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Einfluss der FinanzbrancheZehn Lobbyisten auf jedes Mitglied des Finanzausschusses

Anja Krüger

Kommentar von

Anja Krüger

Die Finanzbranche kämpft schmutzig. Für die private Altersvorsorge schickt sie Hunderte Lob­by­is­t:in­nen ins Rennen, zeigt eine Analyse der NGO Finanzwende.

Hoffentlich auf's richtige Pferd gesetzt: Zu­schaue­r:in­nen auf der Tribüne der Galopprennbahn Hannover Foto: Frank Sorge/imago

K ein Wunder, dass die gesetzliche Rente in der Öffentlichkeit systematisch schlecht gemacht und die kapitalgedeckte private Altersvorsorge gefeiert wird. Auf jedes Mitglied des Finanzausschusses des Bundestags kommen zehn Lob­by­is­t:in­nen allein der zehn größten Konzerne und Verbände der Finanzbranche. Das zeigt die Auswertung des Lobby-Registers des Bundestags durch die NGO Finanzwende.

Banken, Versicherer und ihre Verbände schicken Hunderte von Strip­pen­zie­he­r:in­nen in die politische Schlacht. Zu Beginn des Jahrtausends haben sie die Teilprivatisierung der Altersvorsorge, etwa in Form der kolossal gescheiterten Riester-Rente, durchgesetzt – und zwar auf Kosten der Bürger:innen, die das mit herben Kürzungen von Rentenansprüchen zahlen mussten. Von den gigantischen Summen an Steuergeldern, die in Zulagen für teure private Rentenversicherungen geflossen sind, ganz zu schweigen.

Wie zu Beginn des Jahrtausends versuchen die Lobbyist:innen, Politik und Öffentlichkeit jetzt wieder einzureden, die Bür­ge­r:in­nen müssten an den Erträgen der blühenden Kapitalmärkte teilhaben können. Managen sollen das nach dem Willen der Branche natürlich nicht staatliche Institutionen, sondern private – für viel Geld, versteht sich. Die kapitalgedeckte Altersvorsorge birgt immense Risiken, Börsencrashs und Finanzkrisen können zu herben Verlusten führen.

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Das Risiko dafür hat die Finanzbranche auch dank ihrer vielen Emis­sä­r:in­nen immer mehr auf Kun­d:in­nen verlagern können. Für Menschen mit wenig Geld ist das schlecht. Entweder sie bekommen kaum Rendite, weil sie kein Risiko eingehen können – oder sie riskieren ihre Notgroschen.

An der gesetzlichen Rente verdient niemand, deswegen lobbyieren nur wenige für sie. Dabei ist das System, bei dem die Erwerbstätigen die Ru­he­ständ­le­r:in­nen finanzieren, viel krisenfester als das kapitalgedeckte. Ja, es gibt Löcher – weil der Staat aus der Rentenkasse viele Aufgaben finanziert, die aus einem anderen Topf bezahlt werden müssten, etwa die Rehabilitation oder die Mütterrente. Aber das muss ja nicht so bleiben.

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Anja Krüger
Parlamentskorrespondentin
Schwerpunkte Wirtschaft- und Energiepolitik
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12 Kommentare

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  • Leider fallen auch immer mehr Menschen, die ich eigentlich schätze, auf die Gesänge über das Perpetuum Mobile Aktien herein. Was immer wieder gern vergessen wird:

    1. Gerade bei Kleinanlegern gibt es hohe Aktienverluste.



    2. Die Banken streichen immer höhere Anteile selbst ein oder bieten nur riskante Aktien zu günstigen Bedingungen an. Schon deshalb sind jetz schon für wirklich Arbeitende nur selbst gemanagete Aktien profitabel. Viel Spaß beim Zweit- oder Drittjob!



    3. Die benannten Lobbyisten, die Banken, Investmentfirmen und viele andere verdienen dann an unseren Rentenrücklagen mit, und zwar besser als wir.



    4. Auch dafür, wie für alle Gewinne im System müssen letzendlich Menschen mit ihrer Arbeitskraft aufkommen. Und Aktien erziehen zu der Haltung: die sind mir egal. Das degradiert uns moralisch auf das Niveau von Porschefahrern.

    5. Ursprünglich war der Zweck von Aktien, sinnvolle Investitionen zu unterstützen. Was heutzutage unterstützt wird, ist Selbstbereicherung und sinn- und verantwortungslose Wirtschaftsentwicklungen, die die Welt in den Abgrund fahren.

  • Nunja, es ist hier sicher nicht gern gelesen, aber schauen Sie sich die Entwicklung des DAX einmal an. Nehmen Sie dann den Betrag, den Sie Jahr für Jahr in die Rentenkasse einbezahlen und berechnen Sie, was Sie dann jetzt hätten.



    Einfaches Beispiel: wer jetzt 45 Beitragsjahre hat, hat 1980 begonnen einzuzahlen. Nehmen wir an dieser Mensch hätte im Jahr 1980 4800 DM an Rentenbeiträgen bezahlt (400 DM pro Monat), dann wären aus diesen 4800 DM heute 124.100 Euro geworden. Aus den 1981 einbezalten 4800 DM wären 121.708 Euro geworden, zuammen 245.808 Euro usw. usf.



    Rechnen Sie also aus, wieviel dieser fiktive Mensch heute, nach 43 weiteren Jahren der Einzahlung in seinem Depot hätte...



    Kann jede/r für sich selbst einmal berechnen und mit den jährlichen Rentenbescheid vergleiche.



    Die Liste der historischen Kurse findet sich z. Bsp. hier:

    www.boerse.de/hist...e/Dax/DE0008469008

    Herzlichste Grüße!

  • 2022 finanzwende-recherche.de



    Von nichts kommt nichts:



    "Trotz des Erfolgs der Finanzlobby schwächelte die Nachfrage nach Riester-Rentenprodukten erst einmal. Das änderte sich nach der nächsten großen Reform 2004/05. Sie hob sechs von elf Kriterien auf, die ein Finanzprodukt erfüllen musste, um als Riester-Rente staatlich gefördert zu werden. Zudem mussten Vermittler*innen nur noch halb so lang auf ihre Verkaufsprovisionen warten. Der Abschluss von Verträgen wurde für sie damit attraktiver. Plötzlich boomte das Geschäft mit der Riester-Rente.



    Auf die Änderungen hatte neben der Versicherungsbranche vor allem die Lobby der Finanzvermittler*innen hingewirkt. Diese bringen Finanzprodukte im Auftrag von Banken, Fonds und Versicherungsunternehmen an die Leute. Mittendrin..."



    Und weiter:



    "Riester wurde nach Ende der rot-günen Koalition zu einem der Bundestagsabgeordneten mit den meisten Nebenverdiensten – dank gut bezahlter Reden für den AWD und als Berater für die Maschmeyer-Rürup AG."



    Vielleicht brauchen weitere Regierungsmitglieder schon bald gut bezahlte Ruheposten o. müssen ihre Pensionen aufstocken durch Nebenverdienste.



    "Das Rentensystem Schwedens basiert auf Aktienfonds..."



    fr.de

  • Und das ist definitiv nicht der einzige Bereich in dem den von uns gewählten Volksvertretern bezahlte Flöhe in die Ohren gesetzt werden.

    Die Politik könnte dem einen Riegel vorschieben.

    Könnte. Wenn sie denn wollen würde.



    Wenn.

  • Dass Frau Krüger die Einflussnahme-Versuche von Unternehmen auf die Politik anmahnt , ist wichtig und richtig. Ich halte es jedoch für eine holperige Straße, auf die sie dann fährt, wenn sie die Umlage-Finanzierung und die Finanzmarkt-gedeckte Rentenvorsorge als zwei Pole gegenüberstellt. Keine der beiden Lösungen ist ein Heilsbringer. Unsere Rentenvorsorge in die Hände von Spekulanten zu legen ist genauso gefährlich wie die Tatsache zu ignorieren, dass die aktuelle Rente aus demographischen Gründen nicht zu halten ist. Letzten Endes sind beide Modelle eine Wette: Beim einen Modell wette ich auch wachsende Wirtschaft, beim anderen Modell auf genügend arbeitenden Nachwuchs.

    Ob nun das aktuelle Rentenmodell zu retten wäre, wenn - wie die Autorin andeutet - die Gelder der Rentenkasse nicht in andere "Projekte" fließen würden... das vermag ich nicht zu beurteilen.

    Herzliche Grüße

  • Wer einmal auf die Riesterrente reingefallen ist wird die Finger von staatlich geförderten Finanzprodukten lassen. Die Finanzlobby wird die Rendite dieser Produkte schnell wieder rasant schmälern durch überhöhte Kosten und Provisionen. Ich kaufe nur noch privat weitweite ETF-Produkte mit Gebühren bis max. 0,25 % Jahr, ohne jede staatliche Förderung. Dann kann ich auch jederzeit an mein Geld ran und muss nicht bis 65-70 Jahre warten, bevor ich den Vertrag fällig stellen kann.

  • Wer die Sprüche der Lobbyisten glaubt, spielt auch Lotto. Denn da gewinnt auch der Veranstalter.

    Es muss doch jedem klar sein, dass ein privater Anbieter selbst (möglichst viel!) Gewinn machen will. Dabei MUSS zwangsläufig ein Verlustgeschäft für den "Verbraucher" aka Rentner herauskommen.

    Wenn der Staat das gleiche Spiel spielen würde, aber ohne Gewinn, müsste es logischerweise billiger für uns kommen. Und der Staat hat die Pflicht das zu tun, denn die Rente ist öffentliche Daseinsvorsorge. Wer mal einen Blick ins Grundgesetz wirft, wird da erschreckende Hinweise finde, dass wir einen Sozialstaat gewährleisten müssen. Das gleiche gilt übrigens auch für andere Themen, z.B. Gesundheit,

    Dazu kommt noch, dass der "Vebraucher" hier ja keine Wahl hat, es sei denn er will im Alter betteln gehen. Ergo kann der Anbieter beliebig viel verlangen.

    Und noch schlimmer: die Abzocke ist nicht mal neu. Das gleiche haben die gleichen Akteure in schon damals sehr durchsichtiger Weise mit der Riesterrente durchgezogen. Hat denn so gar niemand daraus gelernt? Vermutlich nicht. Bildung ist, wenn man totzdem lacht.

  • Mittlerweile sollte es wohl eher heißen:



    "Die Finanzbranche IST schmutzig!"

  • Die fünf Bestandteile der am 15.6.1883 gegründeten Sozialversicherung sind dabei die Arbeitslosenversicherung, die Rentenversicherung, die Unfallversicherung, die Krankenversicherung und die Pflegeversicherung. Grundsätzlich besteht zumindest für lohnabhängige Arbeitnehmer in Deutschland seitdem eine Versicherungspflicht. Dass dabei leistungsloses Einkommen wie aus Grund-, Boden-, Immobilienrenten Rendite und geldwerter Verwertung von Patentrechten für gesetzliche Rentenkasse nicht veranlagt wurden und bis heute nicht veranlagt werden, lag am Oberlobbyisten gesetzlicher Sozialversicherungs-Gründungsvater Reichskanzler Otto Fürst von Bismarck (1815-1898), dem größten und mächtigsten Junker der Herrlichkeit ostelbischer Großgrundbesitzer von wilhelminischen Gottes Kaiser Gnaden, die ihre aufgrund Automatisierung der Agrarwirtschaft überflüssig gewordenen Landarbeiter entschädigungslos freigesetzt in Kleingewerbe, industrielle Ballungsgebiete Lohnsklaverei abschoben als gebe es kein Erbarmen für die Armen bei Not um tägliches Brot, medizinischer Versorgung, Unterkunft in Hinterhof Mietskasernen abschoben, Heere Verelendungsproletariat darunter Kinderarbeit zu vergrößern

  • ...,wenn mich nicht alles täuscht, werden in Brügge junge Akademiker in einem weiterführenden Studium hauptsächlich zu Lobbyisten weiterentwickelt und zwar auf Kosten der EU. Eine ehemalige Freundin, die dort studierte hat, erzählte, daß damals der Großteil der Studierenden den Wunschjob Lobbyist angab. Hier liegt also schon der Fehler im System. Wir züchten uns die eigenen Läuse im Pelz heran, die zudem volkswirtschaftlichen Schaden anrichten durch eine subventionierte Fehllenkung von wirtschaftlichen Ressourcen.

    • @Gastone:

      Natürlich.



      Lobbisten sind hochspezialisiere, bestens ausgebildete Fachleute.



      Und zudem bestens beleumundet.



      Zumindest in deren erlauchten Kreisen ...

    • @Gastone:

      Und wir wählen die Parteien, die das protegieren. Ich fürchte, wir als Volk sind nicht sehr klug, so Alles in Allem.