Eröffnungsfilme von Venedig: Männer, die große Räder drehen wollen
Die Filmfestspiele eröffnen mit Danny Boyles Boulevardpressedrama „Ink“. Jurypräsidentin Maggie Gyllenhaal beklagt den Mangel an Frauen im Wettbewerb.
Foto: Studiocanal SAS & Danny Boyle
Die 83. Filmfestspiele von Venedig sind eröffnet. So weit, so normal. Am Mittwoch, dem ersten Tag des Festivals, gab es auch eine Pressekonferenz. Das war dieses Jahr nicht ganz so normal. Nach einigem Hin und Her, im Verlauf dessen vorübergehend gemeldet worden war, sie fiele vollständig aus, wurde sie dann doch wie ursprünglich vorgesehen abgehalten.
Jurypräsidentin Maggie Gyllenhaal äußerte sich in der Konferenz unter anderem zu der Frage, ob Filme politisch sein sollten. Gyllenhaal meinte dazu, dass Filme unvermeidlich politisch seien. Was für sie insbesondere mit Empathie zu tun habe. Sie beklagte andererseits, dass es im Wettbewerb bloß einen Film gebe, bei dem eine Frau allein Regie geführt habe, „Woman Unknown“ der dänisch-ägyptischen Regisseurin May el-Toukhy. „Damit wäre endgültig klar, dass Männer die besseren Filme machen als Frauen“, lautete ihr sarkastischer Kommentar.
Der Eröffnungsfilm des Wettbewerbs, „Ink“, war zwar von Danny Boyle und folglich von einem Mann, ob er als herausragend in die Geschichte des Kinos eingehen wird, ist jedoch fraglich. Boyle erzählt von einer Wende in der Zeitungsgeschichte Ende der sechziger Jahre. Die geordneten Verhältnisse in der Londoner Pressemeile Fleet Street, wo die großen Zeitungen saßen, wurden damals durcheinandergewirbelt: Der Unternehmer Rupert Murdoch kaufte 1969 die Boulevardzeitung The Sun, um in den englischen Zeitungsmarkt einzusteigen. Sie stieg danach zur auflagenstärksten Zeitung des Landes auf.
Boyle adaptiert in seinem Film das gleichnamige Stück des Dramatikers James Graham, in dem Murdoch (Guy Pearce) den Journalisten Larry Lamb (Jack O’Donnell) anheuert, um die Zeitung als Chefredakteur in Murdochs Sinne umzukrempeln. Boyle erzählt zunächst den Rekrutierungsprozess, beginnend mit Lamb, der darauf sein Team im Alleingang zusammenstellen muss. Schon hier greift Boyle auf sein bewährtes Hochgeschwindigkeitserzählen zurück, das er besonders erfolgreich in „Trainspotting“ (1996) erprobt hat.
Wie eine auf Hochtouren laufende Druckwalze
Schnelle Schnitte, Titelseiten blitzen immer wieder mal kurz zwischen den Bildern der Handlung auf, dazu empfiehlt sich die motorisch voranprenschende Rockmusik des Soundtracks als das akustische Äquivalent einer auf Hochtouren laufenden Druckwalze. Pearce und O’Donnell überbieten sich währenddessen als Männer, die große Räder drehen und dabei meistens cool bleiben. Was wie eine koksselige Feier des Schundjournalismus beginnt, offenbart im Verlauf der Handlung mehr und mehr, was für menschliche Nebenkosten der unaufhaltsame Erfolg hat. Das ist ohne Hängepartie unterhaltsam. Hinterher hat man aber einen leichten Kater.
Von einem etwas anderen Medienthema handelt der Eröffnungsfilm der Nebenreihe Orizzonti, „La ragazza con la Leica“ (Das Mädchen mit der Leica) von Alina Marazzi. Sie erinnert mit ihrem Film an die deutsche Fotografin Gerda Taro, die mit ihrem Kollegen und Partner Robert Capa in den dreißiger Jahren im Exil in Paris lebte und den Widerstand im Spanischen Bürgerkrieg dokumentierte, dort aber 1937 an der Front starb.
Auch Marazzi arbeitet mit schnellen Schnitten, setzt viel Archivmaterial zwischen ihre Szenen, oft geht das eine fließend in das andere über. Dass der Funke gleichwohl nicht recht überspringen mag, liegt vor allem an der biederen Inszenierung der eigentlichen Handlung, die an eine durchschnittliche Fernsehproduktion denken lässt. Insbesondere Emilia Schüle spielt den Part von Gerda Taro mit einer aufgesetzten „Kessheit“, die ihre Figur fast trotzig-dumm erscheinen lässt. Die Chance, eine weniger bekannte historische Persönlichkeit mit einem Film auf Augenhöhe zu würdigen, blieb ungenutzt.
Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen
meistkommentiert