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Filmfestspiele von VenedigLiebe ist möglich

Bei den Filmfestspielen von Venedig kommt es zum koreanischen Klassen-Clash. Und dänische Nazikollaborateure fürchten, dass sie nach der Befreiung auffliegen.

Menschen, die Geheimnisse voreinander haben. Da wäre zunächst der koreanische Regisseur Lee Chang-dong, der in Venedig mit einem scheinbar geradlinigen Beitrag im Wettbewerb von Venedig angetreten ist. „Possible Love“ erzählt von zwei ungleichen Paaren, die durch ein Dokumentarfilmprojekt zusammengeführt werden: Die Filmemacherin Ye-ji (Cho Yeo-jeong) begleitet entlassene Fabrikarbeiter, um ihre Schicksale festzuhalten. Dabei trifft sie auf den arbeitslosen Ho-seok (Sul Kyung-gu) und dessen Frau Mi-ok (Jeon Do-yeon), die selbst in einer Fabrik angestellt ist.

Ye-ji ist fasziniert von dem schweigsamen Ho-seok und der aufgeschlossenen Mi-ok. Schon bald besucht sie die Familie zu Hause, man scheint sich anzufreunden. Mi-ok zeigt sich derweil beeindruckt von Ye-jis reichem Ehemann Sang-woo (Zo In-sung). Der erinnert sie an Steve Jobs, für den sie seinerzeit eine Schwäche hatte, Sang-woo macht allerdings irgendwas mit Hedgefonds.

Lee Chang-dong, der insbesondere für seinen Spielfilm „Burning“ von 2018 international gefeiert wurde, entfaltet dieses soziale Mikroexperiment von „Possible Love“, bei dem Arme und Reiche eine unerwartete Nähe zueinander aufbauen, entlang der Dreharbeiten zu Ye-jis Film. Alle Figuren wirken für sich erst einmal sympathisch, Ye-ji bezeugt mit ihrem Engagement ernsthaftes Interesse, Mi-ok scheint für Sang-woo und dessen selbstbewusst höfliche Art geradezu zu schwärmen, und selbst der von seiner Lage traumatisierte Ho-seok erweckt in seiner eingepanzerten Hilflosigkeit durchaus Rührung.

Von Anfang an streut Lee Chang-dong jedoch Details, mit denen er diese vermeintliche Harmonie stört. Schon in einer der ersten Szenen, bevor die Paare sich überhaupt kennengelernt haben, filmt Ye-ji auf einer Trauerfeier für einen verstorbenen Fabrikkollegen von Ho-seok. Als dieser einen Ausraster bekommt, rückt sie ihm extra mit der Kamera zuleibe, bis Ho-seok sich empört. An anderer Stelle bewundert Mi-ok das elegante Hemd von Ye-ji, um sie wenig später darauf hinzuweisen, dass solch ein Outfit für den Dreh bei einer Gewerkschaft etwas unpassend ist.

Erst am Ende läuft die Sache aus dem Ruder

Der aufdringliche Blick, für den Ye-jis Kamera symbolisch steht, zieht sich wie ein Leitmotiv durch den Film. Er dient Lee Chang-dong vor allem dazu, die eigentlichen Beweggründe der Beteiligten offenzulegen. Selbstverständlich kann die Sache auf Dauer nicht gut gehen, richtig aus dem Ruder läuft sie aber erst am Ende. Diesen Bogen mehr als zweieinhalb Stunden tragen zu lassen, ist kein kleines Verdienst von „Possible Love“.

Geheimnisse hat auch Marie (Mathilde Arcel) in „Kvinde ukendt“ (Unknown Woman) von May el-Toukhy, die als einzige alleinige Regisseurin im Wettbewerb vertreten ist. Marie, ein Hausmädchen, steht kurz davor, ihren Hausherrn, einen Fabrikbesitzer, zu heiraten. Es ist 1945, kurz nach Ende der deutschen Besatzung.

Dann begegnet Marie auf der Straße unvermittelt einem alten Schulfreund, der sie nötigt, mit ihm etwas trinken zu gehen. Bei dem Treffen deutet er an, dass sie während des Kriegs von einem Deutschen schwanger wurde, freiwillig. Er spürt als Teil des Widerstands Nazikollaborateure wie sie auf, droht ihr indirekt.

Marie muss bald schon erklären, warum es ein Hakenkreuz an der Haustür gibt und warum über sie im Haus getuschelt wird. May el-Toukhy inszeniert die Geschichte vor gediegen historischer Kulisse, in der die Figuren einander mit stocksteifer Förmlichkeit begegnen. Die alarmierte Marie spielt Mathilde Arcel mit verkniffener Ängstlichkeit. Sie ist leider eine der wenigen entwickelten Figuren. Der Rest des Personals bleibt dafür recht eindimensional.

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