Evolutionsbiologie: Warum wir wegen früherer Peinlichkeiten erschaudern
Peinliche Momente holen uns Jahre später unter der Dusche ein – was Scham mit Lebendigkeit zu tun hat.
M anchmal stehe ich unter der Dusche und plötzlich fühle ich mich in peinliche Momente zurückversetzt, als seien sie gerade erst passiert. Als ich in der Kantine das gesamte Schälchen Bananenquark über mir entleerte und alle mich anstarrten. Als ich versäumte, die Fahrkarte zu entwerten und vor der Kontrolleurin in Tränen ausbrach. Als ich den Namen des Kollegen zum dritten Mal vergaß. Als ich noch kellnerte und zwei Gläser Aperol Spritz über das blütenweiße Gucci-Kleid der Frau goss. Dann fließt das heiße Wasser an mir runter, aber ich kriege Gänsehaut.
Peinlichkeit und Scham sind evolutionsbedingt, lerne ich im Internet. Im Gehirn werden ähnliche Areale getriggert, wie wenn wir Schmerzen fühlen. Das soll uns helfen, gesellschaftliche Regeln einzuhalten, Konflikte zu entschärfen, es soll unser Zusammenleben in Gruppen sichern.
Es gab sogar mal ein psychologisches Experiment, bei dem den Teilnehmer:innen zwei Videos gezeigt wurden, in denen ein Mann einen Stapel Klopapierrollen im Supermarkt umstößt. Dem einen Mann ist es wahnsinnig unangenehm, der andere Mann zeigt keine Reaktion. Das Ergebnis: Die Probanden hatten deutlich mehr Mitleid mit dem peinlich berührten Mann. Sie hätten ihm sogar geholfen, die Rollen wieder zu stapeln. Scham zeigen hilft dem Gegenüber also auch beim Verzeihen.
In der Steinzeit soll es lebensnotwendig gewesen sein, Scham zu empfinden, vermuten Wissenschaftler:innen. Wenn man im Alleingang versuchte, ein Tier zu erlegen, dann aber von der ganzen Gruppe gerettet werden musste, macht man das aus Scham wahrscheinlich kein zweites Mal. Aber heute unter der Dusche stehen und beim Gedanken an den Bananenquark schaudern, ist das nicht übertrieben?
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Kleinkinder popeln ungeniert in der Nase
Kleinkinder können sich noch nicht schämen. Sie popeln sich ungeniert in der Nase, sie brabbeln im Bus laut rum, sie zeigen auf fremde Menschen. Erst wenn sie ein Gefühl für sich selbst entwickeln und sich als eigenes Wesen begreifen, werden ihnen Missgeschicke peinlich. Das passiert mit eineinhalb bis zwei Jahren.
Ab dann sind wir ziemlich gut darin, Dinge für peinlich zu erklären. Es ist peinlich, das Preisschild auf einem Geschenk zu vergessen. Laut pupsen ist peinlich. Menstruieren ist peinlich, deshalb werden Tampons im Büro oft von einer geballten Faust in die andere gegeben. Sogar jemanden nett grüßen und dann merken, dass es die falsche Person ist, ist peinlich.
Noch so eine Situation, die sich in mein Hirn gebrannt hat: Ich bin auf dem Spielplatz, etwa vier Jahre alt und renne in die Arme meiner Mutter. Dann stelle ich fest, dass sie das gar nicht ist, sondern eine fremde Frau. So peinlich!!! Ich renne weg.
Meine Oma, die für mich immer ein guter Kompass ist, hat mir deshalb etwas geraten, als ich mich zu lange mit einer Peinlichkeit aufgehalten habe: „Wenn dir etwas peinlich ist, merkst du, dass du lebst.“ Es gibt so viele Momente im Alltag, in denen ich einfach existiere, meint sie damit. Ich tippe und scrolle und spüle ab, ich liege rum, räume auf und fühle dabei meistens ziemlich wenig.
Wenn ich dann aber in der Bahn sitze und denke, oh, da hinten steht Tom, ich wie wild winke und dann merke, dass das gar nicht Tom ist, ziehe ich meinen Arm langsam zurück und hoffe, dass es niemand bemerkt hat. Dann wird mir warm vor lauter Peinlichkeit, mein Körper kribbelt ein bisschen. Aber ich spüre, dass ich lebendig bin.
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