Streit um Israels Teilnahme am ESC: Mehr als ein Boykott
Heute startet der Eurovision Song Contest mit dem ersten Halbfinale. Doch Spanien, Irland und Slowenien wollen den Wettbewerb nicht übertragen.
afp / taz | Es ist der größte Boykott in der Geschichte des Wettbewerbs: Spanien, Irland, die Niederlande, Slowenien und Island nehmen in diesem Jahr nicht am Eurovision Song Contest teil. Teilweise wird die Sendung dort nicht einmal ausgestrahlt. Stattdessen wird der spanische Sender RTVE ein eigenes Musik-Special zeigen, während die Zuschauer in Irland die animierte Familienkomödie „Mummies“ zu sehen bekommen und diejenigen in Slowenien eine Reihe von Sendungen über Palästina.
Die 70. Ausgabe des ESC in Wien beginnt am Dienstag mit dem ersten Halbfinale, das zweite Halbfinale ist am Donnerstag. Das Finale findet am Samstag statt. Doch mit 35 Beiträgen nehmen so wenig Länder an dem Wettbewerb teil wie seit mehr als 20 Jahren nicht mehr. Auch mehr als tausend Künstler wie Peter Gabriel und Bands wie Massive Attack rufen zum Boykott auf. Begründet wird dies mit Israels brutalem Vorgehen im Gazastreifen nach dem Überfall der radikalislamischen Hamas am 7. Oktober 2023, das viele Kritiker als Genozid bezeichnen. Der Krieg forderte nach Schätzungen über 70.000 Opfer.
Wenige Wochen vor dem Finale unterzeichneten mehr als 1.100 Kulturschaffende und Musiker den Boykottaufruf. Zu den prominentesten Namen zählen Björk, Brian Eno und Paul Weller sowie Sigur Rós, Mogwai, Primal Scream, Hot Chip und Kneecap. Der offene Brief richtet sich nicht nur an die European Broadcasting Union EBU, sondern auch an öffentlich-rechtliche Sender, Künstler und Fans. Darin erklären die Unterzeichner ihre Unterstützung für internationale Boykottaufrufe und fordern, den ESC so lange zu boykottieren, bis Israel vom Wettbewerb ausgeschlossen wird.
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Gleichzeitig begrüßen sie ausdrücklich, dass mehrere Länder ihre Teilnahme bereits abgesagt haben. Neben internationalen Stars haben auch ehemalige ESC-Teilnehmer den Aufruf unterschrieben, darunter auch die Sängerin Emmelie de Forest, die 2013 für Dänemark gewann. Nemo, der ESC-Gewinner von 2024, gab aus Protest gegen die Teilnahme Israels seine Siegertrophäe zurück.
New York Times deckt Kampagne auf
Die Kampagne „No Music For Genocide“ fordert, den israelischen Sender Kan vom Wettbewerb auszuschließen. Sie wirft ihm sowie dem Staat Israel, den er vertritt, eine Mitverantwortung für schwere Menschenrechtsverletzungen im Gazastreifen, im Westjordanland und im Libanon vor.
Die Initiatoren kritisieren die EBU scharf und sprechen von „Heuchelei“: Während Russland nach dem Angriff auf die Ukraine ausgeschlossen wurde, dürfe Israel weiterhin teilnehmen. Der ESC werde, so der Vorwurf, zur politischen Imagepflege genutzt. Darüber hinaus rufe die Kampagne Musiker dazu auf, ihre Musik in Israel nicht mehr verfügbar zu machen, etwa durch Geoblocking auf Streaming-Plattformen.
Die New York Times hat in einer aufwendigen Recherche, die sie am Montag veröffentlichte, aufgedeckt, dass die israelische Regierung im vergangenen Jahr über eine Million Euro ausgeben haben soll, um die Eurovision-Abstimmung zu beeinflussen. Israelische Botschaften und gesponserte Kampagnen riefen dazu auf, bis zu 20 Mal für die israelische Kandidatin zu stimmen, die durch das Publikumsvoting am Ende überraschend auf Platz zwei landete. In diesem Jahr wurden deshalb die Regeln geändert.
Mehrere Kundgebungen in Wien geplant
Rund um den Wettbewerb sind in Wien sowohl propalästinensische als auch proisraelische Demonstrationen geplant. Am Sonntag fand unter starken Sicherheitsvorkehrungen eine erste Demo gegen die Teilnahme Israels statt. Hunderte Polizisten sollen bis zum ESC-Finale am kommenden Samstag für Sicherheit sorgen.
Vergangenes Jahr hatte der österreichische Countertenor JJ mit seinem Song „Wasted Love“ den ESC gewonnen und den diesjährigen Wettbewerb damit in die Alpenrepublik geholt. Für Deutschland tritt Sarah Engels mit ihrem Song „Fire“ an. Die 33-Jährige wurde 2011 als Zweitplatzierte der RTL-Castingshow „Deutschland sucht den Superstar“ bekannt.
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