Einkaufen und Corona: Hamsterkaufliebe

Wer klug ist, macht jetzt Großeinkäufe. Und wer über Hackenporsches lästert, ist ungefähr so doof wie jemand, der übers sogenannte Hamstern herzieht.

Frau läuft mit einem Einkaufstrolley auf einer Straße in Berlin.

Hackenporsche für die einen, Rentnervolvo für die anderen: Einkaufstrolley Foto: Emmanuele Contini/imago

Erst seit zwei, drei Wochen gehen wir miteinander, und ich schwöre: Es ist Liebe. Keine „Achterbahn der Gefühle“, sondern ein verlässliches Zockeln, Hand in Hand, über alle scheppernden Gehwegplatten hinweg, die zum nächsten Penny, Rewe oder Edeka führen. Mein blaugrün karierter Cityflitzer, der erste Hackenporsche meines Lebens: „Haini“ heißt er, so steht’s auf seinem Etikett, und gemeinsam pflegen wir ein Hobby – Hamsterkäufe, yeah!

Vor Covid-19 wäre ich nie auf die Idee gekommen, mich mit so einem Ding zu zeigen. Ich betrachtete es als den letzten Warnschuss vor dem Rollator. Manche sagen „Rentnervolvo“ dazu, andere nennen es „Zwiebelmercedes“ oder „Oma-Shopper“, oft kicherte ich überheblich mit. Nun aber sage ich: Wer über Hackenporsches lästert, ist ungefähr so doof wie jemand, der übers sogenannte Hamstern herzieht.

Was wurde schon gezetert, aus Ministerien und in Leitartikeln, bei Twitter und in Talkshows – über eine angebliche Habgier und Ich-zuerst-Mentalität, über Menschen, die wegen des Virus wahllos die Regale leer kauften. Die Bundesrepublik: ein Land voller verbissener Prepper mit ausgefahrenen Ellenbogen und Klopapierfetisch!

Womöglich ist da sogar etwas dran. Mit dem pandemischen Hamstern hat es aber nichts zu tun, im Gegenteil: Wer jetzt zu Großeinkäufen einmal die Woche neigt, statt alle 36 Stunden „ein paar Kleinigkeiten“ zu besorgen, zählt zu den Vernünftigen! Je seltener man seine Aerosole in die Gemüseauslage haucht und mit Virusfingern die Sonderangebote begrapscht, desto eher senkt man das Infektionsrisiko, für sich und andere.

Treppentaugliche Hainis

Der verantwortungsvolle Pandemiemensch kauft selten und vorausschauend ein, spart einiges Geld dabei, hat am Ende allerdings zwei- bis viermal so viel zu schleppen wie früher. Glücklich, wer so ein Ding sein eigen nennt!

Es muss kein Design-Haini für 80 Euro sein. Meinen fand ich für glatte 10 in einem Badematten- und Elvis-Kerzen-Laden gleich um die Ecke. Ein Tipp noch für Bewohner:innen der oberen Etagen: Es gibt Hainis mit treppentauglichen Steigrädern. Man kann die Einkäufe aber auch in Stoffbeutel packen und im Haini stapeln. Zu Hause angekommen, trägt man sie Stück für Stück nach oben. Und holt dann den Haini hinterher, wischt ihm den Straßenstaub vom Pelz, fotografiert ihn, zeigt ihn beim Instagram herum, behauptet, er sei todschick und wiederholt das so oft, bis es eines Tages wahr wird.

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Seit Oktober 2017 Themenchefin bei der taz; geboren 1970 im Großraum Rhein-Main; hat Politologie, Soziologie und Amerikanistik studiert; beschäftigt sich bevorzugt mit Arbeitsverhältnissen, sozialer Gerechtigkeit und Klassismus, mit Geschlechterfragen und Pop(ulär)-Kultur; schreibt auch Bücher und betreibt eine eigene kleine Internetfarm unter katjakullmann.de.

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