: Einfach übertüncht
Gastgeber Mexiko will mit Kameras und sehr viel Polizei während der WM für Sicherheit sorgen. Wenn Angehörige von Verschwundenen Zettel aufhängen, werden sie oft abgerissen. Das Problem der Gewalt soll die Spiele nicht stören
Aus Mexiko-Stadt Anne Demmer
Graue Wolken hängen am Himmel überm Stadion. In großen weißen Lettern steht dort auf rotem Hintergrund „Estadio Ciudad de México“. So lautet der offizielle Name dieses Orts bei der WM 2026, besser bekannt ist er als das legendäre Aztekenstadion. Es ist Regenzeit, nachmittags droht sich der Himmel zu öffnen. Rund um das Stadion im Süden von Mexiko-Stadt werden Zelte aufgebaut, die letzten Kabel verlegt, Gabelstapler fahren hin und her. In wenigen Tagen, am 11. Juni, soll hier zum dritten Mal nach 1970 und 1986 das Eröffnungsspiel einer Fußballweltmeisterschaft stattfinden. Mexiko spielt gegen Südafrika.
Auf dem Bürgersteig gegenüber steht ein Mann in blauer Arbeitskluft mit einer Wasserflasche, er macht gerade Pause. Der 44-Jährige stellt sich als Gustavo vor. Bei den Spielen wird er die Toiletten im Stadion putzen, durch die Reihen laufen, um das aufzuheben, was die Besucher fallenlassen. Und: Er wird nebenbei die Spiele sehen können, sagt er, sein Gesicht hellt sich auf bei dem Gedanken. Für den Putzjob bekommt er etwas mehr als den Mindestlohn. Das sind derzeit 9.500 mexikanischen Pesos im Monat, umgerechnet 470 Euro.
Ein Ticket hätte sich Gustavo nicht leisten können. Für das Eröffnungsspiel liegen die Preise bei umgerechnet 500 bis über 2.000 Euro. Bei der WM 2022 in Katar kosteten die Eintrittskarten für das Eröffnungsspiel sehr viel weniger. Das nächste Spiel der mexikanischen Nationalmannschaft gegen Südkorea in Guadalajara, der zweitgrößten Stadt des Landes, ist zwar günstiger, die Preise liegen aber auch hier im mittleren dreistelligen Eurobereich.
Die wenigsten Mexikaner*innen werden die Spiele in den Stadien anschauen können. Mitfiebern werden sie trotzdem. Siebenmal in Folge kam Mexiko zwischen 1994 und 2018 bis ins Achtelfinale – und siebenmal in Folge war dort Schluss. El Quinto Partido, das fünfte Spiel, blieb immer ein Traum. Das letzte Mal erreichte Mexiko es 1986, bei der letzten WM im eigenen Land. Nun richten Stadtteile Public-Viewing-Plätze ein. Schon Wochen vor dem Anpfiff sind Jugendliche im grünen Trikot auf den Straßen unterwegs, Fanartikel füllen die Märkte und Läden. Selbst Hunde laufen im Teamtrikot an der Leine.
Auch Gabriela Alonso trägt das grüne Trikot. Weil sie Fan der Nationalmannschaft ist, aber vor allem, weil sie an das erinnern will, was auch zur mexikanischen Realität gehört: die alltägliche Gewalt, der Terror. Sie steht an einem Nachmittag Ende Mai im Zentrum von Mexiko-Stadt an einem großen Kreisverkehr, der Glorieta de las y los Desaparecidos – dem Platz der Verschwundenen. Sie dreht sich um, auf ihrem Rücken ist keine klassische Nummer eines Spielers oder der Name aufgedruckt. Es ist nur die riesige Zahl 133.000 zu sehen. So viele Menschen werden in Mexiko vermisst, so viele wie in einer deutschen Kleinstadt leben. „Wir sagen Ja zum Fußball, aber auch dazu, dass die Vermissten nach Hause zurückkehren“, erklärt sie.
Gabriela Alonso engagiert sich beim Suchkollektiv „Luciérnagas“. Statt das Land für die WM herzurichten, damit alles sauber und sicher für die Touristen erscheint, sollte die Regierung das Geld lieber in die Suche der Verschwundenen stecken, sagt sie energisch. Oftmals suchen die Familienangehörigen ihre verschwundenen Schwestern, Brüder, Väter, Mütter selbst, ganz ohne staatliche Hilfe.
Alonso selbst hat im Jahr 2024 ihren Bruder verloren. Er antwortete nicht mehr auf ihre Nachrichten. Nur wenig später wurde seine Leiche im Mexiko-Stadt umschließenden Bundesstaat identifiziert. Ihr Fall ist selten, die meisten Betroffenen finden ihre vermissten Familienangehörige nie.
Außer Alonso sind drei weitere Frauen zum großen Kreisverkehr gekommen. Hier hängen hunderte Fotos von den Vermissten. Sie wollen die WM als Plattform nutzen, um auf die „humanitäre Krise“, wie sie sagen, aufmerksam zu machen. Jeden Tag verschwinden etwa 40 Menschen, rechnet Gabriela Alonso vor. Die meisten Verschwundenen sind mutmaßlich Opfer des organisierten Verbrechens. Vor allem in den Regionen, wo die Kartelle, die kriminellen Gruppen, besonders aktiv sind, werden häufig Menschen verschleppt. In den Bundesstaaten Sinaloa, in Tamaulipas, auch in Jalisco, wo sich die Hochburg des Kartells Nueva Generación befindet.
Nach dem Tod des mächtigen Kartellchefs Nemesio Oseguera Cervantes im Februar 2026 kam es in mehreren Regionen zu schweren Ausschreitungen. Bewaffnete Gruppen errichteten Straßenbarrikaden, setzten Lastwagen und Autos in Brand und lieferten sich Gefechte mit Sicherheitskräften. Zeitweise wurden Autobahnen blockiert, Geschäfte geschlossen. Die Bevölkerung wurde aufgefordert, ihre Häuser nicht zu verlassen. Die Bilder der brennenden Fahrzeuge erinnerten viele Mexikaner an frühere Eskalationen des sogenannten Narco-Terrors – ausgerechnet in einer Phase, in der sich das Land auf die Fußball-WM 2026 vorbereitete.
Die Ausschreitungen schreckten die Regierung auf. Bis zu 120.000 Kameras sollen in den drei WM-Austragungsorten Mexiko-Stadt, Monterrey und Guadalajara für Sicherheit sorgen, kündigte die mexikanische Regierung an. Die Maßnahme ist Teil des „Plan Kukulcán“, benannt nach der gefiederten Schlange der Maya-Mythologie. Er sieht zudem rund 50.000 Sicherheitskräfte vor: Soldaten, Nationalgardisten, Polizisten, dazu etwa 20.000 private Sicherheitsleute. Jedes Stadion soll von vier Sicherheitsringen umgeben sein.
Derzeit gibt es keine Ausschreitungen mehr. Doch wie nah an den Stadien die Welt der Gewalt liegt, zeigt die WM-Stadt Guadalajara. Weniger als 2 Kilometer vom Stadion entfernt wurde ein Haus entdeckt, in dem Kartellopfer gefoltert wurden. Im Umkreis von 16 Kilometern wurden laut Suchkollektiven in rund 500 Müllsäcken menschliche Überreste gefunden.
David Coronado, Leiter des Labors für Gewaltforschung an der Universität Guadalajara, glaubt nicht, dass die Gewalt erneut eskaliert. Die kriminellen Gruppen hätten selbst Interesse daran, dass es ruhig bleibt, sagt er. Großevents dieser Art eigneten sich hervorragend für Geldwäsche und Menschenhandel. Auch diejenigen, die mit Drogen handelten, machten bei der WM ein riesiges Geschäft. Der Fan, der nachts eine Line Kokain zieht, denkt wohl kaum daran, dass er damit das Geschäftsmodell jener Gruppen finanziert, die für einen Großteil der Gewalt im Land verantwortlich sind. An den Orten, wo sich Touristen und Fußballfans aufhalten, werde die Sicherheit gewährleistet sein, glaubt Coronado.
Woanders nicht unbedingt: Mexiko verfügt insgesamt über rund 160.000 Einsatzkräfte im ganzen Land, ein guter Teil davon wird während der Spiele in die WM-Städte entsendet sein. Für andere Regionen des Landes bedeutet das zwangsläufig ein Sicherheitsvakuum, das die Kartelle nutzen könnten, warnt der Gewaltforscher.
Das letzte der 13 WM-Spiele in Mexiko findet am 5. Juli statt. Bis dahin werden die Stadien voll sein – mit denen, die sich Tickets leisten können. Dann reisen die Gäste wieder ab, aber die Probleme bleiben. „Der mexikanische Konflikt wird sich dadurch nicht verändern“, sagt David Coronado.
Initiativen wie die von Gabriela Alonso wollen die Probleme auch für die Fußballfans sichtbar machen. An einigen Laternen in der Nähe des Aztekenstadions sind Vermisstenfotos zu sehen: „Sergio Gerardo Jímenez – wird seit dem 20. Oktober 2023 vermisst. Braune glatte Haare, 33 Jahre, schmale Lippen“, steht da geschrieben. Ein paar Meter weiter wurde ein Foto abgerissen. Wer vermisst wird, ist nicht mehr zu erkennen. „Wir haben einen ganzen Tag damit verbracht, die Zettel aufzukleben. Leute von verschiedenen Suchkollektiven. Aber sie wurden direkt wieder abgenommen“, sagt Alonso.
„México Campeón en desaparición“ – Mexiko, Champion beim Thema Verschwundene“ hatten Familienangehörige in großen Buchstaben auf die Straße um die Glorieta de las y los Desaparecidos gemalt. Der Schriftzug wurde kurze Zeit später übertüncht.
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