Ermordung einer Elfjährigen: Vorwurf Behördenversagen mit tödlichem Ausgang
Die Tragödie eines Kindermords erschüttert Frankreich. Der mutmaßliche Täter war den Behörden durch zahlreiche Anzeigen seit Jahren bekannt.
Die Ermordung einer Elfjährigen sorgt in Frankreich für Schockwellen. Dass der mutmaßliche Mörder der elfjährigen Lyhanna der Justiz wegen mehrerer Klagen bekannt sein musste, aber bis dahin unbehelligt blieb, schockiert in Frankreich die Bevölkerung und auch die Staatsführung. Diese steht vor einem unbestreitbaren Fiasko: Die Behörden haben in ihrer Mission, Minderjährige vor Sexualverbrechern zu schützen, versagt. In den Medien und in der Politik wird der Skandal ohne Skrupel ausgeschlachtet.
Am 29. Mai sah man auf den Bildschirmen das Gesicht eines lächelnden Mädchens mit dem Namen Lyhanna. Noch galt die gesuchte Elfjährige als vermisst. Die Bilder der Überwachungskameras bestätigten bald den Verdacht, dass sie von einem Erwachsenen beim Verlassen ihrer Schule in Fleurance im südwestlichen Departement Gers entführt worden war. Ein 41-jähriger Mann gab an, er habe Lyhanna in seine PKW mitgenommen und zum Schwimmbad gefahren, wo sie ausgestiegen sei. Er kannte Lyhanna, denn er ist der Vater einer ihrer Schulfreundinnen. In Polizeihaft weigert er sich, auf Fragen zu antworten.
Eine Woche später wurde in einem Getreidesilo eine Kinderleiche entdeckt. Die schlimme Ahnung wurde zur Gewissheit, es handelte sich um Lyhanna. Zuvor schon gab die Persönlichkeit des Tatverdächtigen Anlass zu Diskussionen. In den Medien wurde er anfänglich nur mit Initialen genannt, inzwischen zirkuliert der volle Name samt Foto in allen Sendungen und Zeitungen. Und je mehr über sein Vorleben bekannt wird, desto mehr erscheint die Justiz in einem höchst unerfreulichen Licht.
Jérôme B. ist zwar nicht vorbestraft, war aber der Justiz seit Jahren wegen Verdachts auf Verführung von Minderjährigen, sexueller Gewalt sowie mindestens zwei Anklagen wegen Vergewaltigung von Kindern unter 15 Jahren bekannt und deswegen registriert. 2017 wurde ein Verfahren gegen ihn wegen einer Beziehung mit einer 17-Jährigen eingestellt, weil die Jugendliche ihr Einverständnis gegeben habe. 2021 wurde er von einer Schule entlassen, bei der er als Reinigungskraft beschäftigt war, weil er mit „anstößigem“ Verhalten und anzüglichen Botschaften an Schülerinnen aufgefallen war.
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Der Justizminister bittet um Entschuldigung
2022 wurde gegen ihn eine Anzeige wegen Vergewaltigung einer Minderjährigen unter 15 eingereicht, doch da die Anschuldigung angeblich nicht hinreichend stichhaltig begründet war, wurde kein Strafverfahren eingeleitet. Im August 2025 folgte eine erneute Anzeige wegen Vergewaltigung einer Minderjährigen, dieses Mal belegt mit medizinischem Gutachten. Da sich die Vorfälle in einem anderen Gerichtsbezirk ereignet hatten, musste das Dossier von einer Justizbehörde an die andere überstellt werden. Es blieb vorerst liegen, und nochmals blieb der Angeschuldigte unbehelligt.
Im Februar 2026 soll er sich wieder an einer Elfjährigen vergangen haben. Die Justiz wurde informiert, eine Strafklage konnte der Vater des Opfers aber erst jetzt am 3. Juni einreichen. Und zuvor hat Jérôme B. höchstwahrscheinlich auch noch Lyhanna entführt und getötet. Die Gerichtsbehörden, die sich offenbar über die ganze Vorgeschichte nicht informiert hatten, erwogen angeblich erst, ihn zur Befragung vorzuladen.
All das findet auch Justizminister Gérald Darmanin nicht normal, er hat eine administrative Untersuchung angeordnet und Lyhannas Eltern für das Versagen der Behörden um Entschuldigung gebeten. Staatspräsident Emmanuel Macron äußerte sich auf seiner Reise nach Montenegro empört über eine peinliche „Panne“ des Justizsystems. Die Regierung steht unter Druck.
Frankreichs völlig überlastete Gerichte klagen über Personalmangel. Doch liegt in diesem Fall nicht dennoch ein sträfliches Versagen vor? Ein Teil der Medien und vor allem Vertreter der politischen Rechten prangern eine zuständige Staatsanwältin an und beschuldigen pauschal eine angeblich „links“ politisierte Justiz, zu wenig hart zu sein.
Der Fall Lyhanna wird zu einem Politikum in Frankreich. Der Präsidentschaftskandidat der Konservativen, Bruno Retailleau, fordert die chemische Kastration von Sexualverbrechern. Auch der Rechtspopulist Jordan Bardella will härter durchgreifen. Er hat damit in den Popularitätsumfragen gleich mehrere Punkte hinzugewonnen. Lyhannas Eltern wünschten nicht, dass am Trauermarsch am Sonntag politische Persönlichkeiten teilnehmen.
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