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Ende der Orbán-Ära in UngarnFairer Verlierer

Florian Bayer

Kommentar von

Florian Bayer

Viktor Orbán hat Ungarn zu einer Autokratie formen wollen. Dass der Machtwechsel bislang so glatt abläuft, zeigt: Die Demokratie in Ungarn lebt.

Viktor Orbán nach der Veröffentlichung der ersten Wahlergebnisse am Abend des 12. April in Budapest Foto: Bernadett Szabo/reuters

H upkonzerte, geköpfte Sektflaschen, Menschen im Freudentaumel auf den Straßen. Budapest feierte bis spät in die Nacht einen historischen Wahltag. Das Ergebnis der gestrigen Parlamentswahl war eindeutiger als erwartet – weswegen Ministerpräsident Viktor Orbán kaum eine Wahl hatte, als die Niederlage noch früh am Abend einzuräumen und seinem Herausforderer Péter Magyar zu gratulieren.

Dass alles friedlich und geordnet ablief, war keineswegs sicher. Orbán behauptete noch wenige Tage vor der Wahl eine angebliche „Sabotageaktion“ der Ukraine an einer für Ungarn wichtigen Pipeline. Er warnte bei jeder Gelegenheit vor einer Verwicklung seiner Landsleute in den Ukrainekrieg. Statt auf die wahren Sorgen der Menschen einzugehen, von der ausgehöhlten Sozialpolitik bis zum heruntergewirtschafteten Staat, setzte er auf Angst und Spaltung.

Ganz anders die Botschaft Magyars, der für ein geeintes Ungarn auftrat. Er kritisierte die Korruption des Regierungslagers und dessen Kartenhaus aus Lügen. Magyar weiß, wovon er spricht: Er war selbst lange Jahre Teil von Orbáns Fidesz, wendete sich aber glaubhaft davon ab. Er mache damit früheren Orbán-Unterstützern ein gesichtswahrendes Angebot, sich ebenfalls politisch umzuorientieren. Damit schaffte Magyar, was kaum jemand mehr für möglich gehalten hätte: Die Ungarinnen und Ungarn wieder für Politik zu begeistern und eine glaubhafte Alternative anzubieten. Die bisherige Opposition hat das, auch aus eigenem Verschulden, nie vermocht.

Nun steht Magyar vor einer Herkulesaufgabe: Es gilt, Orbáns 16-jährige Verwandlung Ungarns in eine illiberale Demokratie rückgängig zu machen. Das Beispiel Polen, wo die illiberale PiS von Jarosław Kaczyński acht Jahre lang regierte, zeigt, wie schwer das geht. Rechtsstaatlichkeit und Medienpluralismus lassen sich nicht so leicht wiederherstellen.

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Zweidrittelmehrheit für Magyar

Zugute kommt Magyar die Zweidrittelmehrheit, die seiner Partei Tisza erlaubt, Verfassungsgesetze aufzuheben und neue zu erlassen. Eben diese Mehrheit war es, die es Orbán erlaubte, ohne jeden Widerstand und ohne Kontrollinstanzen durchzuregieren.

Magyar trägt eine große Verantwortung, nicht wie Orbán dieser ungeheuren Machtfülle zu verfallen. Er kündigte bereits Amtszeitbeschränkungen für den Ministerpräsidenten an. Ebenso nötig ist eine Reform des Wahlsystems, das die siegreiche Partei strukturell bevorzugt – nur so konnte Orbán mit teilweise unter 50 Prozent der Stimmen eine Zweidrittelmehrheit erlangen. Jetzt kam dieses System Magyars Partei zugute, was es aber nicht besser macht.

Am Wahlabend zeigte sich Viktor Orbán als überraschend guter Verlierer. In den kommenden Wochen wird sich zeigen, ob er wirklich ein solcher ist – oder ob er den künftigen Regierungschef mit seiner Noch-Parlamentsmehrheit nach Kräften sabotiert.

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Florian Bayer
Korrespondent Wien
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13 Kommentare

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  • Soziale Verwüstung + wirtschaftlicher Stillstand.



    Orban als Saboteur einer wirtschaftlichen positiven Entwicklung aller Ungarn.-



    =



    Das ungarische pol. System nennt sich Kleptokratie und bodenlose erschütternde Verarmung in den Randgebieten Ungarns ist die Folge -



    =



    Das Merkmal des Systems gnadenloser Aisbeutung durch Orbán ist eine widerwärtige Günstlingswirtschaft, in der staatliche Ressourcen und insbesondere EU-Gelder gezielt verschleudert, veruntreut und verteilt werden. Das bedeutet dass es dabei weniger um klassische Korruption zur Erreichung eines Zieles geht sondern um Kleptokratie. Einige wenige „haben sich das Geld unter den Nagel gerissen“ Es existieren massenhaft Beispiele, wie EU-Gelder missbräuchlich verwendet werden, wie bei Bauaufträgen künstlich erhöhte Preise angesetzt werden und wie Mittel in die Taschen von Günstlingen fließen oder wie öffentliches Eigentum an sie verschenkt wird.



    Das Ergebnis:



    Eine tiefgreifende wirtschaftliche Rezession in der Ungarn feststeckt ist das Ergbenis inklusive extreme Armut im ländlichen Bereichen und in den Randgebieten. Die Verbrecher Trump, Vance, Putin, Le Pen & agd lassen grüßen.

  • "Am Wahlabend zeigte sich Viktor Orbán als überraschend guter Verlierer."



    Warum wohl?



    "Beispielsweise schätzt Forbes das Vermögen von Orbáns Schulfreund Lőrinc Mászáros auf drei Milliarden Euro. Vor Orbáns Regierungsübernahme arbeitete der als Heizungsinstallateur. Nun ist er der reichste Mann in Ungarn. Ein weiteres Beispiel ist Orbáns Schwiegersohn István Tiborcz, der im vergangenen Jahr laut der Financial Times sein Vermögen auf 500 Millionen Euro verdoppelt hat. Auch die Firma von Orbáns Vater Orbán Győző floriert seit Jahren. Dort werden Baumaterialien für öffentliche Bauprojekte in Ungarn..."



    Quelle fr.de Dezember 2025

  • Was ist denn bitte bisher glatt gelaufen?



    Er hat die Niederlage eingestanden, ok. Aber so deutlich, wie das Ergebnis ist, blieb ihm ja auch nichts anderes übrig.

    Ob es glatt läuft oder ob er Magyar Steine in den Weg wift, das zeigt sich in den nächsten Wochen. Und ob Magyar dann demokratischer als Orban agiert, wird sich in den nächsten Monaten und Jahren zeigen.

  • "Fairer Verlierer".



    "Fair" passt nicht. Er hat trotz aller Manipulationen, Stimmenkauf und Propaganda die Wahl derart krachend verloren, was soll er anderes sagen?



    Wenn Magyar das macht, was seine Wähler von ihm erwarteen, insbesondere bei der Bekämpfung der Korruption, dann droht Orban strafrechtliche Verfolgung. Würde mich nicht wundern, wenn er sich tatsächlich nach Russland absetzt.

  • Dass sich Orban so verhält, wundert mich sehr, deshalb bin ich noch misstrauisch. Magyar kann die "oberste Etage" austauschen, darunter wird es schon schwieriger, rein aus Kapazitätsgründen. Ob es den neuen Führungskräften in den Ministerien und den Verwaltungen gelingt, die Loyalität ihrer Mitarbeiter*innen "umzupolen", bezweifle ich. Es wird von daher noch genügend Sand im Getriebe bleiben.

  • Ich hatte auch erwartet das Orban sich queer stellt aber Angesichts des doch sehr großem Vorsprung hat er es wohl lieber gelassen.



    So meine Vermutung. Selbst das umbauen des Wahlsystem hat



    ihm nicht genützt.

  • Es dauert mitunter lange, aber auch von den Rechtspopulisten haben die Leute irgendwann genug, wenn sie nicht liefern. Schlechtes Wirtschaftswachstum, Einschränkungen der Freiheiten, dreist-offensichtliche Korruption, es war jetzt genug.



    Ob man dafür 16 Jahre absitzen muss? Leider ja, bleibt uns in Deutschland mit der AfD hoffentlich erspart.

  • Ende der Orbán-Ära Fairer Verlierer?



    ----



    Mhm, ... noch eine Wunschvorstellung Florian!



    .



    "In den kommenden Wochen wird sich zeigen, ob er wirklich ein solcher ist – oder ob er den künftigen Regierungschef mit seiner Noch-Parlamentsmehrheit nach Kräften sabotiert."



    ----



    Sagst Du ja im Schlusssatz auch!



    Hoffen wir alsi gemeinsam, doch das das Arbeit ohne Ende bevorsteht, ist wohl unwidersprochen!

  • Erst nachdem ein Autokrat scheidet, merke ich wie sehr es mich bedrückt, mich von solchen umzingelt zu fühlen. Ich bin gerade nur zu einem sehr emotionalem Kommentar fähig. Mit einer Ungarin verheiratet die unter Orban massiv verfolgt wurde, worunter sie immer noch leidet obwohl sie schon seit übr 10 Jahren in Deutschland wohnt, können wir das Ergebnis kaum glauben. Wirklich? Ist er wirklich weg?



    Wann, oh wann geht Trump?

  • Abwarten ob die Demokratie in Ungarn lebt so wie wir uns das vorstellen. Der überaus schnelle Orbán mit der Eingestehung der Niederlage gestern Abend machen mich etwas stutzig. Da passiert noch was. Ich wäre erfreut, wenn alles seinen demokratischen Lauf nimmt.

  • Hoffentlich lebt die Demokratie in Ungarn. Orban hat auch ein Netzwerk betrieben, welches jetzt real verlieren wird bzw. muss, ob diese Leute nicht auf Ideen kommen, ihre Stücke behalten zu wollen. Da wäre ich mir nicht so sicher.



    Ansonsten hat Orban wohl gemerkt, dass es Wut und Ärger gegen ihn gibt, das er besser geht. Dass es besser gesittet aussieht, auch wenn es das ja nicht war. Orban hat noch mit Angst und Panikmache versucht, an der Macht zu bleiben. Und die Opposition hat Strategien genutzt, um das Wahlsystem auszutricksen, weil da eigentlich immer Fidesz und Orban bei rauskommen.



    Ob das wirklich eine Pro-NATO und Pro-EU-Wahl ist, da bin ich mir noch unsicher. Es war zunächst eine NEIN-ZU-Orban-Wahl. Soviel ist klar geworden. Auf jeden Fall kann Ungarn den Weg einschlagen, ein normaler demokratischer Rechtsstaat innerhalb der EU zu werden. Das hätte vor zwei Wochen nicht jeder für möglich gehalten....

  • "Dass der Machtwechsel bislang so glatt abläuft, zeigt: Die Demokratie in Ungarn lebt."



    Es zeigt darüber hinaus, dass Orban, anders als ich es erwartet hätte, sicherer im demokratischen Verhalten ist als Trump. Freu ich mich drüber.

  • Bei einer Zweidrittel-Mehrheit für den Gegner ist es nicht überraschend, dass Orban die Niederlage einfach so akzeptiert hat.

    Es wäre vermutlich anders gelaufen, wenn es ein knappes Ergebnis gewesen wäre. Dann hätte Orban gekämpft und möglicherweise schmutzige Tricks angewendet.