da wird zwar rhetorisch gegen „den Westen“ und seine Technik gewettert, gleichzeitig aber ganz selbstverständlich mit KI-Tools produziert, mit TikTok-Filtern gearbeitet und auf Plattformen wie Instagram oder Telegram kommuniziert. Der Widerspruch wird kaum reflektiert, weil der Zweck, möglichst viele Menschen zu erreichen, über die Konsistenz der eigenen Ideologie gestellt wird.
taz: Wie lässt sich Islamismus in den sozialen Medien bekämpfen?
Oehlmann: Es gibt Organisationen, die eigenen Content produzieren, um über Islamismus aufzuklären. Andere gehen gezielt in die Kommentarspalten und versuchen, gefährdete Personen zu identifizieren und mit ihnen ins persönliche Gespräch zu kommen, etwa in privaten Chats. Es geht darum, ihnen ein Alternativ-Angebot zum Islamismus zu machen.
taz: Hören desorientierte Jugendliche wirklich auf Sozialarbeiter:innen, die ihnen in die DMs sliden, also aus dem Nichts Privatnachrichten schreiben?
Oehlmann: Menschen radikalisieren sich aus ganz unterschiedlichen Gründen, deshalb brauchen wir auch unterschiedliche Angebote, um sie zu erreichen. Es geht nicht darum, jemandem ungefragt hinterherzuschreiben oder zu belehren – solche aufsuchende Online-Arbeit funktioniert nur, wenn sie freiwillig, niedrigschwellig und glaubwürdig ist.
In einem Fall kann es sein, dass man auf Instagram auch nichtislamistische Posts zu der Frage findet, ob man als Muslima Nagellack tragen darf. Bei einer anderen Person braucht es den Kommentar einer Sozialarbeiterin, der einen gefährdeten Jugendlichen erreicht. Das Problem ist aber, dass wir mit unseren Angeboten in den sozialen Medien den gleichen Mechanismen unterliegen wie die islamistischen Accounts, die wir bekämpfen.
taz: Wie meinen Sie das?
Oehlmann: Wir können gute Inhalte produzieren, aber am Ende ist es vom Algorithmus abhängig, ob das auch jemand sieht. Die Algorithmen belohnen vor allem Inhalte, die stark emotionalisieren und polarisieren – da sind die extremistischen Accounts strukturell im Vorteil. Die Plattformbetreiber müssten mehr Verantwortung übernehmen und uns verlässliche Möglichkeiten geben, mit unserem Content die Menschen zu erreichen, um die es geht. Und es wäre wichtig, extremistische Inhalte schneller zu löschen.
taz: Braucht es mehr staatliche Regulierung?
Oehlmann: Deutschland und die EU haben es lange versäumt, das Internet als einen Raum zu begreifen, für den man Regeln vorgibt. Konkret würde es schon helfen, wenn Plattformen zu kürzeren Löschfristen für extremistische Inhalte verpflichtet würden, wenn Präventionsprojekte verlässlichen, auch finanziellen Zugang zu Reichweite bekämen und wenn es mehr Transparenz darüber gäbe, nach welchen Kriterien Algorithmen solche Inhalte verbreiten oder eben nicht. Vorerst würde es aber auch schon helfen, wenn der Staat mehr Geld zur Verfügung stellen würde. Wir könnten dann Werbeplätze für die Präventionsangebote kaufen.
taz: Bundesbildungsministerin Karin Prien (CDU) hat gerade 5 Millionen Euro zusätzlich für Islamismus-Prävention versprochen.
Oehlmann: Die Art der Verteilung ist wichtig. Es gibt viele hochprofessionelle Organisationen in Deutschland, die Islamismus-Prävention machen. Man sollte ihnen die Chance geben, größer zu denken. Das lässt die Logik der Projektförderung in Deutschland aber aktuell nicht zu. Im Moment müssen sich die Organisationen ständig neu erfinden, um immer wieder neue Fördergelder einzuwerben. Und wie die Projekte künftig ausgewählt werden, ist nach der jüngsten Reform des Förderprogramms „Demokratie Leben!“ auch unklar.
taz: Wie ginge es besser?
Oehlmann: Die Bundesregierung sollte die zentralen Akteure der Islamismus-Prävention an einen Tisch holen und mit ihnen eine langfristige Strategie erarbeiten, die auch dauerhaft finanziert wird. Das sollte auch staatliche Stellen und die Universitäten miteinschließen. Im Moment laufen Präventionsarbeit durch die Zivilgesellschaft, Forschung und die sicherheitspolitischen Maßnahmen weitgehend getrennt. Mit einer gemeinsamen Strategie könnten wir vor die Welle kommen.
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