piwik no script img

Erbschaftssteuerkonzept der SPDPurer Pragmatismus – und das ist gut so

Stefan Reinecke

Kommentar von

Stefan Reinecke

Das neue SPD-Papier zur Erbschaftssteuer klingt wie ein Wellness-Programm für die obere Mittelschicht. Deshalb hat es auch mehr Chancen auf Erfolg.

Die Grundregel des Pragmatismus lautet: Der Spatz in der Hand ist besser als die Taube auf dem Dach Foto: Metodi Popov/imago

M an kann an dem SPD-Konzept zur Erbschaftsteuerreform einiges kritisieren. Wer künftig 900.000 Euro im Leben erbt und obendrauf noch ein Haus, in dem er wohnt, muss keinen Cent Steuern zahlen. Bisher gilt für Kinder ein Steuerfreibetrag von 400.000 Euro plus Immobilie. Der wird für viele faktisch verdoppelt. Das klingt wie ein Wellness-Programm für die obere Mittelschicht.

In die gleiche Richtung geht die 5-Millionen-Grenze für Betriebe. Die SPD will damit viele reiche Mittelständler komplett von der Erbschaftsteuer befreien. Falls dieses Konzept umgesetzt wird, können viele Wohlhabende in Deutschland sich künftig anstrengende Meetings mit Steuerberatern sparen.

Außerdem machen sich die GenossInnen an einem entscheidenden Punkt einen schlanken Fuß. Wie hoch der Steuersatz für große Erbschaften sein soll, ist unklar. Das will man erst in Verhandlungen mit der störrischen Union klären. Von der Höhe des Steuersatzes aber hängt ab, ob wirklich mehr Geld in die Kassen der Bundesländer fließen wird.

Das Logo der taz: Weißer Schriftzung t a z und weiße Tatze auf rotem Grund.
taz debatte

Die taz ist eine unabhängige, linke und meinungsstarke Tageszeitung. In unseren Kommentaren, Essays und Debattentexten streiten wir seit der Gründung der taz im Jahr 1979. Oft können und wollen wir uns nicht auf eine Meinung einigen. Deshalb finden sich hier teils komplett gegenläufige Positionen – allesamt Teil des sehr breiten, linken Meinungsspektrums.

Dieses Konzept ist pure Realpolitik und folgt der Logik des Machbaren. Und das ist aus zwei Gründen richtig: Die Erbschaftsteuer ist unbeliebt. Viele empfinden sie als unangemessenen Eingriff des Staates in das Private – und zwar im Moment des Todes eines Angehörigen. Deshalb ist es naheliegend, das Ganze hübsch zu verpacken, die Reform als Vereinfachung zu verkaufen und mit einfach merkbaren Slogans wie „Steuerfrei bis zu einer Million“ zu operieren.

Es braucht das Wohlfühlprogramm für Besserverdiener

Zweitens: Es ist nötig, die Erbschaftsteuerreform mit einem Wohlfühlprogramm für Besserverdiener zu verknüpfen. Denn die SPD legt sich mit diesem Konzept mit dem Verband der Familienunternehmer an, der schlagkräftigsten Lobby von Konzernen hierzulande. Die will unbedingt, dass milliardenschwere Erben weiterhin keinen Euro Steuern bezahlen müssen. Die üblichen Verdächtigen malen bereits den Untergang der deutschen Wirtschaft an die Wand, sollte sich die SPD durchsetzen. Dass die SPD eine Stundung der Erbschaftsteuer von bis zu 20 Jahren vorschlägt, fällt dabei unter den Tisch.

Die Grundregel des Pragmatismus lautet: Der Spatz in der Hand ist besser als die Taube auf dem Dach. Sie hat in diesem Fall viel für sich. Das politische System der Bundesrepublik ist schwergängig und auf Kompromiss geeicht, gerade bei einer Ländersteuer. Es bringt nicht viel, sinnvolle Forderungen zu erheben, wie es die SPD mal mit dem „Erbe für alle“ probiert hat, und die bei dem ersten Widerstand fallen zu lassen, wie ein Spielzeug, das man nicht mehr haben will.

Die ineffektive Erbschaftsteuer ist ein zentraler Grund, warum die Vermögensungleichheit in Deutschland immer rasanter wächst. Es ist Zeit, dagegen etwas zu tun. Nicht in Seminaren, sondern in der Regierung. Deshalb ist das SPD-Konzept nicht halbherzig, sondern klug. Es adressiert auch Unions-WählerInnen, die steuerfreiem Erben skeptisch gegenüberstehen. Allerdings braucht die SPD, will sie Erfolg haben, Standfestigkeit und einen langen Atem. Weiß Finanzminister Lars Klingbeil das schon?

Gemeinsam für freie Presse

Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen

Stefan Reinecke
Korrespondent Parlamentsbüro
Stefan Reinecke arbeitet im Parlamentsbüro der taz mit den Schwerpunkten SPD und Linkspartei.
Mehr zum Thema

11 Kommentare

 / 
  • Das sind doch nur Wahlkampfparolen .



    Bei näherer Betrachtung nur WischiWaschi , wie der Bericht gut beschreibt .



    Reiche werden weiterhin reicher und auf Arme



    wird weiter fröhlich herumgetrampelt.



    Die SPD ist und bleibt so sozialdemokratisch



    wie die CSU sozial ist , nur dem Namen nach.

  • Welcher Logik folgt die Regelung, dass neben dem Familienfreibetrag der Erbe eines Einfamilienhauses dafür von der Erbschaftssteuer befreit wird, weil er das Glück hat, am selben Ort



    zu arbeiten und deshalb ins Haus einziehen kann, während der Erbe, der nicht am Ort von „Oma kleinem Häuschen“ Arbeit hat und deshalb nicht einziehen kann, kräftig zur Erbschaftssteuerkasse



    gebeten wird, der Unterschied in den teuersten Metropolen wie



    München oder Hamburg können schon mal 2 Mio Erbschaft sein.



    Ist die Logik: haben wir immer schon so gemacht?



    Außerdem kann der Wert von „Oma ihr klein Häuschen“ je nach Lage



    um Millionenwerte differieren. Wahrscheinlich will die SPD nicht alle



    Wähler verschrecken, es ist aber eine nicht zu rechtfertigende Ungleichbehandlung von Erben, die Privilegierung an das Selbstbewohnen zu binden.

  • Die Argumentation der SPD könnte so einfach sein:



    Wir wollen die unteren und mittleren Einkommensbezieher entlasten (gemeinsames Ziel im Koalitionsvertrag); damit fehlen Milliarden im Haushalt und als Ausgleich müssen Superreiche jetzt endlich auch Erbschafts- und Schenkungssteuer zahlen.

  • Gehen wir erstmal von dem Freibetrag von 400.000 Euro aus, den es fuer Kinder gibt, wenn sie von einem Elternteil erben. Dieser Freibetrag ist seit ca 2008 nicht mehr geaendert worden. Holt man die Anpassung an die Inflation nach, haben wir schon einen Freibetrag von knapp 600.000 Euro.



    Geht man bei 2 Elternteilen von 2 Erbschaften aus, stuenden dem Kind jeweils inflationsbereinigt knapp 600000 Euro Freibetrag pro Elternteil zu.



    Die SPD will das Gegenteil: Nicht aus 400k 600k pro Elternteil, also 1200 k fuer beide Eltern, sondern aus 400k 900k insgesamt. Fuer mich laeuft das auf eine effektive Reduzierung hinaus, und nicht auf eine Verdoppelung wie der Autor schreibt.

    Ein Haus bzw eine Wohnung ist nur dann erbschaftssteuerfrei, wenn der Erbe 10 Jahre selbst drin wohnt. Kann er das nicht, zB weil das Haus am anderen Ende von Deutschland steht oder es mehrere Erben gibt, die nicht alle einziehen koennen, ist das Haus nicht erbschaftssteuerfrei bzw nur teilweise. Einfach zu schreiben 400 Tsd bzw 900 Tsd Freibetrag plus Haus passt zwar gut Sinne des Artikels, stimmt aber haeufig nicht.

  • Das ist alles so gottserbärmlich.



    Ich denke nur an die Millionen von Erwerbstätigen, die sich tagtäglich dafür einsetzen, dass Deutschland funktioniert. Viele tun das, weil sie einfach bloß ums Überleben kämpfen. Viele tun das weil sie es als ihre Aufgabe und Pflicht anerkennen und Steuern zahlen, weil sie es logisch finden, das man/Frau Steuern zahlt, weil das so ist und weil es nur so funktionieren kann und muss. Und viele davon leben "mittelmäßig" und können sich nichts groß gönnen, aber sie wollen ihre Steuern bezahlen, weil sie wissen, dass das notwendig ist, weil sonst das Land, ihr Land, vor die Hunde geht.



    Und dann sind da die anderen. Die, die sich als die Privilegierten, die Auserwählten betrachten. Die, die in ihrem Leben teilweise noch nie gearbeitet haben, die, die in einer Welt des Luxus groß geworden sind. Daran ist ja auch nichts auszusetzen, weil das System, das wir (fast) alle akzeptiert haben, so funktioniert. Wenn aber genau diese Menschen sich angegriffen fühlen, sich diffamiert fühlen, weil sie es nicht einsehen, für ihr Land ihren Beitrag zu leisten, der ihr Dasein um nichts schmälern würde und die Politik sie auch noch verteidigt, dann stimmt was nicht.

  • Ob die csdU das auch so sieht? Erste Reaktionen aus dieser Richtung lassen Zweifel aufkommen. Es wäre ja irgendwie ein Erfolg der sPD und das kann die Union nun gar nicht zulassen....

  • Es geht noch pragmatischer: Die Erbschaftssteuer einfach abschaffen, siehe Beispiel Schweden u.a.. Das geschah in Schweden aufgrund der Erfahrung negativer wirtschaftlicher Auswirkungen dieser Steuer sogar mit den Stimmen der Kommunisten. Seither prosperiert das Land nicht trotz der Zunahme von sehr Vermögenden sondern wegen mehr Millionären und Milliadären. Solche Gedanken sind aber scheinbar in Deutschland grundsätzlich verpönt. Ideologie ist wichtiger.

    • @Gerald Kolb:

      oder noch pragmatischer: wie in Japan auf bis zu 55% erhöhen. Oder Südkorea. Denen geht es deswegen auch nicht schlechter.



      Nur so als Vorschlag.



      Warum soll Ungerechtigkeit durch Pragmatismus legitimiert werden?

  • Erbschaftsteuer



    ist in Deutschland für viele ein Synonym für Ungerechtigkeit. Die SPD versucht, damit vermutlich bei der kaum noch existierenden Arbeiterschaft zu punkten, da sie in absehbarer Zukunft ohnehin mit ehemaligen FDP-Mitgliedern eine Interessengemeinschaft anstrebt.



    Mit geerbten Häusern generieren Reiche lediglich ihren bestehenden Reichtum weiter. Dafür Steuern zahlen zu müssen, wird von manchen als Einschränkung von Freiheit und Menschenrechten empfunden.



    Grundsätzlich sind Deutsche spendenfreundlich, am liebsten jedoch bei einem Live-TV-Galaabend – idealerweise moderiert von Barbara Schöneberger.



    Vielleicht, statt Erbschafts-Steuer, wären Erbschafts-Galaabende mit den Lieblingsstars der Bürgerinnen und Bürger eine neue Idee, um Bildung in Ländern und Kommunen zu finanzieren.

  • Lernt endlich sparen statt ausgeben



    Warum überlegen sich "linke" Parteien fast immer nur wo noch mehr Geld herkommen soll, selten aber wie man sparen könnte. Die meisten Bürger müssen sparen, weil sie keine neuen Einnahmequellen haben, so sollte es auch jede Partei tun.



    Und damit das auch gesagt ist: Die CDU/SPD Regierung ist mit ihrem, Unwort des Jahres (Sondervermögen) der größte Geldverschwender überhaupt. Gebracht hat es bis jetzt gar nichts, außer dass die Rheinmetall-Aktie durch die Decke geht.



    Diese Regierung vergrault immer mehr Wähler, leider landen viele am falschen braunen Ufer.

  • Ertrinkende schlagen im Todeskampf um sich, genauso ist es hier mit der SPD ! Der Rahmen der Erbschaftsteuer, wie und für wem, wird durch das anstehende Urteil des Bundesverwaltungsgericht vorgegeben, danach muss die Politik das umsetzen. Dieser Vorstoß der Oppositionspartei mit Regierungsverantwortung, aus Wahlkampfgründen oder purer Selbstdarstellung, sorgt nur wieder für Streit in der Koalition von dem nur die radikalen Parteien von Rechts und Links profitieren.