Energiekrise in Südkorea: Zu lange an Öl und Gas festgehalten
Die Energiekrise in Südkorea macht es vor: Wer zu lange an Fossilen festhält, zahlt jetzt einen hohen Preis. Das sollte Europa eine Warnung sein.
W er die Energiewende verschläft, wacht mit einem dröhnenden Kater auf. Es sei nun der Zeitpunkt gekommen, „grundlegende Veränderungen im südkoreanischen Wirtschaftssystem vorzunehmen“, räumte Präsident Lee Jae Myung am Ende der Woche ein. Der Krieg im Nahen Osten bedrohe die Wirtschaft des Landes erheblich, und die derzeitige Krise müsse man daher auch als Chance begreifen.
Die Worte Lees sind von bemerkenswerter Klarheit, kommen sie doch einem Schuldeingeständnis gleich: Viel zu lange hat Seoul auf das energiepolitisch falsche Pferd gesetzt, nämlich Öl aus dem Nahen Osten. Bis zu drei Viertel aller Rohölimporte stammen aus jener jetzt vom Krieg betroffenen Region, und das absolute Gros wird über die Straße von Hormus verschifft – eine Abhängigkeit, die sich nun rächt. Doch es ist auch eine Einsicht, die reichlich spät kommt.
Während viele Staaten die Energiewende in den vergangenen Jahren unter großen Anstrengungen vorangebracht haben, hinkte Südkorea stets hinterher. Im Climate Change Performance Index (CCPI), der jährlich von einem internationalen Zusammenschluss aus NGOs herausgegeben wird, landet der ostasiatische Tigerstaat auf dem 63. von 67 Plätzen – direkt vor Russland und den USA. Doch stolz gab die Regierung diese Woche bekannt, dass man bis Ende des Jahrzehnts immerhin 20 Prozent des landesweit verbrauchten Stroms aus erneuerbaren Energien generiere. Tatsächlich handelt es sich um ein wenig ambitioniertes Ziel.
Die taz ist eine unabhängige, linke und meinungsstarke Tageszeitung. In unseren Kommentaren, Essays und Debattentexten streiten wir seit der Gründung der taz im Jahr 1979. Oft können und wollen wir uns nicht auf eine Meinung einigen. Deshalb finden sich hier teils komplett gegenläufige Positionen – allesamt Teil des sehr breiten, linken Meinungsspektrums.
Dabei hätte das Land am Hangang durchaus gute Voraussetzungen: viele Sonnenstunden und starke Winde an den Küsten. Doch erneuerbare Energien wurden stets als Luxusproblem abgetan, um das man sich nicht kümmern könne. Schließlich ist Südkorea erst vor wenigen Generationen der bitteren Armut entflohen. Die Alten erinnern sich noch an Zeiten, als selbst Grundnahrungsmittel knapp waren und die Lebensumstände unwürdig. Alle Anstrengungen wurden dem raschen Wirtschaftswachstum unterworfen – die Nebeneffekte bereitwillig ignoriert
Dabei ist Südkorea ganz besonders stark von den Folgen des sich wandelnden Klimas betroffen. Die schwülheißen Sommermonate sorgen für immer mehr Hitzetote, Dürreperioden bedrohen die Ernten der Landwirte. Und nun merkt man auch, dass es geopolitisch keine kluge Idee war, die eigene Energiesicherheit in die Hände autokratischer Ölstaaten zu legen.
Südkoreas Energiekrisenszenario sollte eine Warnung für Europa und ebenso für Deutschland sein. Öl und Gas auch künftig aus kriegs- und krisengeschüttelten Regionen beziehen zu wollen, ist keine kluge Entscheidung, weder ökonomisch noch ökologisch. Infolge zu teurer fossiler Kraftstoffe im Winter kalte Wohnungen zu haben und Hitzetote im Sommer, vielleicht auch knappe Grundnahrungsmittel – das will schließlich auch niemand in Deutschland.
Gemeinsam für freie Presse
Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen
meistkommentiert