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Energiekrise in SüdkoreaZu lange an Öl und Gas festgehalten

Fabian Kretschmer

Kommentar von

Fabian Kretschmer

Die Energiekrise in Südkorea macht es vor: Wer zu lange an Fossilen festhält, zahlt jetzt einen hohen Preis. Das sollte Europa eine Warnung sein.

Der Iran-Krieg treibt auch in Südkorea die Spritpreise in die Höhe Foto: Lee Jin-man/AP/dpa

W er die Energiewende verschläft, wacht mit einem dröhnenden Kater auf. Es sei nun der Zeitpunkt gekommen, „grundlegende Veränderungen im südkoreanischen Wirtschaftssystem vorzunehmen“, räumte Präsident Lee Jae Myung am Ende der Woche ein. Der Krieg im Nahen Osten bedrohe die Wirtschaft des Landes erheblich, und die derzeitige Krise müsse man daher auch als Chance begreifen.

Die Worte Lees sind von bemerkenswerter Klarheit, kommen sie doch einem Schuldeingeständnis gleich: Viel zu lange hat Seoul auf das energiepolitisch falsche Pferd gesetzt, nämlich Öl aus dem Nahen Osten. Bis zu drei Viertel aller Rohölimporte stammen aus jener jetzt vom Krieg betroffenen Region, und das absolute Gros wird über die Straße von Hormus verschifft – eine Abhängigkeit, die sich nun rächt. Doch es ist auch eine Einsicht, die reichlich spät kommt.

Während viele Staaten die Energiewende in den vergangenen Jahren unter großen Anstrengungen vorangebracht haben, hinkte Südkorea stets hinterher. Im Climate Change Performance Index (CCPI), der jährlich von einem internationalen Zusammenschluss aus NGOs herausgegeben wird, landet der ostasiatische Tigerstaat auf dem 63. von 67 Plätzen – direkt vor Russland und den USA. Doch stolz gab die Regierung diese Woche bekannt, dass man bis Ende des Jahrzehnts immerhin 20 Prozent des landesweit verbrauchten Stroms aus erneuerbaren Energien generiere. Tatsächlich handelt es sich um ein wenig ambitioniertes Ziel.

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Dabei hätte das Land am Hangang durchaus gute Voraussetzungen: viele Sonnenstunden und starke Winde an den Küsten. Doch erneuerbare Energien wurden stets als Luxusproblem abgetan, um das man sich nicht kümmern könne. Schließlich ist Südkorea erst vor wenigen Generationen der bitteren Armut entflohen. Die Alten erinnern sich noch an Zeiten, als selbst Grundnahrungsmittel knapp waren und die Lebensumstände unwürdig. Alle Anstrengungen wurden dem raschen Wirtschaftswachstum unterworfen – die Nebeneffekte bereitwillig ignoriert

Dabei ist Südkorea ganz besonders stark von den Folgen des sich wandelnden Klimas betroffen. Die schwülheißen Sommermonate sorgen für immer mehr Hitzetote, Dürreperioden bedrohen die Ernten der Landwirte. Und nun merkt man auch, dass es geopolitisch keine kluge Idee war, die eigene Energiesicherheit in die Hände autokratischer Ölstaaten zu legen.

Südkoreas Energiekrisenszenario sollte eine Warnung für Europa und ebenso für Deutschland sein. Öl und Gas auch künftig aus kriegs- und krisengeschüttelten Regionen beziehen zu wollen, ist keine kluge Entscheidung, weder ökonomisch noch ökologisch. Infolge zu teurer fossiler Kraftstoffe im Winter kalte Wohnungen zu haben und Hitzetote im Sommer, vielleicht auch knappe Grundnahrungsmittel – das will schließlich auch niemand in Deutschland.

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Fabian Kretschmer
Korrespondent in Südkorea
Seit 2024 Korrespondent für die koreanische Halbinsel und China mit Sitz in Seoul. Berichtete zuvor fünf Jahre lang von Peking aus. Seit 2014 als freier Journalist in Ostasien tätig. 2015 folgte die erste Buchveröffentlichung "So etwas wie Glück" (erschienen im Rowohlt Verlag), das die Fluchtgeschichte der Nordkoreanerin Choi Yeong Ok nacherzählt. Betreibt nebenbei den Podcast "Beijing Briefing". Geboren in Berlin, Studium in Wien, Shanghai und Seoul.
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16 Kommentare

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  • Demos am Samstag 18. April in Berlin/Hamburg/Köln/München. Gemeinsam setzen wir ein Zeichen für die Energiewende – gegen fossile Lobbypolitik und für eine saubere, sichere Zukunft. erneuerbare-energi...teidigen.de/demos/ (unterstützt u.a. von Campact, Fridays for Future, Greenpeace, DUH, WWF, BUND, NABU, BBEn, SFV, DGS). Forderungen: mehr Tempo beim Ausbau von Sonne- und Windkraft, schnell mehr Verteilnetze und Speicher und eine Digitalisierung der Stromnetze, eine starke europäische Energiewende-Industrie, weniger Steuern auf Strom für alle und günstigeren Strom für Wärmepumpen, soziale Förderung und Mieter*innen-Schutz für bezahlbares, klimafreundliches Heizen.

  • Es ist keine „Energiekrise“, es ist eine „Öl- und Gaskrise“.



    Bitte benennt das auch so wie‘s ist, denn Strom wird billiger (solange er nicht aus Gaskraftwerken kommt) und die verursachenden Energieträger sollten auch klar benannt werden.

  • Was Deutschland anbetrifft: Wie in verschiedenen Medien zu lesen ist, versteht es die Fossilindustrie, selbst von Kriegen zu profitieren und Übergewinne zu erzielen. Auch das Finanzkapital freut sich. Hohe Volatilität bringt mehr Profit bei den Wetten. Preise von Öl steigen oder Fallen so schnell, dass es mit der tatsächlich verfügbaren Menge nichts zu tun hat.

    Da nun Politiker/innen, die aus der Gas- und Finanzwirtschaft kommen das Land regieren, wird es kein bisschen Umdenken geben. Am ehesten kommt eine Erhöhung der Pendlerpauschale. Das würde auch den Ölmultis zugute kommen und deren Umsätze sichern.

    Für eine Weiterentwicklung zu einer nachhaltigen sozialen Marktwirtschaft und einer Politik für die das Gemeinwohl im Vordergrund steht, muss man darüber nachdenken, wie unsere Demokratie wieder demokratischer werden könnte. Es ist ein systemisches Problem.

    • @nothingness:

      Unsere Demokratie wird niemals "demokratischer" solange Leute wie Reiche, Spahn, Merz, Weidel, Chupalla oder Söder in irgendeiner Form mitwirken....

  • „… Südkoreas Energiekrisenszenario sollte eine Warnung für Europa und ebenso für Deutschland“



    Einige europäische Nachbarn haben vergangene Ölkrisen und den Klimawandel bereits zum Anlass genommen, um die Energie-, Wärmeerzeugung sowie Mobilität und Landwirtschaft anzupassen.



    Deutschland hat sich nach der Ölkrise in den 70ern dagegen systematisch von Gas und Öl abhängig gemacht. Und tut dies weiter. Und fällt durch die fossile Politik von schwarz-Rot weiter ins europäische Mittelfeld ab.



    Insofern sollten wir uns als Deutsche erstmal an die eigene Nase und Heizung fassen, bevor wir uns über andere Ländern Gedanken machen.



    Die sind uns teilweise weit voraus.

    • @hsqmyp:

      Genau das ist richtig. Jedoch wird immer noch und immer wieder gegen alles GRÜNE gehetzt. Dabei haben die in der Ampel wenigstens versucht, ein Umdenken und -handeln zu erreichen. Diese kleinen Fortschritte werden von Lobbyist*innen à la Reiche und Merz allerdings gleich wieder zertreten.

  • Erneuerbare Energien sind und waren immer Freiheitsenergien. Leider kapieren das sehr viele erst unnötig schmerzhaft und viel zu spät.

    Und nein, entgegen einem anderen Kommentar, Atomkraft ist weder erneuerbar, noch eine Freiheitsenergie, sondern schafft dieselben Abhängigkeiten wie fossile Energien.

  • Interessanter Beitrag. Dann hat der Krieg, aus dem das Mullah-Regime wohl gestärkt hervorgehen wird, doch noch einen positiven Effekt für die Welt.



    USA auf Platz 65 des CCPI? Wenn das die Zahlen aus dem letztem Jahr sind, wird es nach Trumps Rückbau der Erneuerbaren noch schlimmer kommen ...

  • Einfach mal im Energiemonitor auf Zeit.de ganz nach unten scrollen. Dahin wo sonst niemand hinscrollt. Dahin, wo die guten Nachrichten aufhören. Da, wo nicht mehr nur über Haushaltsstrom geredet wird. Mal die Statistiken von Verkehr, Industrie und Gewerbe anschauen...



    Da wird klar, es wird noch hunderte Jahre dauern... Das sieht katastrophal aus. Brutale Fakten!



    Deshalb ist eben jede Meldung von Klimaneutralität 2030 und dergleichen immer nur auf Haushaltsstrom bezogen..

    • @Petzi Worpelt:

      Mich wundert, wie viele immer noch den Verkündigungen galuben, dass das ein Naturgesetz sei, obwohl auch die Wirtschaft längst angefangen hat, gegen den politischen Unwillen anzuinvestieren, teilweise selbst die Stahlindustrie, für die der Einstieg sehr teuer ist. Anscheinend sehen sie die Unterlassung doch schon als in der Zukunft teurer. Auch Eon steigt längst ein, betreibt aber mit Hilfe seiner Ministerin weiterhin Abschreckkung und lässt sich die Gesetze so schreiben, dass sie sich den Markt möglichst exklusiv einverleiben zu können. Die Frau vertritt nicht die deutsche Wirtschaft, nicht mal eine Sparte, sondern anscheinend tatsächlich nur diesen einen Konzern. Sie arbeitet gegen die Zukunft und die Bevölkerung ist ihr egal.

      • @Christine_Winterabend:

        Entschuldigung, in meinem Beitrag oben ist ein Fehler: REiche vertritt nicht nur den Konzern und nicht nur die Sparte, sondern viel mehr, wie Lobby Control mittteilt:



        table.media/ceo/ne...-effizienz-novelle

  • Der Krieg in der Ukraine mit den jeweiligen Konsequenzen hätte selbst Politiker mit niederer Intelligenz, aufzeigen müssen das wir mit größter Kraft in Richtung erneuerbaren Energie, hätten diesen Weg weiter forcieren und intensivieren müssen, denn der Bürger scheint das wahre Problem nicht wirklich in seiner letzten Konsequenz verstehen zu können. Wir haben jetzt wieder eine Regierung die wieder besseres wissen auf die fossile Energien setzt, der einfältige Bürger wird halt wieder den Preis dafür bezahlen müssen, selbst schuld kann man dazu nur sagen. Ich habe dafür keinerlei Mitleid und Verständnis mehr, denn nur die dümmsten Kälber wählen ihren Metzger selber. Momentan läuft alles nach immer der selben Schleife der ( Selbsterfüllende Prophezeiung ), das Leben jedes einzelnen wird immer schlechter. Das Phänomen, bei dem sich eine selbst aufgestellte Vorhersage bewahrheitet, wird in der Psychologie und Soziologie als selbsterfüllende Prophezeiung bezeichnet. Dies beschreibt eine Rückkopplungsschleife, bei der eine anfängliche, oft unbewusste Erwartung oder Annahme über ein zukünftiges Ereignis das eigene Verhalten so beeinflusst, dass genau diese Vorhersage tatsächlich eintritt.

  • "... dass man bis Ende des Jahrzehnts immerhin 20 Prozent des landesweit verbrauchten Stroms aus erneuerbaren Energien generiere. Tatsächlich handelt es sich um ein wenig ambitioniertes Ziel."

    Damit sind die Koreaner nicht schlechter als Deutschland, weil sie schon 30% aus Kernenergie produzieren und weiter ausbauen. Sie wollten zwar aussteigen, sind im letzten Moment aber zur Vernunft gekommen.

    • @Descartes:

      So wie alle anderen auch. Da wir das Gas in Norddeutschland nicht fracken kaufen wir es jetzt zu Weltmarktpreisen in den USA ein. Mit mieser Umweltbilanz und sehr teuer. Aber warum CO2/KWh senken wenn man auch extrem hohe Stromkosten bei mehr als 300g/KWh CO2 Ausstoß haben kann?

    • @Descartes:

      Unabhängig ist man dadurch nicht. Eine eigene Uran-Anreicherung findet in Südkorea nicht statt. Endlager gibt’s auch keine.

      • @TOM1976:

        Ich gehe davon aus, dass Südkorea in Zukunft selbst Uran anreichern wird. Es gibt entsprechende Bestrebungen das Abkommen mit den USA anzupassen.