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ESC in WienViel zu viel Hader um Israel

Beim 70. ESC in Wien geht es viel um die Frage von Ausschlüssen. Der Israeli Noam Bettan ist propalästinensischer Wut zum Trotz für das Finale qualifiziert.

Noam Bettan hat es mit seinem flotten Lied „Michelle“ ins Grand Final am Samstag geschafft Foto: Martin Meissner/ap
Jan Feddersen

Aus Wien

Jan Feddersen

Immerhin diese Unsicherheit konnte geklärt werden. Da hatten die Wiener Veranstalter des 70. Eurovision Song Contest die Idee, dass sich Caféhäuser bei ihnen melden, auf dass sie Gastgeber für die 34 nichtösterreichischen TeilnehmerInnen dieses Eurovisionsfestival werden können. So mit Länderfähnchen, gewissen Speisen und Getränken – sollen sich doch alle wohlfühlen in der einstigen Kapitale Habsburg.

Nur gab es ein Problem: Für Israel, traditionell seit 1973 beim ESC-Fest mit von der Partie, fand sich keine gastronomische Einrichtung. Bis sich die „Kantine“ im Museumsquartier meldete, Lisa Wegenstein, tapfere Streiterin seit vielen Jahren ohnehin gegen antisemitische Atmosphären, wollte nicht, dass sich Israel missachtet fühlt. In diesen Tagen fanden sie und ihre Mitarbeiterinnen antisemitische Schmierereien an den Wänden der sanitären Anlagen, guerillahaft ohne Nennung von Absendern gesprüht.

Aber dann kam die Frage des Polizeischutzes. Sie sagt: „Wenn es doch nur um Sachen ginge, aber dass Menschen ja wirklich Angst haben müssen …“ Sie spricht den Satz an diesem Montagnachmittag nicht zu Ende, aber Polizeibewachung kostet Geld. Bis zu 12.000 Euro hätte ihr Haus für sie bezahlen müssen. Schließlich erklärte das Echo-Medienhaus sich bereit, für die Sicherheit dieses Cafés in diesen Tagen aufzukommen.

Dass schließlich Dienstag am späten Abend vom ersten Semifinale des ESC in der Wiener Stadthalle verkündet wurde, dass Noam Bettan es mit seinem flotten Lied „Michelle“ ins Grand Final am Samstag geschafft hat, heiterte die Stimmung an den Tischen in der „Kantine“ erheblich auf, sogar der T-Shirt-Verkauf mit einem israelischen Eurovisionsmotto klappte.

Um Israels Teilnahme am größten Pop-Wettbewerb wenigstens Europas (und vieler Anrainerländer) hat es ja viel Ärger gegeben – und es gibt ihn noch. Freitag und Samstag soll es Alternativfestivals in Wien geben, zu dem unter anderem auch der ESC-Sieger von 2017, Salvador Sobral, angekündigt ist. Ob der Portugiese wirklich anreist, ist weiterhin unklar, aber der Mann kämpft um Aufmerksamkeit, also wird er eine Performance samt Statement wider das große Festival nicht ausschlagen.

Dass das Jubiläumsfest des ESC, der 70. seit 1956, überhaupt mit Israel stattfinden kann, ist nicht verwunderlich: Israels öffentlich-rechtlicher TV-Sender KAN agiert medial in seinem Land regierungsunabhängig, was der entscheidende Unterschied etwa zu den Sendern Russlands und Belarus' ist – die deshalb, zumal nach Beginn des russischen gegen die Ukraine 2022, auch ausgeschlossen wurde. Israel ist seit mehr als einem halben Jahrhundert Mitglied der Eurovisionskette (wie auch Sendeanstalten aus dem zu Asien zählenden Kaukasus oder auch Nordafrikas) öffentlich-rechtlicher TV-Häuser.

Beifall und Pfiffe für Noam Bettan

Das war und ist natürlich für die propalästinensische Protestszene viel zu kompliziert. Man beharrt darauf, dass Israel ausgeschlossen wird, am liebsten noch subito. In der Wiener Stadthalle bekommt Noam Bettan bei seiner Performance starken Beifall, es gibt allerdings auch Pfiffe, einer schafft es sogar, auch in der Übertragung vernehmlich „Free Palestine“ (o.s.ä.) zu skandieren, was allerdings verboten war – er wie auch drei andere wurden der Location verwiesen, nicht per Stuhlkreisverfahren überredend und sanft, sondern entschlossen und mit Absicht. Beifall der Umstehenden für die Security-Aktion, auch dies wird überliefert.

Der Israeli, so heißt es aus der israelischen Delegation, hat vor den ESC-Auftritten – wie in den vergangenen zwei Jahren seine Künstlerkolleginnen Eden Golan 2024 in Malmö und Yuval Raphael 2025 in Basel – lernen müssen, gegen Buhrufe anzusingen, ohne die Nerven zu verlieren. Aber man merkt ihm eine gewisse Nervosität an.

Gegen jeden Comment beim ESC erklärt er bei der Eröffnungsgala am Sonntag, als er auf dem Türkisen Teppich kurz interviewt wird, er sänge für Israel und das sei auch gut so – wo doch alle wissen, dass bei diesen Kurzselbstpropagandaschnipseln alle die gastgebende Stadt, die KünstlerkollegInnen und das Wetter zu loben haben – selbst wenn es wie in diesen Tagen in Wien eine klimatische Lage wie im frühen März hat, im Zweifelsfall voller Hagel und Regenschauer.

Mobilisierte Televotingergebnisse aus Israel

Zur Stimmungsaufhellung eben nicht gerade beigetragen hatte auch eine Recherche der New York Times, derzufolge die israelische Regierung und, obendrein, der Künstler Noam Bettan selbst Posts über alle möglichen Social-Media-Kanäle abgesetzt, für den ESC-Beitrag Israels werbend. Und dies geschah auch schon im vorigen Jahr. Die Zahlen des amerikanischen Medienhauses zeigen, dass mobilisierte Televotingergebnisse Israel monströse Vorsprünge dort bescherten.

Allerdings, das konstatiert der Bericht auch, seien diese Werbeaktionen ohne Hacks und Bots exekutiert worden. Viele stimmten bei der Publikumsabstimmung ab, und dies gleich legalerweise zehnfach – eben vor einem Jahr für Yuval Raphael.

Was der Bericht nicht erwähnt: Promotionskampagnen hat es zu allen Zeiten des ESC gegeben, viele Jahre, um russischen KünstlerInnen behilflich zu sein. Es gab auch Nutznießer aus Griechenland, der Ukraine und Aserbaidschan (2011) – für den Job der organisierten Influencerei gibt es etliche nicht allein europäische wirkende Agenturen. Für alle politischen Anliegen ist keine Fläche so kostbar wie der ESC, 130 Millionen Menschen schauen zu.

Genderfluide Ampelzeichen und Regenbogenzebrastreifen

Wien, falls man dies so aus wenigen Tagen Beobachtung entnehmen kann, nimmt den ESC hin, es wird als Fest der kulturellen Diversity verstanden, genderfluide Ampelzeichen und Regenbogenzebrastreifen inklusive.

Mit ein wenig historischem Abstand ließe sich sogar sagen, dass Protest gegen Details eines Eurovisionfestivals – und „Israel“ ist nicht mehr als ein Teil des Ganzen, nicht mehr, nicht weniger -, üblich sind.

Irgendeine Bewegung stört sich ja immer am großen Ganzen: Neulich bei „Hart aber fair“ Hubert Aiwanger aus ultrakonservativer Ecke über queere Kulturen beim ESC, jetzt, wie es viele sehen, antisemitische Linke, die Israel abscheulich finden.

Vor 51 Jahren demonstrierten angelegentlich des ESC in Stockholm – nach dem Sieg Abbas im Jahr zuvor – gegen „Kulturimperialismus“, Verpestung der europäischen Kultur durch „Amerika“, Bubble-Gum-Pop und für eine Kultur der Drittweltsolidarität und der Liederklampferei ohne Pomp. So gut wie das gesamte Kulturestablishment Schweden war solidarisch mit diesem Anliegen, viele unter ihnen, die kurz zuvor noch beim kambodschanischen Schlächter Pol Pot auf dem Schoß saßen und nichts von dessen blutigen Politiken und Umerziehungspraktiken mitbekommen haben wollen.

Noam Bettan sagte dem Standard gegenüber: „Ich bin hier, um Musik zu machen, alles andere berühre ich nicht.“

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