Erde steckt in Wasser-Insolvenz: UN-Bericht fordert radikalen Wandel
Vielerorts nutzen Menschen mehr Wasser, als Regen und Flüsse ihnen zur Verfügung stellen. Ein UN-Bericht fordert deswegen ein Umdenken.
Der globale Mangel an Süßwasser ist so dramatisch, dass die Universität der Vereinten Nationen die Welt als „Wasser-bankrott“ bezeichnet. In einem neuen Bericht schreibt sie, in großen Teilen des Planeten verbrauchten Menschen mehr Wasser, als durch Regen und Schneeschmelze nachkommt. So beuten sie das „ersparte“ Grundwasser aus, das mancherorts Tausende Jahre zum Wiederauffüllen braucht.
„Unser Girokonto, das Oberflächenwasser, ist leer“, sagte der Berichtsautor Kaveh Madani, der an der UN-Universität forscht. „Das Sparbuch, das wir von unseren Vorfahren geerbt haben, Grundwasser, Gletscher und so weiter: Auch das ist erschöpft.“ Weltweit seien Symptome des „Wasser-Bankrotts“ zu sehen.
Dem UN-Bericht zufolge leben drei Viertel der Weltbevölkerung in Regionen, die nicht das ganze Jahr über sicheren Zugang zu Wasser haben. 4 Milliarden Menschen erleben mindestens einen Monat lang starke Wasserknappheit. 2 Milliarden Menschen leben auf Böden, die absinken, weil Grundwasser führende Gesteinsschichten kollabieren, die sogenannten Aquifere.
Von einer Wasserkrise zu sprechen, sei nicht mehr genug, heißt es im Bericht. „Krisen“ seien kurzfristig zu durchstehen, um danach wieder zum Normalzustand zurückzukehren. Doch „die langfristige Nutzung von Wasser hat erneuerbare Zuflüsse überschritten, was zu einer unwiderruflichen Schädigung geführt hat.“ Wasserversorgung und das Funktionieren von Ökosystemen könnten nicht überall wiederhergestellt werden.
Regionale Unterschiede bleiben wichtig
„Die unzureichende globale Wassersicherheit ist in vielen Regionen kein Ausnahmezustand mehr, sondern ein sich stetig verschlechternder Dauerzustand“, sagte Rike Becker, Forscherin am Imperial College London, dem Science Media Center (SMC). Das sollte jedoch „nicht ein Gefühl der Resignation und des Scheiterns auslösen“. Nationale und lokale Ansätze böten häufig die wirksamsten und schnellsten Lösungen, weil sie an regionale Bedürfnisse angepasst seien.
Auch Thorsten Wagener von der Universität Potsdam betonte gegenüber dem SMC, dass der Begriff „Wasser-Insolvenz“ zwar eine gute Zusammenfassung der Situation sei, aber die großen regionalen Unterschiede wichtig seien. „Es ist für das Thema Wasser schwierig, die Welt mit einem Mittelwert zu beschreiben“, sagte er.
Deutschland zum Beispiel habe „generell mehr Wasserangebot, als wir nutzen“. In Regionen wie Brandenburg gebe es jedoch immer wieder Wasserprobleme, die sich „in trockenen Jahren auch auf ganz Deutschland oder sogar Europa ausbreiten können“.
Becker sieht den deutschen Wasserverbrauch noch aus einem anderen Grund kritisch, denn er finde „überwiegend im Ausland statt“. Über 80 Prozent des deutschen Wasserverbrauchs sei „importiertes“ Wasser aus Ländern wie Indien, Pakistan und Ägypten.
Damit ist gemeint, dass Waren und Lebensmittel unter zu hohem Wasserverbrauch im Ausland hergestellt und dann in Deutschland verkauft werden. Dadurch „tragen wir wesentlich zur Übernutzung von Aquiferen, zu hohen Grundwasserentnahmen und Wasserverschmutzung in anderen Regionen bei“.
Wasserkonflikte eskalieren immer häufiger
Zwar sei nicht jedes Land Wasser-bankrott, sagte Madani, aber „Wassersysteme sind durch Handel, Migration, Klimafolgen und geopolitische Abhängigkeiten miteinander verbunden“.
1,2 Milliarden Menschen leben dem UN-Bericht zufolge in Regionen, deren Landwirtschaft unter starkem Wassermangel leidet. 170 Millionen Hektar Ackerland – in etwa so viel Fläche wie Deutschland, Frankreich, Spanien und Italien zusammen – stehen unter Wasserstress. Besonders angespannt sei die Situation im Nahen Osten, Nordafrika und Südasien.
Konflikte um Wasser nehmen deshalb stark zu: 2014 waren es laut dem Bericht etwa 70, 2024 schon über 400. Zunehmend kollabiere darüber hinaus in Städten die Wasserversorgung, wie zum Beispiel im vergangenen Herbst im iranischen Teheran, wo eine Dürre die ohnehin überlastete Wasserversorgung der Stadt nahezu zum Erliegen brachte. Ähnliche Fälle habe es im südafrikanischen Kapstadt, im indischen Chennai und im brasilianischen São Paulo gegeben.
Die zunehmende Erderhitzung verstärkt laut dem Bericht all diese Trends, weil Gletscher, die Süßwasser speichern, schmelzen und Umschwünge zwischen extrem trockenem und extrem nassem Wetter zunehmen.
Lokale Lösungen nicht vergessen, warnt Forscherin
Um dem neuen Zustand des „Wasser-Bankrotts“ etwas entgegensetzen zu können, fordern Madani und sein Team eine Neuausrichtung des globalen Umgangs mit Wasser: Es müsse anerkannt werden, dass einige kaputte Wassersysteme nicht zu reparieren seien, dass künftige Schäden unbedingt zu vermeiden seien und dass Gerechtigkeit im Zentrum der Wasserpolitik stehen müsse.
Zum Beispiel gebe es bestimmte landwirtschaftliche Praktiken, die in einem Wasser-Bankrott schlicht nicht mehr möglich sind. Zum Beispiel müssten bestimmte Flächen, die nur mithilfe von intensiver Bewässerung Ertrag abwerfen, aufgegeben werden. Die Bäuer*innen dürften dann aber nicht alleingelassen werden, sondern bräuchten Hilfe in Form von Expertise und Krediten beim Übergang zu anderen Formen der Landwirtschaft oder sogar zu neuen Jobs wie im Ökotourismus.
Rike Becker, Imperial College London
Der UN-Bericht konzentriert sich in seinen Lösungsvorschlägen stark darauf, weltweit einen Bewusstseinswandel herbeizuführen und in den verschiedenen UN-Prozessen zu verankern. Dieser Fokus auf eine globale Agenda, warnt die Londoner Forscherin Becker, sei risikoreich: „Angesichts der aktuellen geopolitischen Situation sind schnelle, global abgestimmte politische Entscheidungen wohl kaum realistisch“, sagte sie. „Da der Handlungsdruck hoch und die Herausforderungen lokal sehr unterschiedlich sind, dürfen lokale Wassermanagement-Anstrengungen nicht in den Hintergrund geraten.“
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